Reifenentwicklung bei Goodyear Dunlop

Wenn man sich in einem Labor aufhält, in dem die Mitarbeiter weiße Kittel tragen, Glasröhrchen mit bunten Flüssigkeiten herumstehen sowie jede Menge technische Gerätschaften rattern, dann denkt man an einen Pharmakonzern, an ein Krankenhaus oder an eine Universität. An einen Reifenhersteller denkt man jedenfalls nicht. Doch im Forschungs- und Entwicklungszentrum von Goodyear Dunlop gibt es genau solch ein chemisches Labor. Und nicht nur das. Die Entwicklung eines neuen Reifens ist nämlich eine hochkomplexe Angelegenheit, wie uns ein Besuch im Goodyear Innovation Center in Luxemburg gezeigt hat.

Einbeziehung von Kunden und Autoherstellern
Am Anfang des Prozesses steht die Festlegung der Entwicklungsziele für einen neuen Reifen. Liegt der Schwerpunkt auf niedrigem Verbrauch, auf gutem Grip bei Nässe oder auf Stabilität im Hochgeschwindigkeitsbereich? Gleichzeitig führt der Hersteller europaweit Marktforschungen durch, um die Vorlieben der Kunden und künftige Trends zu bestimmen. Neben Endverbrauchern werden auch Autohersteller befragt: Welche neuen Modelle kommen in den nächsten Jahren auf den Markt? Welche Spezifikationen sind dafür erforderlich? Ist ein Anforderungsprofil definiert, werden die benötigten Reifengrößen festgelegt.

Funktion ist wichtiger als Design
Nun kommt die Designabteilung an die Reihe. Sie ist zweigeteilt. Kreativ-Designer wie Sebastian Fontaine wollen dem Reifen ein schickes Äußeres verpassen: ,Außerdem muss das Hersteller-Logo gut sichtbar sein, die Aerodynamik berücksichtigt werden und ein Winterreifen muss eben aussehen wie ein Winterreifen." Entsprechend werden mehrere Vorschläge erarbeitet und an die technische Seite weitergereicht. Technik-Designer Michel Robert und sein Team schauen jetzt, was sich davon in die Praxis umsetzen lässt. In theoretischen Prozessen können sie den Rollwiderstand, das Geräuschniveau, die Handlingeigenschaften auf trockener und nasser Fahrbahn sowie das Verhalten bei Aquaplaning simulieren. ,Ein Reifen soll ja nicht nur gut aussehen, sondern auch gut performen", betont Robert.

,Wie ein guter Koch"
Mithilfe einer speziellen Software – übrigens derselben, mit der Airbus das Riesenflugzeug A380 entworfen hat – wird am Computer dann ein detailgetreues 3D-Modell des Reifens erstellt und bearbeitet. Dabei kann genau festgelegt werden, an welcher Stelle welche Materialien zum Einsatz kommt. Dies wiederum hängt von den Leistungsanforderungen einerseits und den Kosten andererseits ab. Entsprechend variieren die Mischungsverhältnisse und die Anteile der verwendeten Verstärkungsmaterialien wie Stahl, Polyester, Nylon oder Aramid. Ein Pkw-Reifen besteht aus 25 verschiedenen Bauteilen und enthält 15 unterschiedliche Substanzen. Mehr als 100 Materialien finden Verwendung. Das größte Geheimnis eines Pneus ist die Gummimischung. Der Konstrukteur ,arbeitet dabei wie ein guter Koch", unterstreicht Klaus Schulmeister. Er ist einer der Reifenköche bei Goodyear Dunlop und tüftelt im Labor solange, bis er die geeignete Mischung für ein neues Modell gefunden hat. Zutaten sind unter anderem Kautschuk, Ruß, Silica sowie chemische Zusätze.

Handgefertigte Prototypen
Sind die Rezeptur, alle Bauteile und das Profildesign definiert, werden die ersten Prototypen gebaut. Sie entstehen nach exakten Vorgaben der Entwickler und überwiegend in Handarbeit. Während der Vulkanisierung in einer Heizpresse erhält der Reifen auch sein Profil. Die ersten Prototypen werden sogleich aufgeschnitten, um zu sehen, ob der Gummi auch unterhalb der Außenhaut die Anforderungen erfüllt. Erst nach mehreren Durchläufen sind die ersten Exemplare dann für Testfahrten einsatzbereit. Sie finden teilweise auf Prüftrommeln im Labor, teilweise auf speziell präparierten Strecken statt. Über 70.000 Reifen absolvieren so pro Jahr 60 Millionen Kilometer im Labor und 1,5 Millionen Kilometer auf der Straße.

Goodyear prüft über 50 Kriterien
Getestet werden die für das ab November 2012 gültige EU-Reifenlabel notwendigen Kriterien Rollwiderstand, Nassgrip und Geräuschentwicklung. Darüber hinaus prüft Goodyear Dunlop unter anderem auch das Trockenhandling, das Verhalten bei Aquaplaning, die Innengeräusche, die Hochgeschwindigkeitsstabilität, die Profilabnutzung sowie den Fahrkomfort. Über 50 Kriterien berücksichtigt der Hersteller im Entwicklungsstadium und unterscheidet sich damit eigenen Angaben zufolge deutlich von den Billiganbietern aus Asien. Die Resultate aller Tests gehen zurück zum Entwicklungsteam, das nun Verbesserungen am Reifen vornimmt. Mit den optimierten Prototypen beginnt der nächste Testdurchlauf. Das wiederholt sich solange, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Erst dann startet die Massenproduktion. Goodyear Dunlop produziert in seinen europäischen Werken jährlich mehr als 70 Millionen Reifen der Marken Goodyear, Dunlop, Fulda, Sava und Debica. Bis ein neues Modell fertig entwickelt und marktreif ist, vergehen drei Jahre und mehr. Kaum kommt ein Reifen erstmals in den Handel, beginnt für die Entwickler der ganze Prozess von vorn. Denn dann geht schon die Arbeit am Nachfolgemodell los.

Wie entsteht ein Reifen?