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Chinesische Automarken: Die große Flut und das böse Erwachen?
Heute neu auf dem Markt, morgen schon Geschichte? Warum Chinas Markenflut für Autokäufer zum Risiko werden könnte

Bild von: Motor1.com Deutschland
Christopher Otto 
Von: Christopher Otto
21. Okt. um 10:34 Uhr
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Manchmal beschleicht einen selbst als Autojournalist das ungute Gefühl, beruflich irgendetwas verpasst zu haben. Zum Beispiel, wenn man in Paris sein Hotel betritt und dort eine Automarke großflächig die Räumlichkeiten in Beschlag genommen hat, von der man noch nie gehört hat. Li Auto? Nie gehört. Dabei stehen gleich mehrere beeindruckende Fahrzeuge bereit, und der Auftritt wirkt alles andere als improvisiert.

Bild von: Li Auto
Das schlechte Gewissen hält allerdings nicht lange an. Denn auch unter den Kollegen, die sich tagtäglich mit neuen Autos beschäftigen, erntet die Frage nach Li Auto vor allem Schulterzucken. Irgendwie beruhigend. Andererseits auch bezeichnend für das, was gerade auf dem europäischen Automarkt passiert.
Rund 20 chinesische Automarken präsentieren sich auf dem Pariser Autosalon 2026, etwa doppelt so viele wie vor zwei Jahren. Manche kennt man inzwischen, andere hat man zumindest schon einmal gehört. Und dann gibt es jene, bei denen selbst Branchenkenner erst einmal überlegen müssen. Wenn schon wir Autojournalisten den Überblick verlieren, wie soll es dann erst dem durchschnittlichen Autokäufer gehen?
Die Chinesen können längst mehr als kopieren
Dabei wäre es grundfalsch, die chinesische Offensive als Flut billiger Autos abzutun. Im Gegenteil. Ich bin in den vergangenen Jahren zahlreiche Fahrzeuge chinesischer Hersteller gefahren und war nur selten wirklich enttäuscht. Viele überzeugen mit guter Verarbeitung, hohem Komfort, moderner Technik und einer Ausstattung, für die man bei europäischen Herstellern oft erheblich tiefer in die Tasche greifen muss.
Auch in Paris bestätigt sich dieser Eindruck. Nehmen wir Aito, eine Marke des chinesischen Seres-Konzerns. Vier Modellreihen stehen auf dem Messestand, der europäische Marktstart ist erst für Herbst 2027 vorgesehen. Trotzdem wirken die Fahrzeuge ausgesprochen erwachsen. Man setzt sich hinein, schaut sich um und fragt sich unwillkürlich, wie ein vergleichsweise junges Unternehmen in derart kurzer Zeit ein solches Modellprogramm auf die Räder stellen kann.

Aito präsentierte sich in Paris sehr prominent.
Bild von: Aito
Von den einstigen, billig zusammengeschusterten Kopien westlicher Vorbilder ist jedenfalls wenig übrig. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Marke 212 präsentiert Geländewagen, bei denen man sich unwillkürlich an Jeep Wrangler und Land Rover Defender erinnert fühlt. Wobei 212 selbst auf eine jahrzehntelange Geländewagentradition zurückblickt. Viele andere chinesische Hersteller setzen längst auf eigenständiges Design.

Ein Beispiel für eigenständiges chinesisches Design: XPeng P7+
Bild von: InsideEVs.de | Christopher Otto
Beeindruckendes Tempo, aber zu welchem Preis?
Beeindruckend ist auch die Geschwindigkeit, mit der neue Modelle entwickelt werden. Während traditionelle Hersteller jahrelang an einer Baureihe arbeiten, scheinen manche chinesischen Unternehmen beinahe im Halbjahrestakt neue Fahrzeuge aus dem Hut zu zaubern. Das sorgt für ein enormes Innovationstempo, wirft aber Fragen auf.
In Gesprächen mit professionellen Testfahrern, darunter Spezialisten von Zulieferern und Entwicklungsdienstleistern, bestätigt sich mein persönlicher Eindruck, dass bei manchen chinesischen Fahrzeugen die Feinabstimmung noch Verbesserungspotenzial bietet. Etwa bei Assistenzsystemen oder der Fahrdynamik im Grenzbereich.
Fairerweise betrifft das häufig Situationen, die ein normaler Autofahrer kaum erlebt. Andererseits kann auch ein plötzliches Ausweichmanöver zum Grenzfall werden. Ob solche Schwächen tatsächlich auf verkürzte Entwicklungszeiten zurückzuführen sind, lässt sich nicht sicher sagen. Ganz ausblenden sollte man diese Frage trotzdem nicht.
129 Marken, aber nur 15 mit Zukunft?
Meine eigentliche Sorge gilt allerdings einem anderen Thema. Denn so überzeugend viele dieser Autos heute auch sein mögen, ein Neuwagen ist schließlich kein Smartphone, das man nach zwei Jahren einfach ersetzt. Wer 40.000 oder 50.000 Euro ausgibt, möchte normalerweise darauf vertrauen können, dass sein Fahrzeug auch in acht oder zehn Jahren noch gewartet und repariert werden kann.
Wie unsicher die Zukunft mancher Marken ist, zeigt ein Blick auf China. Dort herrscht ein gnadenloser Wettbewerb. Preiskämpfe, Überkapazitäten und immer neue Modelle setzen selbst etablierte Hersteller unter Druck.

