Wir haben uns hinters Steuer des ultraangepassten Stadt-Tiers geklemmt

Das Unglaublichste am TX4 ist der Wendekreis: 8,53 Meter, fast 30 Zentimeter weniger als beim deutlich kürzeren Smart Fortwo. Wir sitzen im neuen Modell des größten Fahrzeugproduzenten in britischer Hand: LTI (London Taxi International). Die Firma aus Coventry stellt im Jahr zirka 3.000 Taxis her – gehämmert, geschraubt und geschweißt wird bei der Montage überwiegend von Hand. Der letzte Konkurrent von LTI, Metro Cap, ging vor zwei Jahren Pleite. So ist LTI der letzte Hersteller in Großbritannien, der ausschließlich Taxis baut.

Tradition und Kosten
Äußerlich greift das TX4-Modell die Form seiner ruhmreichen Vorgänger auf. Die Karosserie wölbt sich rund bis zu den Kulleraugen-Scheinwerfern. Zu den Vorgängern TX1 und TX2 gibt es kaum Unterschiede. Wie auch: Die Blechpressen von LTI sind 30 bis 60 Jahre alt. Eine zu brachiale Änderung der Form würde zur Anschaffung von neuen Maschinen zwingen. Dies würde die kleine Firma finanziell in arge Bedrängnis bringen, zumal sie ohnehin mit für ihre Verhältnisse großem, finanziellen Aufwand der Moderne folgt – dazu später mehr. So wird uns die lieb gewonnene Form der LTI-Fahrzeuge noch lange erhalten bleiben.

Auffällig unauffällig
Die Form der London-Taxis, die in vielen Städten Großbritanniens und vermehrt auch im Rest der Welt ihren Dienst tun, hat mehrere Vorteile. Zum einen lassen sich die altertümlich aussehenden Fahrzeuge gut im Verkehrsgewimmel ausmachen. Hier ist nicht ein x-beliebiges Auto mit einem Taxi-Schild auf dem Dach unterwegs. Zum anderen kann man sich zumindest in London als TX4-Besitzer gut in der Masse der Taxis tarnen. Besonders Prominente wissen die Tatsache zu schätzen, dass man so ein Taxi auch privat kaufen kann. So fährt beispielsweise der Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber mit einem exquisit ausgestatteten Taxi durch London. Natürlich schrecken die privaten Taxi-Eigner auch nicht davor zurück, die für Taxis reservierten Spuren zu benutzen, obwohl diese nur von lizensierten Taxis benutzt werden dürfen. Außerhalb Europas zählt übrigens der König von Tonga zu den privaten Taxi-Kunden. Und Prinz Philip fährt ein Metro-Cap-Modell. Nach dem Niedergang dieses Herstellers macht sich LTI berechtigte Hoffnungen, bald ein frisches TX4 an Seine Durchlaucht liefern zu können.

Ohne Zugang geht nichts
LTI möchte, dass die Kunden gerne ein Taxi anhalten. Dazu müssen diese die Erfahrung gemacht haben, dass man schon mal gut ins Gefährt einsteigen kann. Für gesunde Menschen ist dies so einfach wie bei jedem anderen Durchschnittsauto auch. Aber für Gehbehinderte hat sich LTI so einiges einfallen lassen. So lässt sich die linke Fondtür bis zu einem Winkel von 90 Grad öffnen. Dann kann ein mit dem Rücken zur Fahrtrichtung gewandter Sitz heruntergeklappt und ein Stück auf den Bürgersteig herausgedreht werden. Außerdem lässt sich die serienmäßig mitgelieferte 70 Zentimeter breite Aluminium-Rampe an die Türschwelle legen. So kann ein Rollstuhlfahrer mit einem Rollstuhl von bis zu 78 Zentimeter Breite in die Kabine gelangen. Dort warten dann spezielle Halterungen darauf, den Rollstuhl sicher zu verankern. Die praktische und seit 1989 in LTI-Fahrzeugen serienmäßig verbaute Rollstuhlfähigkeit ist ein weiterer Grund, warum die Taxis bei Privatleuten immer beliebter werden.

