Neue Marke Qoros debütiert auf dem Genfer Autosalon

Das sieht man selten: Auf einem Stand des Autosalons in Genf sind alle Fahrzeuge verhüllt. Hier, in Halle 6, zwischen den Ausstellungsflächen von Kia, Infiniti und Citroën feiert nicht nur ein neues Modell, sondern gleich eine ganze Marke Weltpremiere. Wir waren vorort um einen Blick auf die Autos zu erhaschen und mit dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Newcomer, Volker Steinwascher, zu sprechen.

Multikulti
Qoros heißt der Neuling, der gemeinhin als chinesischer Hersteller bezeichnet wird, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Qoros Automotive ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Chery Automobile, einem der größten chinesischen Autobauer, und Idan Ofers Israel Corporation, unter anderem Investor des Schnelltausch-Systems von Elektroautobatterien ,Better Place". Für die Gestaltung der Fahrzeuge ist Gert Hildebrand, vormals Designchef bei Mini, zuständig, als stellvertretender Vorstandsvorsitzender konnte der ehemalige VW-Vorstand Volker Steinwascher gewonnen werden.

Ex-VW-Vorstand Volker Steinwascher
Steinwascher ging 2006 in Pension, doch das Rentenleben währte nur knapp vier Wochen. Als Ofer anfragte, ob der Ruheständler beim Aufbau einer neuen Marke mitarbeiten wolle, musste Steinwascher nicht lange überlegen: ,Ich war gelangweilt und meine Frau von meiner permanenten Anwesenheit genervt. Da fiel die Entscheidung nicht schwer". Die Arbeit bei Qoros ist mit der Tätigkeit bei VW allerdings nicht vergleichbar. Auf der einen Seite ein Weltkonzern und DAX-Unternehmen mit über einer halben Million Mitarbeiter, auf der anderen Seite ein kleines Start-Up mit großen Plänen.


Pionierarbeit
Statt Verwaltung betreibt Steinwascher nun Pionierarbeit: ,Angefangen haben wir mit drei Personen und einem weißen Blatt Papier". Warum etwas völlig Neues aufbauen? Wäre es nicht einfacher gewesen, eine existierende Marke weiterzuentwickeln oder auszubauen? ,Ursprünglich haben wir daran gedacht, mit einer bereits existierenden Marke zu arbeiten, aber von null zu beginnen hat auch Vorteile: Man ist vollkommen frei in den Entscheidungen, die man trifft, muss keine Kompromisse eingehen. Es gibt kein Erbe und keine Paradigmen."

Positionsgerangel
Doch wie positioniert sich ein unbekannter Neuling im heiß umkämpften Automobilmarkt, besonders in Zeiten der Krisenangst und sinkender Absatzzahlen? Die Geburt der Marke erfolgte mitten in der Wirtschaftskrise 2008. ,Der Zeitpunkt unseres Starts war kein einfacher", gibt Steinwascher zu, ,aber wir lassen uns davon nicht verunsichern. Gut Ding will Weile und wir arbeiten geduldig aber kontinuierlich daran, unseren Standpunkt in der Branche zu festigen, zumal in China in dieser Hinsicht große Entwicklungschancen bestehen."

Immer vernetzt
Mit welchen Eigenschaften will Qoros die Käufer überzeugen, worin unterscheidet man sich von anderen Marken? Steinwascher antwortet bedächtig: ,Wir haben viele Testfahrten mit Konsumenten unternommen, um herauszufinden, was Menschen heute mögen, was ihnen wichtig ist. Die jungen Chinesen sind extrem anspruchsvoll und informiert. Das Internet und soziale Medien spielen eine wichtige Rolle. Deshalb sind die Qoros-Fahrzeuge serienmäßig mit einem 8-Zoll-Bildschirm ausgestattet, auf dem sich das Infotainmentsystem mit Wischbewegungen steuern lässt. Auf Wunsch ist man unterwegs ständig vernetzt. Der Qoros 3 ist das erste soziale Auto."


