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Royal Enfield Goan Classic 350 im Test: So cool können 20 PS sein
20 PS, coole Optik und Ape-Lenker - die kleine Bobber macht auf dicke Hose und kommt dammt erstaunlich gut durch ...

Bild von: Motor1.com Deutschland
Christopher Otto 
Von: Christopher Otto
20. Sep. um 12:00 Uhr
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20 PS. Fünf Gänge. Ein luftgekühlter Einzylinder. Auf dem Papier klingt die Royal Enfield Goan Classic 350 damit eher unspektakulkär, um es mal vorsichtig auszudrücken. Dann steht sie vor uns, tief, breit, mit hohem Lenker, fetten Kotflügeln, Einzelsitz und in unserem Fall in ziemlich schicker Rave-Red-Lackierung. Und plötzlich ist die Leistung erst einmal ziemlich egal.
Denn klein sieht dieses Motorrad erstaunlicherweise überhaupt nicht aus. Die Goan Classic 350 spielt optisch mindestens eine Hubraumklasse höher und verfolgt ein Konzept, das auf dem deutschen Markt fast schon ein Alleinstellungsmerkmal ist: ein echter kleiner Bobber mit Einzylinder, überschaubaren Kosten und trotzdem ziemlich erwachsenem Auftritt. Zwei Wochen lang durfte sie zeigen, ob hinter der Show auch Motorrad steckt.
Bildergalerie: Royal Enfield Goan 350 Test

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Quelle: Motor1.com Germany
Kleiner Bobber, ziemlich großer Auftritt
Der Name ist kein Marketing-Zufall. Royal Enfield ließ sich von der Custom-Bike-Szene inspirieren, die Goa in den 1970er- und 1980er-Jahren prägte. Basis ist die Classic 350, aus der mit hohem Ape-Lenker, veränderter Silhouette, Einzelsitz und Bobber-Details ein ziemlich anderes Motorrad geworden ist.
Unser Testmotorrad in Rave Red kombiniert ein dunkles Weinrot mit Schwarz und sieht damit herrlich klassisch aus. Besonders gut gefallen uns die großen lackierten Kotflügel, die lackierten Felgen und die verchromte Rundlampe mit ihrem kleinen Schirmchen. Darin steckt LED-Technik, die sich erstaunlich unauffällig in das Retro-Ensemble einfügt. Auch der mattschwarze Auspuff passt.

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Am besten funktioniert die Goan für uns als Einsitzer. Dann kommt die niedrige, lange Bobber-Silhouette richtig zur Geltung. Ein zweiter Sitz lässt sich anschrauben, wenn doch mal jemand mitfahren soll. Praktischer, klar. Aber eben auch weniger cool.
Auch bei näherem Hinsehen gibt es wenig zu meckern. Verarbeitung, Lack und Details machten während unseres Tests einen sehr guten Eindruck. Nichts klappert, nichts wirkt lieblos drangeschraubt. Sogar Harley-Fahrer grüßen, obwohl deren Maschinen teilweise den fünffachen Hubraum mitbringen. Mehr Anerkennung kann ein kleiner 350er-Cruiser vermutlich kaum bekommen.

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20 PS, die sich nicht nach 20 PS anfühlen
Herzstück ist der bekannte 349-ccm-Einzylinder von Royal Enfield. Er leistet 20,2 PS bei 6.100 U/min und entwickelt maximal 27 Nm bei 4.000 Touren. Die Kraft geht über ein Fünfganggetriebe ans Hinterrad. Royal Enfield gibt 114 km/h Höchstgeschwindigkeit an.
Technische Daten Royal Enfield Goan Classic 350 Motor Luftgekühlter Viertakt-Einzylinder Hubraum 349 cm³ Leistung 20,2 PS bei 6.100 U/min Drehmoment 27 Nm bei 4.000 U/min Getriebe 5-Gang Höchstgeschwindigkeit 114 km/h
20 PS sind 20 PS. Zaubern kann auch Royal Enfield nicht. Trotzdem fühlt sich der Single auf den ersten Metern überraschend lebendig an. Gerade im Stadtverkehr kommt früh ordentlich Druck, das Motorrad reagiert spontan und wirkt erheblich spritziger, als das Datenblatt erwarten lässt. Ausdrehen kann man den Motor ebenfalls problemlos, auch wenn ihm oben herum erwartungsgemäß irgendwann die Luft ausgeht.

