Erste Mitfahrt im neuen Porsche 911 Turbo

Noch stärker, noch schneller und das bei gleichzeitig niedrigerem Verbrauch: Was für fast alle neuen Autos gilt, trifft selbstredend auf den in den Startlöchern stehenden Porsche 911 Turbo zu. In rasanten 3,1 Sekunden spurtet dessen S-Version auf Tempo 100, maximal ist der schwäbische Bolide 318 km/h schnell. Einen Hochleistungssportwagen auf die Beine zu stellen, der diesen Anforderungen gerecht wird sowie zugleich alltagstauglich ist und dabei wie ein echter Porsche aussieht, war eine echte Herausforderung für die Entwickler. Ein Lösungsansatz hört auf das Zauberwort ,adaptive Aerodynamik". Was sich dahinter verbirgt und wie sie sich auf das Fahrverhalten auswirkt, konnten wir bei einer ersten Mitfahrt im neuen 911 Turbo S erleben.

Premiere für den ausfahrbaren Frontspoiler
Der neue Turbo behält die klassische Grundform bei, die den 911 seit nunmehr 50 Jahren unverkennbar macht. Doch war der Ur-Elfer mit 130 PS unterwegs, sind es beim neuen Turbo 520 PS und beim Turbo S sogar 560 Pferdestärken. Die Umströmung der stromlinienförmigen Karosserie verursacht allerdings – ähnlich wie bei einem Flugzeug – Auftrieb. Die Lösung, um das Fahrzeug dennoch sicher auf dem Boden zu halten, sind Spoiler. Und hier präsentiert Porsche beim 911 Turbo eine echte Neuheit: Denn Frontspoiler und Heckflügel sind nicht starr, sondern arbeiten adaptiv. Das heißt, sie passen sich unterschiedlichen Fahrsituationen automatisch an. Das pneumatisch ausfahrbare Bugspoiler-System kommt sogar erstmals in einem Fahrzeug mit Straßenzulassung zum Einsatz.

Dreistufiges Pneumatik-System
Der Frontspoiler setzt sich aus einer Gummilippe und drei pneumatischen Aktuatoren dahinter zusammen. Jeder Aktuator besteht aus einem aufblasbaren System. In der Grundposition ist die Spoilerlippe eingeklappt und wird über Magnete am Fahrzeugboden fixiert. Diese Stellung ermöglicht hohe Alltagstauglichkeit – an Bordsteinen oder steilen Auffahrten besteht also kaum Gefahr, dass das Fahrzeug vorne aufsetzt. Ab Tempo 120 wechselt der Bugspoiler automatisch in den Speed-Modus. Dazu fahren die beiden äußeren Segmente des dreiteiligen Spoilers aus. Die Luft wird so verstärkt um die Karosserie herumgeleitet und damit der Auftrieb an der Vorderachse verringert. In einer zweiten Stufe kann zusätzlich das Mittelteil des Spoilers ausgefahren werden. Der Spalt zwischen Fahrbahn und Spoilerlippe reduziert sich dadurch von 156 auf 117 Millimeter, die Luft strömt jetzt noch gezielter um das Fahrzeug herum. Aktiviert wird der Performance-Modus nicht automatisch, sondern ausschließlich per Druck auf die Sport-Plus-Taste beziehungsweise die Spoilertaste. Flexible, sehr elastische und robuste Materialien, wie sie auch bei der Herstellung von Schwimmwesten verwendet werden, sorgen dafür, dass das adaptive Bugspoiler-System selbst Aufsetzer auf Bordsteinkanten und ähnliches heil übersteht.

Heckflügel mit unterschiedlichen Ausfahrhöhen und Winkeln
Als zweite Komponente für die adaptive Aerodynamik des Porsche 911 Turbo dient der neu konstruierte Heckflügel. Einen ausfahrbaren Heckspoiler gab es beim Elfer erstmals 1988 im 964er-Modell. Doch die aktuelle Baureihe 991 geht bereits beim Carrera einen Schritt weiter. Der Spoiler wird hier nicht einfach ausgeklappt, sondern er kann je nach Fahrzeugkonfiguration und Schiebedachposition unterschiedliche Höhen und Winkel anfahren. Dieses System bildet die Grundlage für den adaptiven Flügel der neuen Turbo-Modelle. Bei Tempo 120 fährt er – synchron zum Bugspoiler – um 25 Millimeter nach oben. Die Luft kann einerseits über den Flügel geleitet werden, andererseits auch durch den entstandenen Spalt zwischen Unterseite und Flügelbett. Wird auf Knopfdruck die Performance-Stellung gewählt, fährt der Flügel weiter auf eine Höhe von 75 Millimeter aus und wird gleichzeitig um sieben Grad nach vorne angewinkelt.

Bei Tempo 200 kinderleicht in der Spur zu halten
Wie sich die adaptiven Spoilersysteme auf die Fahrdynamik des neuen Porsche 911 Turbo S auswirken, konnten wir als Beifahrer erleben. Bei einer Geschwindigkeit von etwa 200 km/h – die Spoiler befinden sich in der Speed-Stellung – bleibt der Top-Elfer erstaunlich souverän zu handeln. Selbst vergleichsweise heftige Lenkbewegungen bringen den schwäbischen Boliden nicht aus der Ruhe. Getoppt wird das Ganze im Performance-Modus, wenn also Bugspoiler und Heckflügel komplett ausgefahren sind: Hier reagiert das Auto bei hohem Tempo noch präziser und stabiler auf Lenkbefehle, sodass es ein Kinderspiel scheint, den 560-PS-Boliden sauber und exakt in der Spur zu halten. Das liegt daran, dass sich der aerodynamische Abtrieb von vier Kilogramm in der Stellung Speed auf 60 Kilogramm im Performance-Modus erhöht. Wie stark der Einfluss der Spoiler auf das Fahrverhalten ist, demonstrierte uns Porsche anhand einer Sonderkonfiguration, die normalerweise nicht machbar ist: vollständig eingefahrener Heckspoiler und Bugspoiler in Performance-Stellung. Bei gleichen Voraussetzungen – etwa Tempo 200 und heftige Lenkbewegungen – war der 911 Turbo S selbst für Eberhard Armbrust, den Leiter Fahrdynamik für die Sportwagen-Modelle von Porsche, nur mit Mühe auf dem abgesperrten Flugfeld zu halten.

Deutlicher Preisaufschlag gegenüber dem Vorgänger
Auf den Markt kommen die neuen Turbo-Modelle des 911 Ende September 2013. Der Einstiegspreis beträgt 162.055 Euro, für den Turbo S werden mindestens 195.256 Euro aufgerufen. Auch diesbezüglich setzt der schwäbische Sportwagenbauer wieder Maßstäbe: Die entsprechenden Vorgängermodelle kosteten noch 11.900 beziehungsweise 22.015 Euro weniger. Daran stören werden sich die wenigsten Kunden.

Bildergalerie: 911 Turbo: Erste Mitfahrt