Es ist DIE heilige Kuh der Deutschen: das Tempolimit auf Autobahnen. Respektive dessen Abwesenheit. Man kann also im Prinzip so schnell fahren, wie man will, was vor allem auf ausländische Besucher einen besonderen Reiz ausübt. Wir wollen uns an dieser Stelle mit den Fakten beschäftigen und werfen einen Blick zurück: Wie war das eigentlich früher mit den Tempolimits?

Kein Tempolimit auf allen deutschen Autobahnen?

Mit rund 13.000 Kilometern verfügt Deutschland heute über das viertlängste Autobahnnetz der Welt. Spitzenreiter ist übrigens China. Auf etwas mehr als der Hälfte der deutschen Autobahnen gilt eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h.

Auf rund 30 Prozent des Autobahnnetzes gilt ein permanentes Tempolimit, die restlichen 20 Prozent sind mit Schilderbrücken ausgestattet, auf denen je nach Verkehrs- oder Wettersituation eine Geschwindigkeitsbegrenzung angezeigt werden kann.

Ist Tempo 130 auf der Autobahn unfallträchtiger? Ja. Nur etwa zehn Prozent der Verkehrstoten eines Jahres sind auf Autobahnen zu beklagen, die meisten davon aber auf Strecken ohne Tempolimit.

Geschichte des Tempolimits in Deutschland

Zu Beginn der Motorisierung ging es auf deutschen Straßen noch gemächlich zu: 1910 galt innerorts eine Höchstgeschwindigkeit von 15 km/h für Personenkraftwagen und 12 km/h für Lastkraftwagen, ab 1927 von 30 km/h für Personenkraftwagen und Lastkraftwagen. Die Straßenverkehrsordnung war zunächst Ländersache.

Die Nationalsozialisten übertrugen die Gesetzgebungskompetenz dann vollständig auf das Reich. Die erste "Reichs-Straßenverkehrsordnung" hob am 8. Mai 1934 alle Vorschriften über Geschwindigkeitsbegrenzungen auf. Neben der Abschaffung der Kraftfahrzeugsteuer sollte damit der Absatz von Kraftfahrzeugen angekurbelt werden.

Doch man erkannte bald, wohin die ungebremste Raserei führte: Im Mai 1939 wurden aufgrund der Unfallzahlen wieder Geschwindigkeitsbegrenzungen eingeführt (Pkw innerorts 60 km/h, außerorts 100 km/h, Lkw 40 bzw. 70 km/h). Nach Kriegsbeginn wurden die Geschwindigkeiten im Oktober 1939 auf 40 km/h innerorts, 80 km/h außerorts für Personenkraftwagen und 60 km/h für Lastkraftwagen herabgesetzt. Die Beschränkung auf 80 km/h galt auch für die neuen Reichsautobahnen.

Fünf Jahre lang überall Rasen ohne Limit

Auf westdeutschen Straßen wurde es Mitte der 1950er Jahre ruhig: 1953 wurden in der Bundesrepublik alle Geschwindigkeitsbegrenzungen aufgehoben, auch innerhalb geschlossener Ortschaften, wo sie am 1. September 1957 wieder eingeführt wurden. Diese 50 km/h gelten bis heute.

Bis Anfang der 1970er Jahre durfte jedoch außerhalb geschlossener Ortschaften beliebig schnell gefahren werden. Aufgrund der bis 1970 ständig steigenden Zahl der Verkehrstoten (Höchstzahl 1970: fast 20.000) wurde jedoch mit Wirkung vom 1. Oktober 1972 als Großversuch bis zum 31. Dezember 1975 auf allen Landstraßen (außer Autobahnen) die sogenannte "Sicherheitsgeschwindigkeit" von 100 km/h eingeführt. Die Einführung dieser noch heute gültigen Geschwindigkeitsbegrenzung außerhalb geschlossener Ortschaften folgte 1976.

