Hersteller rufen hunderttausende Autos wegen Abgas-Schummeleien zurück

Wer geglaubt hat, Autohersteller würden ihr Möglichstes tun, um die Umwelt sauber zu halten, sieht sich getäuscht. Denn offenbar haben zahlreiche Marken bei den Dieselabgasen geschummelt: Viele Autos halten die NOx-Grenzwerte der Euro-6-Norm nur bei Temperaturen um die 20 Grad ein, wie sie auf dem Rollenprüfstand herrschen, nicht aber bei niedrigeren Temperaturen. Bei manchen Modellen wird angeblich schon unter 18 Grad die Abgasreinigung heruntergefahren. Nach diversen Zeitungsberichten rufen deshalb Mercedes, Opel, Audi, Porsche und VW-Nutzfahrzeuge nun insgesamt 630.000 Fahrzeuge zurück. Dies berichten unisono die Online-Ausgaben von FAZ, Süddeutscher Zeitung, Handelsblatt und Spiegel. Die Medien berufen sich auf einen ranghohen Vertreter der Bundesregierung.

Sauber im Labor, schmutzig auf der Straße
Bereits Anfang März 2016 hatte das niederländische Forschungsinstitut TNO über Messungen berichtet, nach denen ein Mercedes C 220 CDI im Labor den NOx-Grenzwert von Euro 6 (80 Milligramm pro Kilometer) eingehalten hat, auf der Straße bei null bis vier Grad Celsius aber kläglich versagte: Die NOx-Emissionen lagen bei dem Achtfachen des Grenzwertes (650 Milligramm). Mercedes hatte dazu gesagt, dass bei niedrigen Temperaturen Maßnahmen aktiv seien, die eine Beschädigung des Motors verhindern würden. Die EU-Emissionsverordnung 715/2007/EG erlaubt solche Abschaltvorrichtungen, wenn Motorschäden drohen – zum Beispiel durch so genannte Versottung, einer schleimartigen Ablagerung von Ruß, Kohlenwasserstoffen und Wasser im Motor und den dazugehörigen Leitungen.

Thermofenster-Regelung missbraucht?
Offenbar ist nicht nur ein einzelner Mercedes betroffen, sondern viele Dieselfahrzeuge. Und es regt sich der Verdacht, dass die Thermofenster-Regelung missbraucht wird, um die Euro-6-Grenzwerte zu umgehen. Dies legt ein Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom vergangenen Mittwoch (20. April) nahe. Nach Erkenntnissen des Rechercheverbundes von SZ, WDR und NDR hat das Kraftfahrtbundesamt bei eigenen Tests ähnliche Ergebnisse wie TNO erzielt. Die Tests hätten sich auf über 50 Autos von Mercedes, BMW, VW, Ford, Opel, Renault, Peugeot, Fiat und anderen Konzernen erstreckt. Etliche Hersteller hätten die Thermofenster-Regelung ,zweifelhaft genutzt". Nach dem Bericht waren KBA und Verkehrsministerium entsetzt: ,Ein solches Ausmaß hätten wir uns nicht vorstellen können", zitiert die SZ einen nicht genannten Regierungsvertreter. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wolle aber erst genaue Erkenntnisse haben, bevor man an die Öffentlichkeit gehe, so die SZ.

Illegal oder legal?
Wenn das Abschalten der Abgasreinigung nicht zum Motorschutz nötig ist, könnte es sich um illegale Vorrichtungen handeln. Doch egal, ob die Abschaltvorrichtungen nun den Vorschriften entsprechen oder nicht: Viele Käufer und die Öffentlichkeit dürften sich getäuscht fühlen, wenn die Abgasreinigung zwar in einem mehr oder wenigen kleinen ,Thermofenster" im Labor funktioniert, nicht aber im realen Verkehr bei Temperaturen, wie sie in Deutschland absolut gängig sind. Die Ergebnisse könnten das mühsam aufgebaute Saubermann-Image der Hersteller zu Fall bringen – mit gravierenden Folgen für die Vorschriften, von schärferen Abgasregeln bis zum möglichen Ende der Niedrigbesteuerung von Dieselkraftstoff.

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