Bild von: Motor1.com
Die Unternehmensberatung AlixPartners veröffentlichte 2025 eine bemerkenswerte Prognose. Von damals 129 chinesischen Marken für Elektroautos und Plug-in-Hybride sollten demnach bis 2030 lediglich 15 wirtschaftlich tragfähig sein. Eine Zahl, die man sich durchaus auf der Zunge zergehen lassen sollte.
Das heißt nicht, dass die übrigen 114 zwangsläufig verschwinden. Manche könnten fusionieren, unter anderen Namen weiterbestehen oder von größeren Konzernen aufgefangen werden. Aber es verdeutlicht, wie gewaltig der Konsolidierungsdruck inzwischen ist.
Was passiert, wenn eine Marke wieder verschwindet?
BYD, MG oder Leapmotor haben sich in Europa bereits eine gewisse Bekanntheit erarbeitet. Gleichzeitig drängen ständig neue Namen auf den Markt, deren langfristige Perspektiven sich von außen kaum beurteilen lassen. Was passiert, wenn die Verkaufszahlen ausbleiben oder ein Mutterkonzern beschließt, eine seiner zahlreichen Marken einzustellen?
Dann steht der Kunde womöglich vor einem Problem, das beim verlockenden Neuwagenangebot niemand bedacht hat. Schließlich ist man für viele Jahre auf eine funktionierende Serviceorganisation und verfügbare Ersatzteile angewiesen.

Wer repariert ein chinesisches Auto, wenn die Marke nicht mehr vertreten ist?
Natürlich gibt es gesetzliche Gewährleistungsansprüche und teilweise großzügige Herstellergarantien. Nur was ist eine siebenjährige Garantie praktisch wert, wenn die nächste Vertragswerkstatt nicht mehr existiert oder dringend benötigte Ersatzteile fehlen?
Ein Marktrückzug bedeutet selbstverständlich nicht, dass sämtliche Verpflichtungen erlöschen. Aber zwischen einem Anspruch auf dem Papier und einer unkomplizierten Reparatur kann ein beträchtlicher Unterschied liegen. Hinzu kommt der Wiederverkaufswert. Wer möchte einen Gebrauchtwagen kaufen, dessen Marke längst wieder aus Europa verschwunden ist?

Positiv: Leapmotor ist bei Stellantis integriert und nutzt deren Infrastruktur.
Bild von: Motor1.com Deutschland | F. Grass
Wie lange geht die chinesische Markenoffensive noch weiter?
Die chinesische Automobilindustrie ist auch durch erhebliche staatliche und regionale Unterstützung gewachsen. Doch wie lange wird man bereit sein, eine derart große Zahl konkurrierender Unternehmen zu fördern?
Ich halte es für durchaus möglich, dass sich die wirtschaftlichen und politischen Prioritäten verschieben. Robotik und künstliche Intelligenz gewinnen an Bedeutung. Dass deshalb plötzlich sämtliche Fördermittel für Autos gestrichen werden, wäre eine gewagte Behauptung. Dass langfristig nicht jede Marke auf Unterstützung hoffen kann, erscheint mir dagegen plausibel.

Bild von: Motor1.com
Zumal sich große Konzerne mit ihren zahlreichen Marken mehrere Optionen offenhalten. Was heute aufwendig aufgebaut wird, könnte morgen zusammengelegt oder eingestellt werden. Für den Konzern eine nachvollziehbare Entscheidung, für den europäischen Käufer womöglich eine ziemlich unangenehme Überraschung.
Gute Autos allein reichen nicht
Verstehen wir uns nicht falsch. Ich möchte niemandem vom Kauf eines chinesischen Autos abraten. Dazu sind viele dieser Fahrzeuge schlicht zu gut. Und der Wettbewerb dürfte auch den etablierten Herstellern guttun.
Trotzdem würde ich jedem Interessenten empfehlen, neben Preis, Ausstattung und technischen Daten ein paar unbequeme Fragen zu stellen. Wer steckt hinter der Marke? Wie solide ist der Mutterkonzern? Gibt es ein funktionierendes Händler- und Servicenetz? Und wie ernsthaft erscheint das langfristige Engagement in Europa?
Vielleicht werden einige der heute noch unbekannten chinesischen Marken in zehn Jahren feste Größen sein. Andere könnten längst Geschichte sein. Welche dazugehören, weiß heute niemand.
Was ich aus Paris mitnehme, ist jedenfalls nicht nur die Erkenntnis, dass chinesische Hersteller beeindruckend gute Autos bauen. Sondern auch, dass es zunehmend schwieriger wird, ihre Zukunft einzuschätzen. Denn ein gutes Auto allein reicht nicht. Die Marke dahinter sollte idealerweise genauso lange durchhalten wie das Fahrzeug selbst.
Mehr aus China:
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