Mercedes droht mit Schließung von zwei deutschen Werken
Sinken die Produktionskosten nicht ausreichend, könnten ein Fahrzeugwerk und ein Antriebswerk geschlossen werden
Mercedes verschärft den Ton im Streit um die Kosten seiner deutschen Produktion. Sollten sich Unternehmen und Arbeitnehmerseite nicht auf ausreichende Kostensenkungen einigen, könnten zwei Werke geschlossen werden. Betroffen wären ein Fahrzeugwerk und ein Standort für Antriebskomponenten. Welche Werke gemeint sind, sagt Mercedes nicht.
Produktionsvorstand Michael Schiebe äußerte sich dazu auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen. Das Unternehmen bestätigte seine Aussagen anschließend gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Das Ziel bleibe der Erhalt aller deutschen Standorte. Dafür müssten die Kosten allerdings sinken.
Schiebe formulierte auch die mögliche Konsequenz. Gelinge die Kostensenkung nicht, werde Mercedes “ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrainwerk schließen müssen”. Wichtig dabei: Eine solche Entscheidung ist bislang nicht gefallen. Mercedes nennt auch keine konkreten Standorte.
Welche Werke gemeint sind, bleibt offen
Fahrzeuge baut Mercedes in Deutschland unter anderem in Sindelfingen, Rastatt und Bremen. Hinzu kommen mehrere Standorte für Antriebe und Antriebskomponenten. Spekulationen darüber, welche Werke im Ernstfall betroffen sein könnten, lassen sich anhand der bisherigen Aussagen nicht belastbar führen.
Die Diskussion kommt allerdings nicht überraschend. Mercedes drängt bereits seit Monaten darauf, seine Produktionskosten in Deutschland zu reduzieren. Dabei geht es unter anderem um längere Arbeitszeiten ohne entsprechenden höheren Lohn. Das Management verweist auf deutlich günstigere Produktionsbedingungen an ausländischen Standorten.
Produktion des Mercedes 190 in Bremen (1984)
Eine wichtige Rolle spielt dabei das ungarische Werk Kecskemét, dessen Kapazitäten Mercedes ausbaut. Das Unternehmen argumentiert, ein günstigerer Produktionsmix könne letztlich auch die deutschen Standorte stärken. Gleichzeitig sollen die deutschen Produktionskapazitäten auf rund 900.000 Fahrzeuge ausgerichtet werden.
Proteste gegen weitere Einschnitte
Die Aussagen über mögliche Werksschließungen fielen mit einem bundesweiten Aktionstag der IG Metall zusammen. Allein in Sindelfingen beteiligten sich nach Angaben aus Gewerkschaft und Unternehmen rund 20.000 Beschäftigte. Bundesweit sprach die IG Metall von etwa 175.000 Teilnehmern aus der Auto- und Zulieferindustrie.
Die Arbeitnehmervertreter lehnen weitere Einschnitte und insbesondere längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich ab. Mercedes hält niedrigere Kosten dagegen für notwendig, damit die deutschen Werke innerhalb des weltweiten Produktionsverbunds konkurrenzfähig bleiben.
Mercedes EQS in der Batteriefabrik Untertürkheim/Hedelfingen
Der Konflikt dürfte damit noch an Bedeutung gewinnen. Anfang Oktober beginnen die Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie. Die nun öffentlich formulierte Möglichkeit von Werksschließungen erhöht den Druck auf die Gespräche zusätzlich.
Bei Volkswagen läuft eine ähnliche Debatte
Mercedes steht mit dem Problem nicht allein da. Auch Volkswagen baut sein deutsches Produktionsnetz um und verweist dabei auf Kosten und Überkapazitäten. Der Konzern richtet seine weltweite Produktionskapazität inzwischen auf rund neun Millionen Fahrzeuge jährlich aus. Vor der Corona-Pandemie waren die Werke noch auf etwa zwölf Millionen Fahrzeuge ausgelegt.
Die Folgen sind bereits sichtbar. In Dresden endete die Fahrzeugproduktion. Im Werk Osnabrück soll sie 2027 auslaufen. Für diesen Standort hat Volkswagen inzwischen eine mögliche Übernahme durch Aurelius vereinbart. Auch andere deutsche Werke stehen vor Veränderungen, während der Konzern seine Kapazitäten an die erwartete Nachfrage anpasst.
Reuters berichtete Anfang September zudem, Volkswagen kalkuliere mit hohen Kosten für den laufenden Konzernumbau, Stellenabbau und mögliche weitere Veränderungen im Produktionsnetz. Eine konkret genannte Summe von rund 16 Milliarden Euro bestätigte Volkswagen allerdings nicht.
Noch ist keine Mercedes-Schließung beschlossen
Die Ausgangslage bei beiden Herstellern unterscheidet sich im Detail. Gemeinsam ist Mercedes und Volkswagen aber die Frage, wie ihre vergleichsweise teuren deutschen Produktionsstandorte bei veränderter Auslastung wettbewerbsfähig bleiben können.
Bei Mercedes gibt es darauf bislang keine Entscheidung in Form einer Werksschließung. Auch die Namen möglicher Standorte sind nicht bekannt. Die Aussage des Produktionsvorstands macht jedoch deutlich, dass das Unternehmen diesen Schritt nicht mehr grundsätzlich ausschließt.
Damit hat der Streit eine neue Stufe erreicht. Bislang standen vor allem Arbeitszeiten, Kosten und Produktionsverlagerungen zur Diskussion. Nun hat Mercedes erstmals konkret benannt, was nach Ansicht des Managements passieren könnte, wenn die angestrebten Einsparungen an den deutschen Standorten nicht erreicht werden.
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