Subaru Impreza GT 1998 gegen WRX STI 2016

,Jaja, früher war alles besser" – wissen Sie eigentlich, wie oft ich diesen Satz als junger Journalist von meinen in Würde ergrauten Kollegen um die Ohren gehauen bekomme? Nein? Zu oft. Aber ich lasse mich ja gerne eines Besseren belehren, man lernt ja schließlich nie aus. Wie der Zufall will, ist heute der Tag, an dem ich dem geflügelten Satz auf den Grund gehen werde. Passenderweise stehen vor mir zwei Autos, zwischen denen 18 Jahre und mehrere Modellgenerationen liegen: der Subaru Impreza GT von 1998 tritt gegen den WRX STI von 2016 an. Unfair? Quatsch. Ich möchte doch nur wissen, ob früher wirklich alles besser war.

Der Impreza GT macht den Anfang
Ich gebe heute dem älteren Impreza den Vortritt. Und zwar ohne zu sagen, dass ,Alter vor Schönheit" geht. Schließlich sieht der Impreza GT aus, als hätte man ihm gerade die legendäre 555-Lackierung vom Blech gezogen und eine frische Schicht Silber darüber gelegt. Erinnerungen an ganze Wochenenden vor dem Fernseher auf Papas Schoß und der Live-Übertragung der Rallye-WM kommen auf. Colin McRae wurde 1995 auf dem Impreza WRC der Modellreihe GC8 Weltmeister und mein Herz schlägt seit dieser Zeit für die Allrad-Limousine aus Japan. Der GT kommt mit dem flachen Spoiler und dem unauffälligen aber funktionalen Styling der Stoßstangen zwar weniger aggressiv daher als sein 18 Jahre jüngerer Nachfolger, trotzdem passt das Design von vorne bis hinten. Die großen Nebelscheinwerfer in der Front schreien ,Col de Turini, Arganil und Ouninpohja", den charakteristischen Lufteinlass auf der Motorhaube hat der GT dem WRX STI vererbt.

90er-Chic im Innenraum
Im Innenraum des GT – übrigens Neuzustand mit nur 2.600 Kilometer auf der Uhr – sorgen die hervorragenden Schalensitze und das griffige Momo-Sportlenkrad für noch mehr WRC-Feeling. Die Materialien sind ziemlich ,90er" und würden heute wohl nicht einmal mehr in einem Dacia Verwendung finden. Aber: Es fehlt mir an Nichts. Die Tachoeinheit kommt mit einem großen Drehzahlmesser daher, die Sitzposition ist richtig gut und die Augen streifen beim Blick durch die Frontscheibe den gigantischen Luftschlund – so einfach kann es sein. Klar, die Schalter der Fensterheber sind nicht sehr feingängig, die Lüftung nicht mehr zeitgemäß und einen Zigarettenanzünder findet man heute auch in kaum einem Neuwagen mehr. Aber: der GT ist schließlich auch 18 Jahre alt – da war vieles noch anders. Auch besser? Zeit, den Impreza von der Kette zu lassen.

Turboloch? Ohja
Dreht man den Zündschlüssel – total oldschool, der WRX STI erwacht auf Knopfdruck – rechts neben dem Lenkrad herum, ist man erst mal ein bisschen enttäuscht: so leise. Naja, die Zeit der künstlichen Soundverstärker war 1998 noch nicht angebrochen. Eigentlich schön. Außerdem läuft der Motor dank Boxer-Bauweise – Subaru verbaut nichts anderes in seinen Fahrzeugen – sehr ruhig. Das Grinsen kommt dann beim Durchbeschleunigen. Der Zweiliter-Turbo spricht schnell an und dreht willig hoch. Den Einsatz des Laders kann man sowohl akustisch als auch haptisch miterleben. Mit grandiosen ,Shhh-Wushhhh"-Geräuschen nimmt die Turbine Fahrt auf. Ein sehr großes Turboloch später schießt der GT nach vorne. 211 PS: Das klingt nicht nach viel, doch bei 1.230 Kilogramm Lebendgewicht reicht das für jede Menge Spaß. Die Schaltwege sind für heutige Verhältnisse viel zu lang, das Handling knochig. Trotzdem: Man fühlt sich wie in einem richtigen Rallyeauto. Der Allrad krallt sich in die Straße, zerrt an der Lenkung, katapultiert den GT nach vorne.

Auch in Kurven eine Freude
Das große Momo-Lenkrad liegt gut in der Hand, die Lenkung gibt ein sehr schönes Feedback, ist aber viel zu indirekt und viel zu weich übersetzt. Das Fahrwerk macht einen verblüffend perfekten Spagat zwischen Straffheit, Seitenneigung und Kurvenlage. Der flache Boxer-Motor trägt auch seinen Teil zur geringen Wankneigung bei. Übrigens: Subaru feiert 2016 das 50-jährige Boxer-Jubiläum. Die Bremsen? Okay. Von den kleinen Schwimmsätteln darf man sich einfach nicht zu viel erwarten, aber es ist mehr als ausreichend. Der GT macht Spaß, weil er so ursprünglich ist, so rau, mit Ecken und Kanten. Heute würde ein solches Auto wohl niedergeschrieben werden. Zu viel Charakter. Zu ungeschliffen. Ich finde ihn klasse.

