Bei Mercedes dient der Vierrad-Antrieb vor allem der Sicherheit

Der Wind hat hier oben immer ein bisschen ganz feinen Schnee dabei. Von der drei Meter hohen Schneewand links der Straße zischt die weiße Pracht herunter – diese Fahrbahnseite ist voller Schnee, auf der rechten schimmert noch nass schwarzer Asphalt. Unterschiedliche Reibwerte auf beiden Seiten, genau das richtige Testszenario für unseren Mercedes GLK 220 CDI mit dem Allrad-System 4Matic.

Alles automatisch
Mercedes bietet mit 51 Allrad-Modellen eines der breitesten Vierrad-Angebote am Pkw-Markt an. Das Gelände-Urgestein vom Typ G-Klasse hat dabei als einziges Mercedes-Modell manuell zuschaltbare Differenzialsperren. Der Dinosaurier wird laut Mercedes so lange gebaut werden, wie Kundschaft dafür da ist – und das Militär wird es wohl noch eine Weile geben. Alle anderen Allrad-Mercedes-Modelle greifen auf das 4Matic genannte System zurück, welches die nötigen Einstellungen ununterbrochen von selbst vornimmt. Die Stuttgarter sprechen hier von einer der leichtesten und effizientesten Allrad-Technologien. Schon allein die Tatsache, dass die 4Matic permanent arbeitet, sichert gegenüber einem sich automatisch zuschaltenden System Vorteile in Sachen Reaktionsgeschwindigkeit.

Mit leichtem Heck-Touch
Grundsätzlich verteilt sich das Moment bei der 4Matic zu 45 Prozent auf die Vorderachse und zu 55 Prozent auf die Hinterachse. Zudem arbeitet die Lamellensperre im Zentraldifferenzial mit einer Sperrwirkung von 50 Newtonmeter. Diese Lamellensperre verschiebt das Antriebsmoment bei Bedarf zu 70 Prozent auf die Vorder- oder Hinterachse – eine Voraussetzung dafür, dass die zusätzlichen Regelsysteme wie ESP (elektronisches Stabilitätsprogramm), 4ETS (elektronische Differenzialsperre) und ASR (Antriebs-Schlupfregelung) so spät wie möglich eingreifen müssen und so möglichst viel Antriebsmoment in Vortrieb umgesetzt werden kann.

Anfahren geht glatt
Irgendwann ist es soweit: Man kommt auf der verschneiten Bergauf-Strecke zum Wintersport-Ort zum Stehen und versucht wieder loszukommen. Hier hilft das Allrad-Regelsystem 4ETS. Verschiedene Fahrbahnzustände werden erkannt und per Bremseneingriff wird ein hohes Beschleunigungsvermögen bei geringem Radschlupf ermöglicht. Dies gilt auch für die eingangs erwähnte Fahrbahn mit verschiedenen Reibzuständen links und rechts. Nach dem Reibungskoeffizienten "μ" (gesprochen: Mü), heißt diese Situation μ-Split. Bei offenem Achsdifferenzial gibt das Rad mit dem kleineren Reibwert die maximal übertragbare Antriebskraft vor. Steht der Wagen also mit einer Seite auf Eis und der anderen Seite auf Asphalt, dann drehen die auf Eis stehenden Räder durch, das Fahrzeug könnte nicht anfahren. 4ETS erkennt die Situation und bremst das durchdrehende Rad ab. Nun kann sich das Rad mit dem höheren Reibwert, also das auf dem Asphalt stehende, am abgebremsten Rad "abstützen" und der Wagen kommt in Bewegung. Dem Fahrer wird dies egal sein, Hauptsache er kommt von der Stelle. In unserem Test-GLK funktionierte das μ-Split-Anfahren, als wenn wir auf einer trockenen Straße unterwegs wären.

Kaum noch Tiefschnee-Geeier
Auch ESP und ASR liegen ständig auf der Lauer, überwachen permanent die Längs- und Querbeschleunigung unseres Wagens. Ununterbrochen werden die ASR-Regelschwellen der Fahrsituation angepasst. Um bei Kurvenfahrt ein Ausbrechen des Fahrzeugs zu verhindern, wird die Längskraft per Motormomentenregelung so eingestellt, dass immer noch ausreichend Querkraft zur Verfügung steht. Es wird nur so viel Motormoment an die kurvenäußeren Räder gebracht, dass die Reifen ausreichende Querkräfte aufbauen können. Droht das Fahrzeug trotzdem noch auszubrechen, greift das ESP per Bremseingriff stabilisierend ein.

Fahrgefühl: Beinahe unspektakulär
Unsere Fahrt mit dem GLK 220 CDI in über 2.500 Meter Höhe verläuft beinahe unspektakulär. Nasse Kurven, glatte Kurven, Eishügel oder butterweiches Wasser-Schnee-Gemisch: Der Wagen hält die Spur, regelt auch ungestüme Fahrweise sanft auf ein sicheres Maß runter. Wenn die ESP-Lampe in der Armaturen-Anzeige blinkt, sollte aber jeder Fahrer wissen, dass es an der Zeit ist, etwas vom Gas zu gehen. Wir merken: Die 4Matic ist viel mehr als nur vier angetriebene Räder. Ausgefuchste Regelsysteme rackern permanent im Hintergrund, um die Fahrsituation im Griff zu behalten. Davon wiederum merken wir nichts – das sichere Vorankommen wird für uns schnell selbstverständlich.

Bildergalerie: Kein Asphalt?