Vom neuen Rio und dem Niro bis zu einem Audi-A5-Rivalen: Wir sprachen mit Europa-Designchef Gregory Guillaume

Vom Mauerblümchen zur Schönheit: So lässt sich die Geschichte von Kia in Deutschland beschreiben. Noch vor rund zehn Jahren waren die Fahrzeuge der koreanische Marke zwar ordentlich gemacht, ließen aber jedweden optischen Pfiff vermissen. Das änderte sich bald: Im Jahr 2005 stieß der heutige Europa-Designchef Gregory Guillaume zu Kia, zwei Jahre später folgte ihm sein heutiger Vorgesetzter Peter Schreyer. Letzteres geschah zufällig, obwohl die beiden Männer sich schon vorher beruflich kannten. Guillaume fing Anfang der 1990er-Jahre nach seinem Studium bei Audi an. Dort arbeitete er später mit Schreyer in der Abteilung ,Advanced Design". Guillaume und Schreyer folgten ihrem Chef Ferdinand Piëch zu VW und trafen sich später bei Kia wieder. Ein eingespieltes Team: ,Wir verstehen uns sehr gut und haben den gleichen Designgeschmack und die gleiche Designphilosophie. Für mich ist es wunderschön, mit ihm zusammenzuarbeiten.", so Guillaume über Schreyer. Wir haben mit Gregory Guillaume im Rahmen des Pariser Autosalons 2016 über den neuen Kia Rio, das Design des Niro und eine mögliche Sportwagen-Zukunft der Marke gesprochen.

Bislang sagte man, die Automobilbranche wandelt sich alle sieben bis acht Jahre. Das scheint aber nicht mehr zu gelten. Mittlerweile ist alles im Umbruch und zwar sehr schnell.

Gregory Guillaume: Das hätte ich auch nie gedacht, dass es so schnell gehen würde. Aber als ich damals zu Audi gegangen bin, hatte ich den Eindruck, dort wird designtechnisch etwas passieren. Bei Kia war es das Gleiche. Als man mich kontaktierte, war die Marke in Europa ein No-Name. Das sich Kia allerdings so schnell verwandelt, hätte ich auch nicht gedacht. Alle Autos, die wir machen durften, auch auf internationaler Ebene, waren phänomenal.

Ist das Design heute wichtiger als die Technik?

GG: Für mich sind alle Bereiche gleich wichtig. Das Design war natürlich das Erste, was bei Kia einen Riesensprung gemacht hat. Das war bewusst geschehen, um schnell erkennbar zu werden. Aber im zweiten Schritt geht es um das Engineering und die Qualität. Ein Beispiel ist die Fahrwerksentwicklung. Ich komme gerade von unserem Testcenter am Nürburgring. Dort wird momentan sehr viel am Feintuning gearbeitet. Die nächste Fahrzeuggeneration stellt wieder einen Sprung dar. Ich bin zwar Designer, aber solche Themen sind für mich auch wichtig. Unsere Autos müssen sich super fahren lassen und Spaß machen. Das bestätigen mir auch die Testfahrer.

Wie hat sich die aktuelle Designphilosophie von Kia gewandelt und wie grenzt sich Kia von der Schwestermarke Hyundai ab?

GG: Unsere Philosophie hat sich eigentlich nicht wesentlich verändert. Wir glauben seit mindestens zehn Jahren an das, was wir tun. Wir machen ein sauberes Design und legen wahnsinnig viel Wert auf die Proportionen unserer Autos. Damit verbringen wir die meiste Zeit. Und es hat bislang gut funktioniert. Es gab andere Hersteller, die immer mehr Elemente ans Auto bringen. Für uns gilt nach wie vor eine Reduzierung in der Linienführung. Natürlich sind gute Proportionen etwa mit Frontantrieb nicht immer leicht zu verwirklichen, zumal mit immer neuen Sicherheitsanforderungen seitens des Gesetzgebers. Aber Herausforderungen gab es schon immer. Man muss sie lösen.

Gerade bei kleinen Fahrzeugen ist das Thema der Proportionen oft schwierig. Können Sie uns das am Beispiel des neuen Kia Rio erläutern?

GG: Ich finde es nicht schwieriger als bei anderen Autos. Jedes Segment hat seine Herausforderungen. Generell haben wir beim neuen Rio versucht, einige Dinge der typischen Design-DNA des Vorgängers beizubehalten. Aber der alte Rio war ein ,Cab-Forward"-Auto. Er hatte Proportionen, die den Eindruck erweckten, die Kabine schiebt nach vorne. Die Motorhaube war sehr kurz. Beim neuen Modell liegt die Kabine optisch weiter hinten. Jetzt ist der Rio mehr horizontal ausgerichtet, was ihm mehr Stabilität verleiht. Er ist dynamisch und gleichzeitig selbstbewusst. Es ist kein Design nach dem Motto: Sieh mich an, ich bin der Tollste und Hübscheste. Sondern eher, als wenn das Auto um seine Qualitäten weiß.

