Im Test: Wey VV7, Borgward BX7 und mehr

Irgendwann, ja, irgendwann werde ich mich daran gewöhnen, in China Autos zu testen. Irgendwann. Da bin ich mir sicher. Aber jetzt, als unser rauchender Dieselbus von einer schmalen Betonstraße auf eine noch schmalere, schlammige Straße abbiegt, bin ich Lichtjahre entfernt von einer typischen Fahrveranstaltung wie ich sie aus meiner Welt kenne.

Der Bus hält an einer kleinen Rennstrecke namens Haoting Fugang Race Track. Keine anderthalb Kilometer lang, ist diese Strecke nicht so viel anders als viele kleinere Rennkurse daheim. Doch das völlige Fehlen von Sicherheitsbarrieren sowie die Entenfarmen in der Umgebung erinnern mich daran, dass ich nicht daheim bin. Auch die sechs fremd aussehenden (und definitiv rennstreckenuntauglichen) Fahrzeuge, die hier unter einem riesigen Werbebanner mit chinesischen Schriftzeichen stehen, machen das deutlich. Okay, darunter sind ein kleiner BMW und eine E-Klasse, die mehr oder weniger so aussehen wie bei uns. Aber die anderen vier Autos von chinesischen Herstellern sind für mich völlig neu.

Doch gerade diese vier sind der Grund dafür, dass ich hier bin. Schon lange treibt mich die Frage um, wie sich chinesische Autos fahren. Die schlechte Bauqualität und die mangelnde Dynamik werden oft bemängelt. Aber ich will mir hier mal die Realität ansehen und ein paar Fahreindrücke sammeln. Bevor ich dazu komme noch ein paar Anmerkungen zum Haftungsausschluss: Alle Fahrten wurden auf einer sehr kurzen, flachen Strecke oder auf einem ,Handling-Kurs" (ein Bereich mit Pylonen) gefahren – nicht gerade ideal für die SUVs und Minivans, die ich hier fahre. Außerdem fehlten etliche technische Informationen, so dass ich für die Angaben unten teilweise Circa-Werte verwenden musste.

 

WEY VV7

Die Daten
2,0-Liter-Turbobenziner, vier Zylinder, ca. 230 PS / 360 Newtonmeter, Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, Frontantrieb. Preis in China: ca. 21.000 bis 25.000 Euro

Das vielversprechendste Auto
Nach einer faszinierenden Unterhaltung mit dem Firmenchef von Wey hat mich der VV7 beim Fahren am meisten begeistert. Wey ist die Luxussparte von Great Wall und bietet derzeit zwei SUVs mit Frontantrieb an. Und Wey hat bisher das glaubwürdigste Produkt für die USA und/oder Europa.

Außen schick und innen ausreichend groß
Von außen finde ich den VV7 ziemlich modern und attraktiv. Instinktiv sucht man nach den Design-Vorbildern – die Beobachtungen reichen vom Mazda CX-7 bis zum Maserati Levante –, aber das gilt wohl für die meisten Fahrzeuge dieser Art. Die winzige Scheibe in dem verwegenen Heck führt zusammen mit der hohen Gürtellinie zu einer schlechten Rundumsicht. Doch bietet der Fünfsitzer ähnlich viel Raum wie andere Fahrzeuge dieser Größe (zum Beispiel der Ford Edge oder der Toyota Highlander). Obwohl ich sehr groß bin, habe ich keine Probleme, eine bequeme Sitzposition zu finden. Und im Fond gibt es genug Platz für zwei mittelgroße Erwachsene – bei dreien würde es knapp werden.

In China Luxus, bei uns eher unterdurchschnittlich
Der Ford Edge ist auch in Bezug auf Innenausstattung und Finish ein guter Vergleich. Wey tritt in China im Luxussegment an, aber in Nordamerika oder Europa würde die Marke ins untere Volumensegment gehören. Das heißt, es gibt nicht viel auszusetzen an Materialien oder Ausstattung, aber verglichen mit dem neuen Mazda CX-9 oder einem VW Atlas fühlt sich das Auto alt an.

