Von der Limousine bis zum Geländewagen: Allradsystem in vielen Varianten

So bekannt wie der quattro-Antrieb von Audi ist das Allradsystem 4matic von Mercedes nicht. Während zuweilen sogar Mercedes-Fahrer gefragt werden, ob ihr Auto ,einen quattro" hat, ist von 4matic wohl nur bei Insidern die Rede. Dennoch: Mercedes hat den Vierradantrieb bereits seit 1987 im Programm, also etwa ebenso lange wie Audi. Aber die Allraderfahrung in Stuttgart reicht noch viel weiter zurück – bis zum Jahr 1907. Deshalb feiert die Sternmarke nun ,100 Jahre Allrad". Wir haben uns auf einer Veranstaltung zu diesem Anlass über das Thema Allrad bei Mercedes informiert.

Dernburg-Wagen: Allradantrieb für Afrika
Der erste Allradler von Mercedes war der so genannte Dernburg-Wagen aus dem Jahr 1907. Der damalige deutsche Staatssekretär Bernhard Dernburg hatte das zugleich auch noch allradgelenkte Einzelstück für den Einsatz in Afrika bestellt. In ,Deutsch-Südwest", dem heutigen Namibia, schaffte der Wagen eine 600 Kilometer lange Teststrecke in vier Reisetagen – eine gewaltige Zeitersparnis gegenüber zwölf Tagen, die ein guter Reiter für dieselbe Strecke brauchte. Der 4,90 Meter lange Sechssitzer hatte ein Sonnendach, auf dem auch Gepäck transportiert werden konnte. Der 35 PS starke 6,8-Liter-Vierzylinder ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h. Wichtiger war die durch den permanenten Allradantrieb erreichte Steigfähigkeit von 25 Prozent. Das mittig montierte Vierganggetriebe übertrug die Drehbewegung über Kardanwellen an die Differenziale der Vorder- und Hinterachse, die sie dann an die einzelnen Räder schickten. Damit hatte das Auto schon ein recht modernes Allradkonzept – anders als der ebenfalls allradgetriebene Lohner-Porsche von 1900, der vier Elektro-Radnabenmotoren besaß.

4matic seit 1985
In einem Serienautomobil kam der Allradantrieb erstmals 1966 im Kleinserienmodell FF vom britischen Hersteller Jensen zum Einsatz. 1979 erschien die Mercedes G-Klasse. 1980 kam dann der Audi quattro mit Allradantrieb heraus, 1985 folgte ein allradgetriebener BMW 3er und der erste allradgetriebene VW, ein Passat Syncro. Ebenfalls im Jahr 1985 stellte Mercedes ein Allradauto der Limousinenbaureihe W124 vor. Diese Baureihe wurde damals als Mercedes 200 bis Mercedes 500 verkauft, ab 1993 hieß das Auto E-Klasse. Damit waren die beiden Eltern der heutigen Allradfahrzeuge von Mercedes geboren. Die G-Klasse bezeichnen die Stuttgarter gern als den Vater der modernen Mercedes-SUVs, während der E-Klasse-Vorläufer das Mutterschiff der Allradlimousinen ist.

Neues Allradsystem in der S-Klasse
Heute gibt es den Allradantrieb in sieben Mercedes-Baureihen. Darunter sind die Limousinenreihen C, E und S, die SUV-Modelle G, GL und M sowie der Van der R-Klasse. Heckgetriebene Limousinen haben bei Glätte gravierende Nachteile: Da auf der Hinterachse wegen des vorne liegenden Motors kaum Gewicht lastet, kommt man besonders bei schneebedeckter Fahrbahn anders als bei Fronttrieblern kaum vom Fleck. Ein Allradantrieb ist hier eine gute Ergänzung. Deshalb bietet Mercedes die C-, E- und S-Klasse auch mit Allradantrieb an. In der S-Klasse wird eine neue Version des 4matic-Antriebs eingesetzt. Bei diesem permanenten Allradantrieb wird die Kraft normalerweise im Verhältnis 45 zu 55 Prozent zwischen Vorder- und Hinterachse verteilt. Eine Lamellenkupplung sorgt bei schlüpfrigen Fahrbahnverhältnissen für eine angepasste Umverteilung des Drehmoments.

Weniger ,Mehr"
Die Änderungen gegenüber der Vorgängerversion sind vielfältig. Zunächst wird die Vorderachse stärker am Antrieb beteiligt. Daneben bietet der neue Allradantrieb weitere Neuheiten. So beträgt das Mehrgewicht gegenüber dem Hecktriebler nur 66 bis 70 Kilo. Beim Vorgängersystem waren es über 100 Kilo. Außerdem beträgt der Mehrverbrauch nur noch rund 0,4 Liter Sprit auf 100 Kilometer, während es bei der Konkurrenz meist über ein Liter ist. Möglich macht das neben dem niedrigeren Gewicht auch der Einsatz von reibleistungsoptimierten Komponenten im Verteilergetriebe sowie am Vorderachsgetriebe. Die Mehrkosten – der dritte Nachteil des Allradantriebs – bleibt allerdings bestehen. Bei der S-Klasse beträgt er 3.808 Euro. Beim Mercedes-Topmodell sind das allerdings nur wenige Prozent des Gesamtpreises, was sich wohl verschmerzen lässt. In der S-Klasse gibt es den S 320 CDI, den S 450 und den S 500 mit Allradantrieb. Mitte 2007 soll noch der S 350 4matic folgen. Alle Modelle besitzen die Siebengang-Automatik 7G-Tronic. Das gleiche neue Allradsystem wie die S-Klasse bekommt die im Frühjahr erscheinende neue C-Klasse sowie das darauf basierende Kompakt-SUV, das wohl Anfang 2008 auf den Markt kommt.