150.000 Einheiten im ersten Jahr
Man glaubt an den Erfolg. Das neu errichtete Werk in Changshu hat eine anfängliche Produktionskapazität von 150.000 Einheiten und so viel Fahrzeuge sollen auch gleich im ersten Jahr weltweit verkauft werden. Steigt der Bedarf, können in Changshu bis zu 450.000 Autos jährlich vom Band laufen. Im Moment arbeiten die Verantwortlichen fieberhaft am Aufbau eines Händlernetzes. 160 Niederlassungen sind für China geplant, 50 bis 70 sollen es schon Ende dieses Jahres sein.

Privat 911
Wo würden sie die Marke einordnen Herr Steinwascher? ,Unsere Autos sollen hochwertig aber bezahlbar sein. Qoros ist keine Billigmarke. Qualität hat ihren Preis." Auf den Einwand, dass Dacia trotz äußerst günstiger Fahrzeuge eine hohe Kundenzufriedenheit verzeichnet, reagiert der 70-jährige prompt: ,Das stimmt. Dacias sind gut, um einen problemlos von A nach B zu bringen. Was ihnen fehlt, sind Emotionen. Ein Auto muss emotional sein." Er lächelt verschmitzt: ,Deshalb fahre ich privat einen 911er."

Sicher für Europa
Qoros ist nicht der erste chinesische Automobilhersteller, der versucht auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Bislang waren die Versuche erfolglos. Die Modelle von Jiangling Motors und Brilliance China Autos versagten kläglich in Crashtests und China Automobile musste seine Fahrzeuge wegen Plagiatsvorwürfen vom Markt nehmen. Bei Qoros setzt man deshalb auf eine Mischung aus fernöstlicher Aufbruchsstimmung und europäischem Know-how. Eigene Design-Teams in Schanghai und Graz kümmern sich um das Erscheinungsbild der Qoros-Modelle, interne Crash-Tests werden in Kooperation mit europäischen Institutionen durchgeführt. Ein Lächeln huscht über Steinwaschers Gesicht als er erzählt, die ersten Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die höchsten europäischen Standards erreicht werden könnten.


Namhafte Zulieferer
In puncto Zulieferer setzt man bei Qoros auf bewährte Namen, genannt werden unter anderem Magna Steyr, Continental, Bosch und Microsoft. Das Getriebe kommt von Getrag, die Motoren von Chery, die gesamte Feinabstimmung übernahmen die Qoros-Ingenieure selbst. Man wolle möglichst viel selber machen, so Steinwascher, kein Auto zusammenstückeln. Das sei eines der Hauptprobleme der anderen chinesischen Marken gewesen: Die Gesamtfahrzeugbetrachtung fehlte.

Qoros 3 spätestens 2015 in Deutschland
Auf dem Genfer Messestand wird es indes spannend: Vor den Augen der dicht gedrängt stehenden Medienvertreter lüften Steinwascher und Hildebrand das Tuch und geben den Blick auf den Qoros 3 frei. Die Kompaktlimousine ist das erste Serienfahrzeug der Marke und soll bereits Ende des Jahres in China ausgeliefert werden. Es folgen Osteuropa und spätestens im Jahr 2015 auch Deutschland. Das Design ist reduziert und geradlinig, überzeugen soll der Viertürer vor allem mit dem Infotainmentsystem. Der Einstiegspreis liegt, laut Volker Steinwascher, bei unter 20.000 Euro.

Crossover und Kombi
Zwei weitere Qoros-Modelle liesen in Genf die Hüllen fallen: Der Qoros 3 Cross Hybrid Concept ist ein kompaktes SUV mit Hybridantrieb, der Qoros 3 Estate Concept, ein Kombi, zielt hauptsächlich auf die europäische Kundschaft ab. Beide Fahrzeuge sind derzeit noch Studien, Serienversionen sind allerdings angedacht.

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