Mehr sportlichen Fahrspaß bietet kaum ein anderes Auto mit 136 PS

Reinrassige Supersportler lassen die Flammen des Verlangens bei vielen Autofahrern hoch und wild lodern. Doch Vorsicht bei der Lotus Elise: Dieser athletische Zweisitzer ist extrem und sorgt für ein Fahrerlebnis, dass wohl mit mancher Leidenschaftsfantasie inkompatibel bleibt. Diese einerseits begeisternde doch bisweilen auch ernüchternde Erfahrung konnte ich unterwegs im 136 PS starken Basismodell S machen.

Schön eng
Bereits das Einsteigen stimmt mich nachdenklich. Als ich mit leicht verspanntem Rücken und gut gefülltem Magen die Elise erstmals entern will, komme ich mir als halbwegs gelenkiger und schlanker Mittdreißiger wie ein Gicht-Opa im Günter-Strack-Format vor. Der tiefe wie enge Einstiegsschacht verbietet selbst bei offenem Dach einen lässigen Sascha-Hehn-Hüpfer. Ist die Elise oben ohne, kann man sich immerhin an der Frontscheibe festhalten und halbwegs geschmeidig in das enge Passagierabteil reinsacken lassen.

Blickfänger vom Feinsten
Dort angekommen, beeindruckt mich als Nächstes die große Aufmerksamkeit, die der kleine Roadster im Straßenverkehr provoziert. Sehe ich etwa so aus, wie ich mich beim Einsteigen gefühlt habe? Der Blick in den Spiegel versichert mir: Grund für die neugierigen Blicke ist die Elise. Mit ihrer kurios geschwungenen Außenhaut und den knackigen Proportionen versprüht die britische Zwergflunder ganz ohne Armhärchen aufstellendes Machoröhren eine elektrisierende Aura, die sonst nur Ferraris und Lamborghinis umgibt.

Alu in Hülle und Fülle
Doch zurück in den engen Innenraum: Dort herrscht eine kühle, sportlich-funktionale Atmosphäre mit etwas Kunststoff, Alcantara und viel Aluminium. In Blechform ist das Leichtmetall allgegenwärtig, einige Bedienknöpfe wie auch der Schaltknauf des Fünfgang-Getriebes sind sogar aus dem Vollen gefräst. Obwohl allein in Länge und nicht in der Höhe verstellbar, umschmiegt mich der Fahrersitz wie ein maßgeschneiderter Rennanzug und sorgt für eine angenehme Sitzposition und sehr guten Seitenhalt. Perfekt zur Hand liegt zudem das kleine Sport-Spaß-Lenkrad. Nicht sonderlich langstreckentauglich sind dafür der enge Knieraum und die kaum vorhandene Sitzpolsterung. Nach einiger Fahrzeit machen sich mein Gesäß und das rechte Knie auf unangenehme Weise bemerkbar.

Per Handarbeit in den Open-Air-Modus
Trotz meiner nur 1,78 Meter Körperlänge spannt sich im geschlossenen Zustand das einlagige Stoffdach knapp über meinem Haupt. Kein Wunder, ragt das Fahrzeug doch lediglich 1,12 Meter in die Höhe. Beim Blick auf den schwarzen Stofffetzen erscheint mir das Wort Dach so unpassend, wie die Bezeichnung Hose für einen Angelschnur-Tanga. Dank feinsten Cabriowetters entscheide ich mich ohnehin für den erfrischenden Offen-Modus. Jedoch muss ich dafür wieder aussteigen und die fest mit dem Dachstoff verbundenen Längsträger zwischen A- und B-Säule rausfummeln. Zusammengerollt passt die recht handliche Stoff-Träger-Einheit neben Zahnbürste und Ersatzunterhose in den Mini-Kofferraum hinterm Mittelmotor. Schlafsack, ein kompaktes Zelt und eine Luftmatratze kann ich dort außerdem noch unterbringen. Doch für einen mehrtägigen Ausflug zu zweit ist der Gepäckraum definitiv zu klein.