100 km/h auf der Autobahn während der Ölkrise

Ein Tempolimit auf Autobahnen wurde erstmals in den 1970er Jahren massiv diskutiert: Während der ersten Ölkrise galt zwischen November 1973 und März 1974 in der Bundesrepublik ein generelles Tempolimit von 100 km/h auch auf Autobahnen, um Treibstoff zu sparen. Das sorgte für Debatten im Volk, Autozeitschriften forderten die Rücknahme der Maßnahme.

Während die damalige Bundesregierung das Tempolimit verlängern wollte, widersetzte sich der Bundesrat diesem Vorhaben. Schließlich wurde es aufgehoben und stattdessen 1974 eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h auf Autobahnen eingeführt.

In der DDR galt übrigens immer ein generelles Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen, 80 km/h außerorts und 50 km/h innerorts. Die meist maroden Autobahnen in der DDR ließen aber auch kaum höhere Geschwindigkeiten zu. Hinzu kam eine im Vergleich zu Westdeutschland deutlich geringere Anzahl von Fahrzeugen pro Einwohner.

Diskussionen um Tempo 130

Das Thema Tempolimit ist seit Jahrzehnten ein Reizthema in Deutschland und Gegenstand lebhafter Diskussionen. In den letzten Jahren wurde vor allem der Klimaschutz als zentrales Argument angeführt. 

Im 2021 geschlossenen Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP wird ein Tempolimit ausdrücklich ausgeschlossen. Darauf beharrt auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP). Im Oktober 2023 sagte er gegenüber "auto, motor und sport": 

"Ich kann nicht nachvollziehen, warum immer wieder über Themen diskutiert wird, die einen kleinen Effekt, dafür aber maximale Spaltungswirkung in der Gesellschaft haben. Ich finde, wir sollten uns in einer Zeit, in der sehr viel Verunsicherung herrscht, auf die Dinge konzentrieren, die uns große Schritte voranbringen und bei denen wir die Menschen mitnehmen können. Außerdem haben wir es im Koalitionsvertrag ausgeschlossen, und dabei bleibt es."

Im Juni 2022 erklärte Wissing im Deutschlandfunk: "Wir haben während der Koalitionsverhandlungen uns umfangreich mit Fragen beschäftigt, was gehen wir an, um die CO2-Ziele im Verkehrssektor zu erreichen, und das Tempolimit war keinem der Koalitionspartner so wichtig, dass es Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hätte."

Das Umweltbundesamt (UBA) befürwortet hingegen ein Tempolimit auf Autobahnen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen des Verkehrs. Bei Einführung eines Tempolimits von 120 km/h auf Bundesautobahnen würden laut UBA die Treibhausgasmissionen des Straßenverkehrs durch die Verringerung der durchschnittlichen Geschwindigkeit um 2,9 Prozent gesenkt (minus 4,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente im Jahr 2018).

Immer mehr Deutsche für ein Tempolimit

Über Jahre lehnten die Mehrheit der Deutschen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen mehrheitlich ab, die Zahl der Befürworter einer Geschwindigkeitsbegrenzung hat aber in der letzten Zeit zugenommen. In einer Umfrage des Automobilclubs von 2023 votierten 41 Prozent gegen ein Tempolimit, 54 Prozent dafür. Andere Umfragen zeigen ein ähnliches Stimmungsbild.

Schon Anfang der 1990er Jahre gab es vorübergehend eine Mehrheit für die Einführung eines Tempolimits. Anschließend drehte die Stimmung wieder. Abzuwarten bleibt, ob die Frage zum Thema im nächsten Bundestagswahlkampf 2025 wird.

Apropos Wahl: Die nächste steht in Europa an. Eine Vereinheitlichung der Höchstgeschwindigkeiten ist von der EU nicht geplant. Zur Unfallreduzierung setzt die EU mit der Intelligent Speed Adaption (ISA) auf eine technische Lösung. Hierbei handelt es sich um Systeme, die oft markant piepsen, sobald die geltende Höchstgeschwindigkeit überschritten ist. Hierzu nutzen die Fahrzeuge eine Verkehrszeichenerkennung mit Navi und/oder Kamera. Ab dem 7. Juli 2024 müssen alle Neuzulassungen in der EU dieses System an Bord haben.