Guter Turbo, aber seltsames Getriebe
Anders auf der Strecke. Zuerst die gute Nachricht: Der Motor bietet so ziemlich alles, was ich bei einem neuen Mittelklasse-SUV in den USA erwarten würde. Der aufgeladene 2,0-Liter-Vierzylinder soll 234 PS und 360 Newtonmeter bringen. Diese Zahlen passen zu meinen Eindrücken auf der kurzen Testfahrt. Doch das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe ist ... seltsam. Der erste und der zweite Gang sind viel zu lang, so dass sich eine Anfahrschwäche ergibt – selbst wenn ich manuell schalte. Das liegt wohl an den Vorlieben des chinesischen Marktes, denn die gleiche Krankheit haben der Borgward BX7 und der Baojun 730 – doch zu diesen beiden später mehr.

Weich und wankend
Zum Fahrkomfort kann ich nichts sagen, die größte Unebenheit, die ich zum Testen habe, sind die niedrigen Curbs der Strecke. Aber wenn ich den VV7 durch die Kurven jage, zeigt sich ein weiches Fahrwerk mit starkem Karosseriewanken. Das weiche Setup aller Fahrzeuge hier ist weit entfernt von der Balance zwischen Komfort und sportlichem Handling, wie wir sie von europäischen und amerikanischen Herstellern kennen.

Aggressives ESP
Das größte Problem an der lauwarmen Dynamik des Wey ist jedoch das aggressive Eingreifen des ESP. Auf dem Handling-Kurs führt jeder Eingriff des Systems dazu, dass das Fahrzeug nahezu zum Stillstand kommt. Dies ist kein elektrisches Kindermädchen, sondern eine elektrische Domina, und sie wirkt durchaus nicht sexy. Auf der normalen Strecke muss ich das Auto ziemlich hart in die Kurve prügeln, um die gleiche Reaktion zu bekommen, aber der Eingriff ist so brutal, dass ich es auf einer öffentlichen Straße sehr unsicher fände. Kurz gesagt, im Grunde wäre dieses Fahrzeug für westliche Autokäufer interessant. Die Probleme bei Federung, ESP und Getriebe könnte man leicht beheben. Doch der Teufel steckt in den Details, und die zählen, wenn es ein Fahrzeug aus China heraus zu uns schaffen soll.

BORGWARD BX7

Die Daten
2,0-Liter-Turbobenziner, vier Zylinder, ca. 220 PS / 300 Newtonmeter, Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, Allradantrieb, Preis in China: ca. 22.000 bis 30.000 Euro

Uralt und doch neu
Borgward ist in seiner jetzigen Form erst ein knappes Jahr alt und will bald nach Europa kommen. Doch das Unternehmen betont, dass die Marke schon in den 1920er-Jahren gegründet wurde. Geschichte und Abstammung bedeuten für den chinesischen Verbraucher eine Menge. Der BX7 ist in China ein direkter Konkurrent des Wey VV7 – er ist ein mittelgroßes SUV, das in der Volksrepublik in der Luxusklasse antritt. Größe und Preis sind ebenfalls praktisch gleich, wenn auch der Allradantrieb, den Wey derzeit nicht anbietet, einen kleinen Aufpreis kostet.

Wenig Luxus im Cockpit
Trotz Sitzen, die mit ihrem Rautenmuster Audi nachäffen, und einem wirklich großen zentralen Infotainment-Bildschirm gibt es im Inneren des BX7 wenig, was man luxuriös nennen könnte. Die Verarbeitung im Cockpit ist gut. Aber die seltsame Oberfläche der Kunststoffe und das düstere Design erinnern eher an Dodge- und Chrysler-Fahrzeuge der frühen 2000er-Jahre als an aktuelle deutsche Autos.

Weniger Power, aber besser
Wie der Wey VV7 wird der Borgward von einem 2,0-Liter-Turbo angetrieben, der mit einer Siebengang-Doppelkupplung verbunden ist. Die besten Quellen, die ich finden kann, sprechen dem BX7 etwas weniger Power (221 PS und 300 Newtonmeter) zu als dem Wey. Doch auf der Teststrecke fühlt sich der Vortrieb besser an -- dank des Allradantriebs und der Gott sei Dank kürzeren Übersetzung der ersten zwei Gänge. Ebenfalls positiv: Das ESP greift bei diesem Fahrzeug nicht so brutal ein. Das entsprechende Licht blinkt gelegentlich auf, wenn ich stark aus einer Kurve herausbeschleunige oder nach der Acht auf dem Handlingkurs wieder auf Geradeauskurs schwenke. Aber das ist nichts verglichen mit dem Verhalten des vorhergehenden Autos.

