Mobilität der Zukunft: So fährt der Mercedes S 500 Intelligent Drive

Ich gebe zu, mir war anfangs etwas mulmig. Aber Bertha brauchte nur ein paar Kreuzungen, um mir meine Angst zu nehmen. Bertha ist eine S-Klasse und sie fährt komplett von selbst. Vor gut einem Jahr tat sie das auf der legendären Bertha-Benz-Strecke von Mannheim nach Pforzheim so gut, dass die Techniker sie niedlicherweise mit dem Namen der Auto-Pionierin versahen. Nun sitze ich auf dem Rücksitz von Bertha, die eigentlich ein S 500 Intelligent Drive ist, und werde völlig autonom durch Sunnyvale kutschiert. Passt ja irgendwie, denn Sunnyvale befindet sich im Zukunfts-Paradies Silicon Valley, wo Daimler ein Entwicklungszentrum unterhält. Der Standort ist weise gewählt, schließlich erlaubt Kalifornien exklusiv Testfahrten auf öffentlichen Straßen auch ohne menschliches Zutun.

Technik schon weitgehend heute verfügbar
Wäre da nicht dieser gewaltige Computer-Bildschirm, der alle möglichen Anhaltspunkte am Streckenrand anzeigt, an denen Bertha sich orientiert, könnte man denken, man säße in einer stinknormalen S-Klasse. Was man auf den ersten Blick nicht unbedingt sieht, sind die Menge an Ultraschall- und Radarsensoren oder die Stereokameras an Front und Heck, mit denen Bertha sich durch den Verkehr scannt. Und natürlich der Monster-Rechner, der die Unmengen an Daten zusammenführt und in sinnvolle Fahrbefehle umsetzt. Dr. Jörg Hillenbrand, der an der Entwicklung der fahrerlosen Mercedesse beteiligt ist, erklärt, dass ein Großteil der verwendeten Technik bereits in der aktuellen S-Klasse zu haben ist. Die fährt, zum Beispiel im Stau, ja auch schon weitgehend selbständig oder legt Vollbremsungen hin, wenn sie eine Gefahrensituation erkennt.

Noch etwas wackelig auf den Beinen
Bertha erkennt alle Gefahrensituationen. Und das, obwohl der Straßenverkehr in den USA ein gutes Stück anders aussieht als bei uns in Deutschland. Die Straßen sind viel breiter und nicht selten fünf- oder sechsspurig. Außerdem stehen Ampeln auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Nichtsdestotrotz kämpft sich Bertha unbeirrt durch schwierige Kreuzungen. Sogar das gefürchtete Einfädeln oder Autobahnauffahrten sind kein Problem (damit ist sie den meisten deutschen Autofahrern einen gehörigen Schritt voraus). Dass Beschleunigungs- und Bremsmanöver noch etwas arg hölzern von der Hand gehen und es beim Abbiegen sehr vorsichtig und langsam zugeht, sei der intelligenten S-Klasse dabei ausnahmsweise verziehen. Je öfter die Protokollstrecke gefahren und ausgewertet wird, desto sicherer werden die Aktionen letztlich gemeistert.

Heikle Daten
Mindestens genauso wichtig wie das autonome Fahren selbst, ist der Umgang mit den unvorstellbaren Datenmengen, die dabei entstehen. Es ist ein sehr heikles Thema, das Hersteller und Behörden in Zukunft weit mehr beschäftigen wird, als ihnen lieb sein dürfte. Berthas Rechner zeichnen pro Sekunde 100 Megabyte an Daten auf. All das zu speichern, wäre der blanke Irrsinn. Daher sind Personen und andere Autos auf Berthas Bildschirm nur schemenhaft zu erkennen. Um mögliche Unfallhergänge zu rekonstruieren, gibt es den sogenannten Event Recorder, der in einem Ringspeicher die letzten 30 Sekunden Fahrt aufzeichnet und sie anschließend sofort wieder löscht. Das Ganze funktioniert wie in einer Endlosschleife. Auf die Frage, was passiert, wenn zwei autonome Fahrzeuge kollidieren, hatte man bei Mercedes aber noch keine vernünftige Antwort parat. Es dürfte interessant werden, wie man hier künftig mit der Schuldfrage umgeht.

Zeit und Raum als größter Luxus
Denn im Moment kann der Pilot seinen autonom fahrenden Boliden noch überstimmen und zur Not einfach selbst beherzt in die Eisen treten, aber irgendwann sollen er und seine Mitinsassen den Straßenverkehr komplett vergessen können und das tun, wozu sonst keine Zeit bleibt: Arbeiten, mit den Kindern spielen oder einfach entspannen. Mercedes-Designer haben dafür einen neuen Innenraum entworfen, der eher einer Lounge im Jahr 2050 gleicht, als einem Cockpit, wie wir es kennen. Alle Sessel lassen sich nach belieben drehen, es gibt jede Menge Displays (sogar in den Türen), die sogar die äußere Umgebung nach innen holen und einen großen Tisch, der als Zentrale für den Wust an Multimedia-Funktionen dient. Die Bedienung erfolgt über Berührungen oder Gesten. Ob man im heimischen Wohnzimmer sitzt oder im Auto soll künftig fast egal sein. Zeit und Raum sind für die Schwaben und für die Zukunftsforscher, die sie in Sunnyvale beschäftigen, das größte Gut in einer immer engeren, urbanisierten Welt.

Autonom ab 2030?
Oder auch in den unzähligen amerikanischen Suburbs, wo die Bevölkerung bereits heute so gut wie alles im Auto macht: Weite Wege ins Büro, weite Wege für Besorgungen oder eine Stunde in der Reihe anstehen, nur um den Sprössling von der Schule abzuholen. Megacities und Vororte – beide werden vor allem in den USA in Zukunft bevölkerungsmäßig explodieren. Laut Daimler-Trendforscher Fred Kim werden in den USA bis 2030 gut 40 Millionen Menschen mehr leben als jetzt. Zudem besitzen 96 Prozent der Amerikaner ein Auto und sie verbringen, wie beschrieben, viel mehr Zeit darin als wir Europäer. Zeit, die sie auch sinnvoller nutzen können. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass Berthas Nachkommen zuerst in den Vereinigten Staaten aufschlagen. Bis 2030 will Mercedes die ersten autonom fahrenden Autos auf der Straße haben.

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