Hammerfest
Die geräumige Fahrgastkabine mit den gegenüberliegenden Sitzen bietet jede Menge Platz für Kopf und Beine. Die alte Vorschrift, dass ein Londoner Taxi so hoch sein muss, dass man beim Sitzen bequem seinen Zylinder aufbehalten kann, existiert nicht mehr. Trotzdem wabert zwischen dem Kopf einer sitzenden 1,88-Meter-Person und dem Dach noch eine Luftsäule von 17 Zentimetern Höhe. Alle Griffe, die das Festhalten und Aussteigen erleichtern, sind in hellem Gelb gehalten, was vor dem ansonsten eher grauen Interieur sofort ins Auge sticht. Das Gepäck stapelt sich an der Stelle, wo sich normalerweise der Beifahrersitz befindet. Der Raum von Gepäck und Fahrer ist mithilfe einer stabilen Plexiglaswand von den Fahrgästen getrennt. Nigel Walters, bei LTI zuständig für Übersee-Aktivitäten, meint, dass sich diese Barriere nicht einmal mit einem Baseballschläger oder Zimmermannshammer zerprügeln lässt. Dies gibt dem Taxifahrer mit seinen sauer verdienten Tageseinnahmen ein wenig Sicherheit.

Sichere Einnahmen per Bremspedal
LTI hat eine spektakuläre Erfindung ins TX4-Modell gebaut: Solange der Taxifahrer das Bremspedal tritt, lassen sich die Fond-Türen nicht öffnen. So kann kein Fahrgast abhauen, ohne zu bezahlen. Auch deutsche Anbieter von Taxis interessieren sich bereits für diese Technik. Mit dem Fahrer kommunizieren können die Passagiere über ein so genanntes Intercom, jeweils beim Fahrer und im Fahrgastraum befinden sich entsprechende Mikrofone und Lautsprecher. Über einen Schalter kann der Fahrgast das System deaktivieren. Auch das Licht, die Bergstrom-Klimaanlage und die Fensterheber können die Passagiere selbst einstellen, allerdings hat der Fahrer vorne ein paar Knöpfe, die den Bedieneinheiten im Fond übergeordnet sind. Somit hat der Fahrer stets alles unter Kontrolle.

Komplettes Siegertreppchen
Das TX4 hat auch einen echten Kofferraum im Heck. Dieser ist aber winzig und beherbergt die Zusatzrampe für den Rollstuhlzugang. So gehört dieses bisschen Stauraum zum Bereich des Fahrers, der hier seine persönlichen Sachen unterbringen kann. Das TX4 kommt in vier Ausstattungsvarianten daher: Driver, Bronze, Silver und Gold sind die Bezeichnungen für aufsteigenden Luxus, wobei sich Bronze und Silver am besten verkaufen. Besonders die Art des Entertainment-Systems unterscheidet sich. Auch die Beschaffenheit der Polster-Stoffe wird Richtung Gold ein wenig besser. Eine höhere Ausstattungsvariante wird als Komfortplus für den Fahrer angesehen, auf den Fahrpreis für die Gäste hat dies keinen Einfluss. Und für Privatkunden gilt bei der Ausstattung: Alles ist möglich. Bei einem ohnehin per Hand zusammengesetzten Auto ist die werkseitige Integration von speziellen Sonderausstattungen ohnehin einfacher zu bewerkstelligen. So hat sich BBC-Moskau zwei TX4 zu fahrbaren Rundfunkstudios umbauen lassen und der Mobilfunkanbieter Vodafone bekam einen komplett in der Firmenfarbe Rot ausgekleideten Wagen.

Vorschrift ist Vorschrift
Die größten Konkurrenten der LTI-Taxis sind normale Autos, die zu Taxis umgebaut werden. Diese stellen überall in Europa die Mehrheit und breiten sich auch in einigen englischen Städten aus. In London allerdings wird LTI weiterhin die Nase vorn haben: Jedes Taxi muss einen sehr engen Wendekreis schaffen. Im Falle des TX4 sind das sensationelle 8,53 Meter. Der fast 1,90 Meter kürzere Smart legt einen Wendekreisdurchmesser von 8,80 Meter hin – beinahe 30 Zentimeter mehr. Über 20.000 LTI-Taxis umkurven so jeden noch so spitzen Winkel in der Londoner Innenstadt. Wir haben es mit weit aufgerissenen Augen selbst ausprobiert: Einen Kunden auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufzulesen, ist ohne Dreipunkt-Wende möglich. Einfach das Lenkrad bis zum Anschlag einschlagen und schwups stehen wir am anderen Bordstein. Auch Einparken in atemberaubend enge Lücken ist so noch einfacher möglich.