Matschige Federung
Leider ist das das Einzige, wo das Setup des Borgward dem des Wey überlegen ist. Die Federung ist so weich, dass sie sich geradezu matschig anfühlt, und selbst in sehr weiten Kurven wankt das Auto stark. Die Lenkung ist wirklich langsam und völlig ohne Gefühl, was den Vorteil des AWD fast völlig verschwinden lässt, wenn man vom Anfahrverhalten absieht.

SGMW BAOJUN 730

Die Daten
1,8-Liter-Benziner, vier Zylinder, ca. 135 PS / 185 Newtonmeter, Fünfgang-Automatik, Frontantrieb, Preis in China: ca. 9.000 bis 11.000 Euro

Untermotorisiert, müde und indisponiert
Hier werde ich mich kurz halten, da es ziemlich albern ist, einen Minivan ohne Schiebetüren auf einer Rennstrecke und auf einem Handling-Kurs zu testen. Es genügt zu sagen, dass sich der Baojun 730 (von SGMW, einem Joint Venture zwischen SAIC, General Motors und Wuling) unter diesen Testbedingungen untermotorisiert, müde und völlig indisponiert ist, wenn ich versuche, ihn um die Ecke zu jagen. Doch mir wurde gesagt, dass der 730 für umgerechnet 9.000 bis 11.000 Euro erhältlich ist, was zusammen mit den sieben Sitzen die meisten, wenn nicht alle Sünden des Antriebs und des Packagings wettmacht.

Bloß nicht über 3.000 Touren gehen
Der 1,8-Liter-Vierzylinder kommt ins Strampeln, wenn ich so dumm bin, ihn über 3.000 U/min zu drehen. Glücklicherweise hält die faule Fünfgang-Automatik den Motor die meiste Zeit unter dieser Zahl. Die Leistungszahlen (135 PS und 185 Newtonmeter) sind etwas dürftig, auch wenn der Baojun eine Größe kleiner ist als die Minivans in den USA, und auch wenn Leistung im verrückten chinesischen Großstadtverkehr wenig zählt. Der Innenraum ist ziemlich praktisch, weit praktischer, als ich es von einem chinesischen Fahrzeug erwartet hätte. Das Highlight des Cockpits ist ein großer Touchscreen mit einer Software, die der eines Windows-Tablets erstaunlich ähnelt. Aber ansonsten reden wir über raue Kunststoffe, flache Sitze ohne Seitenhalt und ein Gesamtdesign, das aussieht, als wäre es ein Jahrzehnt alt oder älter.

Nur zehn Riesen
Ich habe kein Problem, hier kritisch zu sein, aber es ist fair zu wiederholen: Er kostet nur zehn Riesen. Auch in Nordamerika oder Europa würde sich sowas zu diesem Preis verkaufen, obwohl es schwer sein dürfte, damit große Geschäfte zu machen.

UND DER REST ...

Von den anderen drei angebotenen Autos hat mich der Changan CS15 EV am meisten begeistert. Leider ging dem Elektrofahrzeug ziemlich früh am Tag der Saft aus, so dass ich mich nur hineinsetzen konnte. Optisch ist das Innere eine hübsche Mischung aus Toyota Prius und Chevrolet Bolt: glänzende weiße Plastikakzente und einige große digitale Displays. Aus irgendeinem Grund hatten meine Gastgeber auch einen Mercedes E320L mit langem Radstand und einen BMW 2er mit Frontantrieb (unter der Bezeichnung "1 Series sedan") mitgebracht, beide Made in China. Der 2er fühlt sich anders, aber nicht überwältigend an. Mich erinnert er an eine etwas noblere Version der Mazda 3 Limousine. Und die E-Klasse ist, naja ... lang. Aber abgesehen von der Limousinen-Atmosphäre auf dem Rücksitz ist das Auto nicht wirklich bemerkenswert.

Die Zeit ist nah ...
Das Fazit ist für mich wenig überraschend: Die zwei neuesten Fahrzeuge, von Marken, die nach Europa und die USA drängen, sind am beeindruckendsten. Wenn man sich die SUVs von Wey und Borgward ansieht, ist der Weg nicht mehr weit, bis chinesische Fahrzeuge auf unseren Straßen erscheinen werden. So könnte es sein, dass ich in den kommenden Jahren öfter nach China reise. Eine weit entfernte Welt nähert sich der unsrigen.

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