Auf dem Weg zum Roadster-Glück
Also düse ich allein und mit kleinem Gepäck einem alpinen Passstraßen-Wochenende entgegen, auf der Suche nach dem großen Roadster-Glück. Und das habe ich in der Region Garmisch-Salzburg in Hülle und Fülle gefunden. Meine tadelsüchtigen Reflexionen über die prinzipiellen Nachteile der Elise verlieren sich bereits nach den ersten Kurven in den Tiefen meines mentalen Meckerkastens.

Supersportlich mit nur 136 PS
Seit Sommer 2006 wird die Elise S von einem 1,8-Liter-Vierzylinder-Benziner aus dem Hause Toyota angetrieben. Der Saugmotor schickt recht unspektakulär anmutende 136 PS an die Hinterräder. Obwohl damit schwächer als ein Polo GTI, sind die Fahrleistungen des Roadsters durchaus beeindruckend. Die Zauberformel ist ein besonders geringes Leistungsgewicht. Dank des extrem steifen Alurahmens und der leichten Kunststoffkarosserie müssen im Falle der Elise S nur 860 Kilo bewegt werden. Somit kann die Flunder den 100-km/h-Sprint laut Hersteller in 6,4 Sekunden abhaken, wobei der Vortrieb bereits bei 205 km/h endet. Eine Geschwindigkeitsregion, in der ich mich aufgrund der kaum vorhandenen Lärmdämmung jedoch nur ungern bewege.

Kein Säufer
Was mir zum ultimativen Kick eigentlich noch fehlt, ist ein souveräner Punch von unten raus, der ein schnelles Überholen auch bei kleinen Lücken ermöglicht. Entsprechend muss ich den heiter drehenden Toyota-Motor meist auf Touren halten. Zwar ist er auch bei niedriger Drehzahl bereits fahrbar. Doch erst ab 3.000 Umdrehungen geht es richtig zügig voran. Bis fast 8.000 Touren lässt sich der Motor ohne zu mucken sauber hochdrehen. Obwohl der Vierzylinder also meist viel zu tun bekommt, bleibt der Verbrauch recht niedrig. Angesichts der Fahrleistungen sind die laut Hersteller 8,3 Liter Durchschnittsverbrauch ein guter Wert. Auf meiner Testfahrt habe mit 8,6 Litern die Herstellerangabe nur leicht überboten.

Karussellartige Querbeschleunigung
Wirklich aufregend ist es, im forcierten Landstraßentempo unter massiver Frischluftzufuhr das karussellartige Querbeschleunigungs-Potenzial der Elise auszuloten. In Kurven bewegt sie sich ganz in ihrem Element. Vor der Biegung spät bremsen, kurz einlenken, runter Schalten und mit maximalem Schub wieder raus auf die Gerade. Das funktioniert super. Unsicherheiten oder Reifenquietschen? Fehlanzeige. Auf der Suche nach dem Grenzbereich nimmt mein Wagemut zu. Doch stets schmiegt sich der Zweisitzer unbeeindruckt und mit zunehmender Geschwindigkeit sogar scheinbar mit wachsender Souveränität in die Kurven.

Liegt wie ein Brett
Die Elise fühlt sich an, als wolle sie mit dem Asphalt verschmelzen, statt ihm unsanft zu entgleiten. Erst in Spitzkehren kann ich das Hinterteil des Hecktrieblers gelegentlich zu leichten Ausbruchsversuchen bewegen. Doch ansonsten liegt das Sportmobil – zumindest bei trockenen Verhältnissen – satt und sicher wie ein Brett auf der Straße. Dank des niedrigen Gewichts auf der Vorderachse ist das Einlenkverhalten – ganz ohne Servounterstützung – direkt und neutral. Fast wie von selbst peilt die Elise dabei die Ideallinie an. Lediglich beim Geradeausfahren wirkt die Lenkung um die Mittellage etwas unpräzise. Ein weiterer Nachteil der sportlichen Auslegung ist das recht unkomfortable Fahrwerk.

Ohne viel Schnickschnack
Die Elise ist eben Fahren pur, ohne viel Schnickschnack und die heutzutage meist übliche Armada technischer Helferlein. Neben dem serienmäßigen ABS gibt es gegen Aufpreis noch eine Traktionskontrolle. Sonst nichts. Sicherheitsfanatiker würden wohl graue Haare kriegen, müssten sie auf Errungenschaften wie das ESP verzichten. Unsicher ist die Elise jedoch keineswegs. Die Bremsen packen mächtig zu, das Fahrwerk ist nicht in die Knie zu bringen und so werden die bisher bekannten Grenzen der Fahrphysik neu definiert. Doch diese verschobenen Grenzen sollte der Fahrer letztlich möglichst genau kennen.