Seiten-Reifen
Das TX4 zieht sich ausschließlich spezielle Schuhe an. Dunlop liefert Reifen mit der deutlichen Aufschrift ,Taxi". Deren Seitenwände sind extra verstärkt, sodass häufige Bordsteinberührungen keine verfrühte Abnutzung der Gummis zur Folge haben. Für Taxis außerhalb von Großbritannien stellt Michelin ebenfalls so einen Reifen zur Verfügung. Getragen werden die Reifen von Stahlfelgen, welche mit sage und schreibe sechs Radmuttern am Wagen befestigt sind. Das Fahrwerk an sich ist auf weiches Rollen ausgelegt. Selbst die Speed-Bumper, künstlich angelegte Huppel, die den Fahrer zu einer langsamen Fahrt zwingen sollen, nimmt das TX4 sehr sanft. Alles ist hier auf Fahrtkomfort für Fahrer und Fahrgast ausgelegt. Auf der anderen Seite führt dies zu ausgeprägtem Wanken und Nicken. Bei höheren Geschwindigkeiten kippt das hohe Fahrzeug gehörig, Bremsen und Beschleunigen werden mit unzweideutigen Nickbewegungen quittiert. Wir gewöhnen uns ganz schnell daran, schön sanft durch die Stadt zu gleiten. Dabei greifen die Bremsen ganz famos – seit dem TX4-Modell sogar mit ABS.

Leben im Taxi
Ein Taxifahrer verbringt einen großen Teil seines Lebens in seinem Taxi. Aus diesem Grunde ist es LTI wichtig, dass der Fahrer nicht im Alter von 40 Jahren vollkommen verschlissen vom Bock fällt, sondern bis zur Rente sein Einkommen einfahren kann. Bei unserer Probefahrt wird uns eins klar: Der sympathische Wagen lässt sich sehr leicht steuern, ohne teigig oder unpräzise zu wirken. Der Fahrersitz kommt zwar ohne jeglichen Seitenhalt daher, wirkt aber so, als könnte man auf ihm überwintern, ohne ungeduldig hin und her rücken zu müssen. Nach unserer mehrere Stunden andauernden Testfahrt stiegen wir erfrischt aus dem TX4. Nigel ist mit dem Modell sogar zum Taxi-Treff nach Bad Tölz gefahren (wo ein deutscher Händler für LTI-Taxis sitzt). Die über 1.000 Kilometer am Stück haben ihn zwar ein wenig fertig gemacht, waren am Ende aber kein Problem.

Italienisches Herz
Was haben das TX4 und ein Ferrari gemeinsam? Beide werden von einem italienischen Motor bewegt. Im Falle des LTI-Taxis verrichtet ein 2,5-Liter-Diesel von VM seinen Dienst. Die Tatsache, dass Italien den Motor für den Wagen liefert, ist auch der Grund dafür, das der Stiefel der größte europäische Abnehmer für die Taxis von LTI ist – die meisten TX4 werden natürlich in Großbritannien selbst abgesetzt. Das größte Exportvolumen weltweit geht nach Südafrika. Zurück zum Motor: Er dieselt laut, was von außen richtig nerven kann. Im Innenraum bleibt die Geräuschkulisse aber erträglich. Das Aggregat kann ohne technische Umrüstung mit einer Beimischung von bis zu fünf Prozent Bio-Diesel betrieben werden. Vor 2002 kamen Nissan-Aggregate zum Einsatz, bis 2006 dann Triebwerke von Ford. Im Zuge der Umstellung auf die Euro-4-Abgasnorm war dann ein neuer Motor fällig. Die Umstellung auf das VM-Aggregat hat LTI fünf Millionen Pfund (fast 7,5 Millionen Euro) gekostet. Für einen kleinen Hersteller wie die Taxi-Fabrik aus Coventry bedeutet dies fast den Ruin – schließlich ist es keine leichte Aufgabe, diesen Betrag mit 3.000 verkauften Fahrzeugen im Jahr wieder hereinzuholen.

Gut für den Stadtverkehr
Der Vierzylinder-Diesel von VM leistet 101 PS bei 4.000 U/min, 240 Newtonmeter bearbeiten bereits bei 1.800 U/min die Kurbelwelle. Beim Tritt aufs Gaspedal zieht der 16-Ventiler gut nach vorn, deutlich besser, als es nötig wäre. Die Kraftentfaltung erfolgt souverän, das TX4 ist jeder erdenklichen Situation im Berufsverkehr gewachsen. Maximal ist der rundliche Wagen 148 km/h schnell. Dabei nährt sich das Taxi im Schnitt mit 8,8 Liter Diesel pro 100 Kilometer.

