Das Amphibienfahrzeug braucht nur 74 Minuten

Hans Georg Näder hat wohl keine Lust, sein Auto auf eine Fähre oder einen Eisenbahnanhänger zu stellen, um vom englischen Dover ins französische Calais zu kommen. Und er ist verhältnismäßig schnell: Mit dem klassischen Schiff dauert die Überquerung des Ärmelkanals zirka 90 Minuten, der Zug unterquert das Gewässer im Eurotunnel in 35 Minuten, der beste Kanal-Schwimmer braucht gut sieben Stunden. Näder liegt mit seinem eigens für die 34 Kilometer lange Strecke gebauten Amphibienfahrzeug genau zwischen Fähre und Zug: In 74 Minuten und 30 Sekunden gelangte er ans andere Ufer. Ein eigens bestellter Schiedsrichter bestätigte diese neue Rekordzeit für Ärmelkanalüberquerungen in Amphibienfahrzeugen.

Der Tonic vom Gin
Näder ist Gesellschafter der Firmengruppe Otto Bock, die ihr Geld mit medizinischen Produkten verdient. Erfahrungen mit Fahrzeugen hat der Hersteller zum Beispiel wegen des seit kurzem angebotenen offroad-tauglichen High-end-Rollstuhls ,Superfour", der in der Anschaffung mit 30.000 Euro zu Buche schlägt. In Designfragen arbeitet Otto Bock ab und zu mit der Schweizer Firma Esoro zusammen, die sich auf Fahrzeugdesigns spezialisiert hat. Visionär Näder ließ jetzt als begeisterter Segler ein Beiboot seiner Jacht ,Pink Gin" von Esoro zum Amphicar umrüsten. Und zu Gin passt eben Tonic, womit der Name des technologisch enorm aufgemotzten Beiboots feststand.

Mercedes und viele Spezialkonstruktionen
Das Rekordfahrzeug basiert nicht auf einer bekannten Pkw-Baugruppe, sondern ist eine komplette Neukonstruktion. Es besteht zum größten Teil aus Kohlefaser und kommt auf ein Gewicht von 1,4 Tonnen. Angetrieben wird der Tonic zu Wasser und zu Lande von einem 170-PS-Turbodiesel, wie er auch im Mercedes C 200 CDI zum Einsatz kommt. Die Momente wandern entweder an die in einem Karbon-Halbtunnel laufende Schraube oder an alle vier Räder. Die Hinterräder werden dabei mechanisch angetrieben, während sich die hydraulisch angetriebenen Vorderräder zuschalten lassen, um beispielsweise wieder vorwärts aus dem Wasser herausfahren zu können. Im nassen Element ist der Tonic bis zu 62 km/h schnell, auf der Straße sind theoretisch bis zu 200 km/h drin – allerdings empfehlen die Konstrukteure für den straßenzugelassenen Wagen nachdrücklich eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.

Geländetauglich
Um das Offroad-Fahren am Strand zu erleichtern, lässt sich die Bodenfreiheit des Fahrzeugs von 15 auf 30 Zentimeter anheben – da werden echte Geländewagen neidisch, schließlich schwebt ein Jeep Wrangler gerade mal knapp 24 Zentimeter über dem Untergrund. Für die Fahrt im Wasser werden die Räder des Tonic komplett eingezogen und der Rumpf wird dicht verschlossen. Die dafür nötige Technologie war die größte Herausforderung für die Ingenieure. Der Tonic ist und bleibt ein Einzelstück, wie Esoro betont. Was das Projekt gekostet hat, verraten die Schweizer nicht.

Bildergalerie: Ärmelkanal-Rekord