Ab 35.400 Euro
Auf die Grenzen seines Budgets sollte der geneigte Elise-Käufer ebenfalls achten. Immerhin 35.400 Euro verlangt Lotus für sein Einstiegsmodell. Die Serienausstattung umfasst lediglich Alufelgen, ein CD-Radio und eine Zentralverriegelung. Für eine Klimaanlage, Ledersitze und eine Traktionskontrolle muss man Aufpreis zahlen. Viel mehr Komfort ist ohnehin nicht bestellbar. Vergleichbar puristische Roadster in dieser Preisregion gibt es übrigens keine. Konkurrenzlos ist die Elise damit jedoch nicht. Wer gerne offen und schnell fahren und dabei sein Konto nicht überstrapazieren will, findet Alternativen im BMW Z4 2.5si, dem Honda S2000 oder dem Chrysler Crossfire 3.2.
(mh)

Wertung

  • ★★★★★★★★☆☆
  • Auch mit 136 Toyota-PS ist die Elise ein rassiger Sportwagen, der einen Heidenspaß machen kann. Etwas mehr Druck von unten könnte dem Flitzer noch mehr Würze geben. Aber dafür gibt es ja noch die stärkere Version R mit 192 PS. Einen leicht faden Geschmack hinterlässt die Elise beim Thema Komfort. Viel Auto und Luxus bekommt man für 35.400 Euro nicht. Doch angesichts der Sportlichkeit erscheint der Preis nicht zu hoch. Die Elise eignet sich vor allem als Zweitwagen, für gelegentliches, lustvolles Rumheizen. Ist Geld bei Ihnen kein Problem, dann sollte ein solches Spielzeug in Ihrer Garage nicht fehlen.

  • Antrieb
    75%
    kultiviert, drehfreudig, recht sparsam
    ohne Bumms, akustisch kaum abgekapselt
  • Fahwerk
    80%
    überragend gutes Handling, sichere Straßenlage, direkte Lenkung
    mäßiger Komfort, kein ESP
  • Karosserie
    70%
    extremer Leichtbau, einzigartiges und auffälliges Design
    unübersichtlich, enger Einstieg und Innenraum, umständliches Verdeck
  • Kosten
    80%
    angesichts der Sportlichkeit eigentlich günstig
    Basismodell bietet nur eine magere Ausstattung

Preisliste


Lotus Elise S

Grundpreis: 35.400 Euro
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ASR 690
Klimaanlage 1.890
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
CD-Radio Serie
Metalliclackierung 910
Leichtmetallfelgen 16-Zoll-Leichtmetallfelgen
Touring-Paket unter anderem mit Ledersitzen, Fußmatten, elektrischen Fensterhebern 2.690
Sport-Paket unter anderem mit Traktionskontrolle, Bilstein-Dämpfern und Eibach-Federn 2.690
Hardtop 1.790

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Reihen-Benzinmotor 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 1.794 
Leistung in PS 136 
Leistung in kW 100 
bei U/min 4.200 
Drehmoment in Nm 172 
Antrieb Heckantrieb 
Gänge
Getriebe Schaltgetriebe 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.457 
Spurweite hinten in mm 1.507 
Bremsen vorn Scheiben, innenbelüftet 
Bremsen hinten Scheiben 
Lenkung mechanisch ohne Servounterstützung 
Geländekompetenz
Bodenfreiheit in mm 130 
Maße und Gewichte
Länge in mm 3.785 
Breite in mm 1.719 
Höhe in mm 1117 
Radstand in mm 2.300 
Leergewicht in kg 860 
Kofferraumvolumen in Liter 112 
Tankinhalt in Liter 43,5 
Kraftstoffart Benzin, 98 ROZ 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 205 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 6,4 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 8,3 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 11,3 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 6,5 
Testverbrauch Gesamt in Liter/100 km 8,6 
CO2-Emission in g/km 196 
Schadstoffklasse Euro 4 

Einstiegsdroge von Lotus