Automatik-Verschiebung
Das TX4 lässt sich entweder mit einer Fünfgang-Automatik oder mit einer manuellen Fünfgangschaltung ausrüsten. In London sind 100 Prozent der Taxis mit einer Automatik unterwegs – die einzig sinnvolle Variante der Kraftverarbeitung im ständigen Stop-and-Go-Verkehr. Richtung Schottland sinkt dann der Anteil der Automatik-Taxis. In der Mitte Großbritanniens beträgt die Aufteilung 50:50, im Norden Schottlands schalten beinahe 100 Prozent der Taxifahrer manuell. Während sich ein Taxi in London 45.000 Kilometer pro Jahr durch die Stadt schlängelt, fährt ein Schotte rund 160.000 Kilometer über die schmalen Straßen seines Landes. Bei freier Fahrt ist eine Automatik für den kostenbewussten Taxifahrer nicht ganz so wichtig. Dabei macht das Chrysler-Schaltgerät einen guten Job. Weich und recht sauber fließen die Stufen dahin, am Berg wird ein bisschen hoch gedreht, was aber nicht weiter stört.

Wertung

  • ★★★★★★★★★☆
  • LTI stellt nicht umsonst seit Jahrzehnten das London-Taxi her: Nicht Nostalgie sondern ständige, evolutionäre Anpassung an den Lebensraum Stadt sind die Grundlagen der Erfolgsgeschichte. Das jüngste Modell TX4 ist dabei die moderne Interpretation urbaner Transportdienstleistungen. Sowohl die Bedürfnisse des Fahrers als auch die Wünsche der zahlenden Gäste wurden bestmöglich berücksichtigt und in eine solide wirkende, von Tradition und Kosten geprägte Form verbaut.

    Die besonders gute Zugänglichkeit für gehbehinderte Menschen und die Möglichkeit, den Innenraum komplett nach eigenen Wünschen zu gestalten, machen das TX4 von LTI auch bei Privatleuten zunehmend beliebt.

  • Antrieb
    80%
    stadtaugliches Euro-4-Aggregat
    dieselt recht laut
  • Fahrwerk
    95%
    sensationell kleiner Wendekreis
    neigt zum Wanken
  • Karosserie
    95%
    gute Zugänglichkeit für Gehbehinderte
    geräumiger Innenraum
  • Kosten
    85%
    von vornherein als Taxi konzipiert
    kein Schnäppchen

Preisliste


LTI TX4 Gold

Grundpreis: 42.900 Euro
Modell Preis in Euro
Gold 42.900
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP -
ASR -
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. Fensterheber hinten Serie
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Automatikgetriebe 1.500
CD-Radio Serie
MP3 Serie
Metalliclackierung ohne Aufpreis
Sitzhöheneinstellung Serie
Taxameter 550
Alarmanlage 110
Telefonvorrüstung 150
Deckenmonitor 12,4 Zoll inkl. DVD-Anlage 1.450
Rollstuhlrampe Serie
10-fach-CD-Wechsler Serie

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart DOHC-Turbodiesel von VM 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 2.499 
Leistung in PS 102 
Leistung in kW 75 
bei U/min 1.800 
Drehmoment in Nm 240 
Antrieb Heckantrieb 
Gänge
Getriebe Automatik 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.422 
Spurweite hinten in mm 1.482 
Radaufhängung vorn Doppel-Querlenker mit Schraubenfedern und Teleskop-Dämpfern 
Radaufhängung hinten Schraubenfedern mit Längslenkern und Panhardstab 
Bremsen vorn Scheibenbremsen, innenbelüftet, 278 mm 
Bremsen hinten Trommelbremsen, 254x70 mm 
Wendekreis in m 8,5 
Räder, Reifen vorn 175R16C Q auf 5JKx16 
Räder, Reifen hinten 175R16C Q auf 5JKx16 
Lenkung elektrische Servolenkung 
Geländekompetenz
Bodenfreiheit in mm 134 
Maße und Gewichte
Länge in mm 4.580 
Breite in mm 2.036 
Höhe in mm 1.834 
Radstand in mm 2.886 
Leergewicht in kg 1.815-1.975 
Zuladung in kg 545-705 
Tankinhalt in Liter 50 
Kraftstoffart Diesel 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 148 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 8,8 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 11,1 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 7,4 
CO2-Emission in g/km 233 
Schadstoffklasse Euro 4 
Fixkosten
Service-Intervalle 16.000 Kilometer 
Garantie 3 Jahre/160.000 Kilometer 

Bildergalerie: Stadt-Symbiotiker