E- und C-Klasse mit Allradantrieb
Die noch aktuelle C-Klasse sowie die E-Klasse besitzen noch die alte Generation der 4matic. Wie bei der S-Klasse haben diese Limousinen statt mechanischer Differenzialsperren das elektronisch gesteuerte Traktionssystem 4ETS. Es bremst durchdrehende Räder einfach ab. Gleichzeitig erhöht sich das Antriebsmoment an den Rädern mit ausreichender Traktion. Ein Nachteil ist, dass diese elektronische Steuerung stets eine gewisse Reaktionszeit hat. In der E-Klasse gibt es den Allradantrieb beim E 280 CDI und beim E 320 CDI, beim E 280 und beim E 350 sowie im E 500. Anders als bei der S-Klasse wird hier der Allradantrieb ausschließlich mit einer Fünfgangautomatik kombiniert. In der C-Klasse gibt es den C 280 und den C 350 mit Allradantrieb – auch hier ausschließlich in Kombination mit der Fünfgangautomatik.

ML, GL und R: SUVs mit Allradantrieb
Eine zumindest teilweise andere Aufgabe hat der Allradantrieb in SUV-Fahrzeugen, die ja auch eine gewisse Geländegängigkeit aufweisen sollen. Beim ML und GL sowie beim ,Reise-SUV" R-Klasse ist der Allradantrieb Standard. Hier bewirkt er eine Momentenverteilung von 50 zu 50 Prozent. Das Traktionssystem 4ETS sorgt für die Schlupfbekämpfung. Bei der M-Klasse gibt es optional ein Offroad-Pro-Technikpaket, das unter anderem aus einem Verteilergetriebe zwischen Vorder- und Hinterachse mit zuschaltbarer Getriebereduktion sowie zuschaltbaren Differenzialsperren zwischen Vorder- und Hinterachse sowie an der Hinterachse besteht. Da der Mercedes GL und die R-Klasse auf der gleichen technischen Basis beruhen wie der ML, ist das Allradsystem ähnlich. Beim GL ist allerdings das Offroad-Pro-Paket serienmäßig. Alle drei Baureihen werden stets mit der 7G-Tronic ausgestattet.

Der Hardcore-Offroader Mercedes G
SUVs sind schön und gut, aber das einzige Mercedes-Modell, das echte Offroadfans als Geländewagen akzeptieren, ist die gute, alte G-Klasse. Denn sie hat solide mechanische Differenzialsperren statt Elektronik. Und im harten Gelände zählt eben unter anderem die verzögerungsfreie Umverteilung des Antriebsmoments, den diese Sperren zulassen. Im Einzelnen besitzt die G-Klasse drei per Tastendruck zuschaltbare Differenzialsperren mit einer Sperrwirkung von 100 Prozent. Damit kann die dynamische Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse, zwischen linken und rechtem Vorderrad sowie zwischen linkem und rechtem Hinterrad auf mechanischem Wege unterbunden werden – das ideale System fürs schwere Gelände.

Allrad auf dem Vormarsch
Mercedes bietet vom Hardcore-Geländewagenantrieb in der G-Klasse bis zum Allradsystem für Straßenlimousinen eine ganze Palette von Vierradsystemen an. Während der traktionsstarke Antrieb bei den SUVs Standard ist, kostet er bei den normalerweise heckgetriebenen Limousinen rund 4.000 Euro Aufpreis. Da sich dieser Betrag meist im einstelligen Prozentbereich der Anschaffungskosten bewegt, könnte die traktionsstärkere Alternative auch hier zum Normalfall werden. Dasselbe gilt für die volumenschwächeren Coupé- und Cabrio-Baureihen von Mercedes, wo neue Varianten wegen der geringen Stückzahlen keinen Sinn haben, aber eine serienmäßige Einführung erwägenswert wäre.

Bei Fronttrieblern weniger zwingend
Nur bei der A- und B-Klasse wird sich der Allradantrieb wohl nicht durchsetzen. Hier wirkt sich der Aufpreis prozentual stärker aus als bei den teureren Baureihen. Außerdem ist der Allradantrieb bei Fronttrieblern weniger zwingend. Die anderen Contra-Argumente Mehrgewicht und Mehrverbrauch haben bei der neuesten Generation des 4matic-Antriebs ihre Berechtigung fast völlig eingebüßt.

Bildergalerie: 100 Jahre Allrad