Zeitreise ins Jahr 2016
Umstieg in den 2016er Subaru WRX STI. Man merkt schon am Namen: Hier hat sich einiges verändert. Warum das beflügelte Rallyeauto für die Straße nicht mehr Impreza heißen darf? Damit er sich mehr von der Basis-Limousine abhebt. Die Verbindung zur erfolgreichen Motorsport-Vergangenheit geht so schon ein bisschen verloren. Immerhin: Optisch sieht der STI immer noch aus, als könnte man mit ihm aus dem Stehgreif heraus bei der Rallye Deutschland antreten. Im klassischen ,Blue Mica" lackiert, mit einem gewaltigen Heckflügel auf dem Kofferraumdeckel – so muss eine sportliche Limousine aussehen. Die Außenmaße sind im Vergleich zu seinem Urahn deutlich gewachsen, der WRX überragt den Impreza GT in Länge, Höhe und Breite. Auch die Räder sind deutlich größer, hinter den 19-Zöllern verstecken sich an der Vorderachse große Brembo-Festsattel-Bremsen.

Zu voller Innenraum
Im Innenraum ist der Sprung durch die Jahrzehnte besonders deutlich: modernere Technik, hochwertigere Materialien, ein fest eingebautes Navi. Doch das Cockpit des WRX STI erscheint durch die Vielzahl an Knöpfen und Tasten nicht nur zeitgemäßer, sondern auch ein wenig unfokussierter und gewöhnlicher als das des Impreza GT. Das Lenkrad ist völlig überladen, die Mittelkonsole trägt mehr Knöpfe als ein Holzfällerhemd. Klar, irgendwie muss sich das Infotainment-System steuern lassen, aber wenn man wie ich heute nur auf Fahrspaß aus ist, stört das Überangebot. Die Sitze punkten zwar mit einem schönen Alcantara-Leder-Mix, bieten aber kaum Seitenhalt und haben ohne integrierte Kopfstütze auch nichts mehr vom Sportschalen-Charme des alten GT übrig.

Schnell. Sehr schnell.
Ich starte den Motor – wie bereits erwähnt – über einen Tastendruck rechts neben dem Lenkrad. Der Schlüssel fliegt irgendwo lieblos in der Mittelkonsole umher. War der recht leise Ton des Impreza GT noch wenig überraschend, verblüfft die ruhige Stimmlage des WRX STI umso mehr. Anscheinend sind auch hier keine künstlichen Soundverstärker an Bord – ein Pluspunkt. Ich trete die angenehm harte Sportkupplung und lasse den ersten Gang in die obere linke Gasse flutschen. Die Schaltwege sind extrem kurz und knackig, kein Vergleich zum mittelalterlichen Rührstab des GT. Dank seines ausgefeilten Allrad-Systems schießt der STI nach vorne, dass es nur so kracht. Traktion ist immer vorhanden, egal in welcher Lebenslage. Vor Kurven staucht die hervorragende Brembo-Anlage den Subaru zusammen, dann kommt die sehr direkte und gefühlvolle Lenkung ins Spiel. Kurven kann er, der STI. Am Ausgang stelle ich das blaue Flügelmonster wieder einigermaßen gerade und vertraue dem Allrad meine Traktionswünsche an. Der 300-PS-Boxer-Motor mit 2,5 Liter Hubraum und vier Zylindern ist deutlich moderner ausgelegt als der im GT: kein großes Turboloch, eine ausgewogene Fahrbarkeit. Allerdings merkt man dem Aggregat auch an, dass es schon seit 2006 im STI verbaut wird – kein Vergleich zu modernen Turbo-Motoren der so beliebten Hot Hatches wie Seat Leon Cupra oder Ford Focus RS.

Früher war manches besser
Nach einer ausgedehnten Testrunde durch den Wetteraukreis parke ich den WRX STI wieder neben seinem silbernen Großvater. Beide sind würdige Vertreter der Subaru-Rallye-Familie, beide machen eine Menge Spaß, nur einer mehr als der andere. Der Impreza GT von 1998 punktet mit einem rauen, echten Charakter, mit der Ungeholbeltheit eines Rallyeautos und mit dem Charme der späten 90er. Der WRX STI ist ein modernes, schnelles und ausgewogenes Auto. Er kann nur nicht die gleichen Emotionen in mir auslösen wie der alte GT. War früher nun wirklich alles besser? Bestimmt nicht. Aber einiges war auf jeden Fall echter.

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