Im Vergleich zum alten Rio wirkt es so, als wolle das neue Modell nicht mehr primär ein Designstatement, sondern auch funktional sein.

GG: Zugegeben hat der alte Rio gewisse Probleme bei der Sicht nach hinten gehabt. Dieses Thema wollten wir auch lösen. Aber das war nicht der Hauptgrund für das Design. Wir wollten die Horizontalität betonen und eine lange Motorhaube. Ich finde, auch der neue Kia Rio hat vorne besonders viel Charakter. Er hat jetzt einen Blick, bei dem die Scheinwerfer fokussiert nach vorne schauen. Ansonsten bleibt das Design sehr sauber und sehr kontrolliert. Sowohl bei der Qualitätsanmutung als auch beim Fahren macht er einen großen Sprung.

Die Automobilhersteller bieten immer mehr Elektroautos an, auch Kia. Müssen diese aus ihrer Sicht ein eigenständiges Design haben oder sich in die Designlinie der Marke einfügen? Der neue Kia Niro zum Beispiel sieht aus wie alle anderen Autos. Bei Toyota etwa wirken solche Fahrzeuge wie von einem anderen Stern.

GG: Der Niro wurde komplett auf alternative Antriebe hin entwickelt, ähnlich wie der Toyota Prius. Vorerst gibt es ihn nur als Hybrid, andere Varianten werden folgen. Wir haben überlegt, wie wir dieses Auto machen. Es ist ein direkter Prius-Fighter. Bei Kia machen wir Design ein bisschen anders, wir versuchen unseren eigenen Platz zu finden. Unsere Gedanken beim Niro waren dahingehend, dass Kia anfangs in Europa durch SUVs bekannt wurde. Denken sie an den ersten Sportage, der bei Karmann gebaut wurde. Er war auch mein erster Kontakt zu Kia, als ich noch bei VW war. Wir haben weiter überlegt, dass es noch kein spezifisches Hybridfahrzeug gibt, dass CUV-Charakter (Anmerkung der Redaktion: Abkürzung für ,Crossover Utility Vehicle", ein Auto mit Geländeoptik, aber ohne Allradtechnik) hat. Und so dachten wir: Das passt doch super zu uns. Deswegen haben wir den Niro so gemacht. Er wird nicht sofort als Prius-Rivale erkennbar sein. Aber das war genau das, was wir wollten.

Wie entwickelt sich die Bedienung unserer Autos und wie wirkt sich das auf das Innenraumdesign aus? Hier wandelt sich derzeit ja vieles von analog zu digital. Auch Spracheingabe oder Gestensteuerung sind hier zu nennen. Worauf setzt Kia in naher Zukunft?

GG: Ich würde sagen: Fortschritt ja, aber so vorsichtig, dass es auch Sinn macht. Für uns sind Nutzbarkeit und Ergonomie sehr wichtig. Ich finde, es gibt viele Sachen, die man macht, weil man es kann und weil man dann darüber spricht. Ob das von der Sicherheit her Sinn macht und die Leute es beim Fahren wollen, davon bin ich noch nicht überzeugt. Wir überlegen uns ganz genau, was das Richtige ist. Will ich mich für einen einfachen Befehl durch mehrere Menüs arbeiten? Das geht immer noch am besten über eine Taste.

Von Kia fehlt uns noch ein Sportwagen. Wird es bald ein solches Modell geben?

GG: Es ist nicht einfach, einen Sportwagen zu machen, mit dem man Geld verdienen kann. Das gilt für alle Hersteller. Wir sind eine Marke, die ungern Verluste macht. Aber: 2011 haben wir auf der IAA in Frankfurt ein schönes Konzept gezeigt, den GT, einen coupéartigen Viertürer. Dieses Auto ist für uns wichtig, hier meinen wir, dass es für uns Sinn macht. Also weniger ein Sportwagen im Sinne eines Zweisitzers mit Mittelmotor. Man kann auch anders sportlich fahren. Ein Fahrzeug wie der GT ist bei uns in der Pipeline. 2017 wird ein sehr interessantes Jahr für Kia werden. Das kann ich versprechen. Freuen Sie sich auf mehrere emotionale Serienfahrzeuge. Und es ist immer toll, diese Autos dann auf der Straße zu sehen.

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