Wir waren in Malvern Link und haben beim Morgan-Bau zugesehen

Uns schlägt ein intensiver Schreinerei-Geruch entgegen, wir können die Eschenholz-Partikel beinahe in der Luft schwirren sehen. Vom klassischen Öl- und Metallgeruch eines Autoherstellers bekommen wir hier nichts mit. Bei Morgan im englischen Malvern Link werden Rahmen noch wie im Kutschenbau aus dem Stück gesägt.

Bald 100 Jahre alt
Im Jahr 2009 wird Morgan 100 Jahre alt. 1909 gründete Harry Frederick Stanley Morgan (kurz: H.F.S. Morgan) in einer Garage in Malvern Link die Morgan Motor Company. Seine Gefährte, Dreiräder mit hinten angetriebenem Einzelrad, wurden nach einer Präsentation auf der London Motor Show schnell zum Kassenschlager. 1927 siedelte die Firma in ein größeres Areal in der Pickersleigh Avenu um. Von der alten Garage gibt es heute keine Spur mehr, auf dem Grundstück steht ein später gebautes Haus. ,Eine Schande" wie uns Mark Ledington, Marketing-Mann bei Morgan, sagt. Dreiräder produzierte Morgan noch bis 1952, aber bereits 1935 kam der vierrädrige 4/4 hinzu, der bis heute gebaut wird und somit die am längsten produzierte Serienlimousine der Welt ist. Selbst Lieferwagen hatte Morgan zeitweilig im Programm. Heute beschränkt sich die Modellpalette auf klassische Roadster in atemberaubendem Design. Und noch immer ist Morgan in Familienbesitz und kann sich somit als ältestes Familienunternehmen der Automobilbranche bezeichnen.

Handarbeit und Moderne
Mit dem Tod von H.F.S. Morgan im Jahr 1959 übernahm sein Sohn Peter die Leitung der kleinen Firma. 1999 durfte dann der aktuelle Chef ans Ruder: Peters Sohn Charles. Eines hat bei Morgan alle Generationen überstanden: die Handarbeit. 100 Prozent Handarbeit plus die aktuellsten Produktionstechniken sind das Erfolgsrezept, welches Morgan bis heute das Überleben ermöglichte.

Holz und Hightech
Das erste Morgan-Dreirad hatte Holzboden und Holzrahmen und Morgans fortschrittlichstes Fahrzeug, der Aero 8, hat das auch. Allerdings wird beim Aero 8 die Holzkonstruktion durch ein Aluminium-Chassis unterstützt. Die Kotflügel des Aero 8 lässt Morgan bei einer Fremdfirma produzieren. Sie bestehen aus hochfestem weil hochverdichtetem Flugzeug-Aluminium. Die dafür nötige Maschine kostet viele Millionen Euro und wäre für Morgan nicht finanzierbar. Der Fahrzeugbauer musste aber das Werkzeug für den Kotflügelbau bezahlen, welches allein mit 1,2 Millionen Euro zu Buche schlug. Befeuert wird der Aero 8 von einem 4,4-Liter-V8 von BMW. Ab 2008 ist das Modell auch mit Automatikschaltung zu haben. Auch die Motoren für die anderen Modelle sowie die Räder kauft Morgan von außen zu.

Crashen und kleben
Die Verwendung von Holz als tragender Konstruktion bringt Vor- und Nachteile mit sich. Auf Grund von Temperatur und Luftfeuchtigkeit ist jeder Rahmen anders. Jede Karosserie muss speziell an den Rahmen angepasst werden, was quasi nur in Handarbeit zu machen ist. Außerdem kann Morgan die Lacke nicht wie üblich bei 120 Grad trocknen. Wegen des Holzes sind maximal 60 Grad drin, was die Trocknungszeit verdoppelt und damit zum Flaschenhals der Produktion wird. Aber das verwendete Eschenholz, aus denen auch Tennis-Racks gemacht werden, ist leicht und hart. Bei Crashtests schnitten die Morgan-Modelle hervorragend ab. Und geht mal ein Stück Rahmen zu Bruch, verzieht sich nicht das ganze Fahrzeug. Das geborstene Stück wird einfach rausgesägt und ein neues Rahmenteil wird in die Konstruktion eingepasst.

Maserati Quartz Dolomite
Bei den Farben können sich die Kunden richtig austoben. So zeigt uns Mark einen Morgan mit einer Farbkombination aus Maserati Quartz Dolomite und Bentley Bronze. Auch das Gestühl und das Verdeck, beides entsteht ebenfalls bei Morgan in Handarbeit, können in jeder gewünschten Farbe geliefert werden.

100 für Deutschland
Pro Jahr treten allein 100 Morgan die Reise nach Deutschland an. In einer Woche stellen die Engländer zwölf klassische Morgan vom Typ Roadster und 4/4 sowie zwei Aero 8 her. Bald soll sogar ein Brennstoffzellenfahrzeug von Morgan die lieblichen Malvern Hills bei Malvern Link unsicher machen. Dabei kommt die Brennstoffzelle von einem Fremdhersteller. Entwicklung und Integration in den Morgan werden von der englischen Regierung finanziell stark unterstützt, um die eigenen Hersteller fit zu machen für die Zukunft. Als wir gerade gehen wollen, kommt uns der Morgan-Testfahrer in einem Roadster entgegen. Mark sagt uns, dass alle den Mann wegen seines Traumjobs beneiden. Aber der Testfahrer wendet dann immer ein, seine Arbeit sei bei schlechtem Wetter oder mit einem kaputten Auto kein Zuckerschlecken. Wie dem auch sei, als wir ihn sehen, strahlt er wie zwei Pfund Plutonium – ganz klar: Er hat einen Traumjob.

Bildergalerie: Holzgeruch in der Luft