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Fast zu viel des Guten ist die Gasannahme. Schon winzige Bewegungen am Gasgriff sorgen für eine deutliche Reaktion. Das erzeugt beim Losfahren subjektiv ordentlich Temperament, nervt aber beim gleichmäßigen Rollen. Tempo 30 im niedrigen Gang wird schnell zur Feinmotorikübung für die rechte Hand. Wir hätten uns hier eine progressivere Abstimmung gewünscht, vor allem wenn es ein wenig holpriger wird. Und das wird es oft, dazu später mehr.
Sehr schön arbeitet dagegen das Getriebe. Die fünf Gänge lassen sich sauber sortieren, die Übersetzung passt zum Motor und auch die Kupplung überzeugt mit geringer Handkraft und guter Dosierbarkeit. Eine nette Besonderheit ist die Schaltwippe: Hochschalten geht klassisch mit der Fußspitze oder durch einen Tritt mit der Ferse auf den hinteren Teil des Hebels. Funktioniert prima und hat einen unerwarteten Nebeneffekt. Die weißen Turnschuhe bleiben weiß.

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Noch besser passt der Klang zum Motorrad. Aus dem Auspuff kommt ein sattes, aber nie nerviges Einzylinder-Blubbern. Dazu gesellt sich die deutlich hörbare Mechanik des Motors. Man hört den Kolben förmlich arbeiten. Kernig, ehrlich und gerade so präsent, dass man merkt: Hier wird Benzin noch mit körperlicher Arbeit in Vortrieb verwandelt.
Fahrwerk: Goa kann auch Aua
So charmant der Motor ist, so uncharmant kann das Fahrwerk werden. Vorne arbeitet eine konventionelle 41-mm-Telegabel mit 130 Millimeter Federweg. Hinten gibt es zwei Federbeine mit einstellbarer Vorspannung und gerade einmal 90 Millimeter Federweg.
Die Gabel geht noch in Ordnung. Sie federt ehrlich an und nimmt schlechten Straßen zumindest einen Teil ihres Schreckens. Hinten sieht die Sache anders aus. Das Heck ist knüppelhart.

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Kurze Bodenwellen, Kanaldeckel und Querfugen werden mit bemerkenswerter Konsequenz nach oben weitergereicht. Gerade im Solobetrieb kracht es teilweise derart im (Fahrer-)Gebälk, dass Komfort kaum noch das passende Wort ist. Straff wäre nett formuliert. Zu hart trifft es besser.
Das Problem endet nicht beim Rücken des Fahrers. Wird eine langgezogene Kurve wellig, kann die Hinterhand durch die geringe Nachgiebigkeit deutlich versetzen. Das ist unangenehm und nimmt Vertrauen. Eine weichere Abstimmung für den europäischen Markt würde der Goan gut tun.
Schade, denn grundsätzlich fährt sie sich durchaus unterhaltsam. Die Reifen bieten ordentlich Grip und die Maschine lässt sich trotz Cruiser-Geometrie und hohem Lenker vernünftig durch Kurven dirigieren. Hochpräzise ist das alles nicht. Will es aber auch gar nicht sein.

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Auch die Bremsanlage passt. Vorne arbeitet eine 300-mm-Scheibe mit Zweikolben-Sattel, hinten eine 270-mm-Scheibe. Zweikanal-ABS ist serienmäßig. Die Bremse benötigt wenig Handkraft, lässt sich sauber dosieren und packt kräftig zu, ohne unnötig giftig zu reagieren. Hier gibt es wenig zu meckern.
Cruisen ja, Reisen nein
In der Stadt versteht man schnell, wofür dieses Motorrad gebaut wurde. Die Sitzposition ist herrlich lässig. Hoher Lenker, weit vorne liegende Fußrasten, niedriger Schwerpunkt. Dazu kommt eine Sitzhöhe von nur 805 Millimetern.
Auch die 195 Kilogramm fahrfertiges Gewicht lassen sich beim Rangieren gut beherrschen. Nur die großen Fußrasten lauern dabei gerne auf das Schienbein. Wer einmal dagegen gehauen hat, weiß anschließend ziemlich genau, wo sie sitzen.

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Bis Landstraßentempo macht die Goan richtig Spaß. Man schwimmt problemlos mit, der Motor wirkt munter und für die entspannte Runde durchs Umland fehlt wenig. Nur beim Überholen sollte man vorher überlegen. Und danach besser noch einmal. Ab 100 km/h sind kaum Reserven vorhanden.
Auf der Autobahn wird aus dem entspannten Cruiser schnell ein Fitnessgerät. Gut 110 km/h sind drin, unter günstigen Bedingungen auch etwas mehr. Nur hängt der Fahrer mit dem hohen Lenker komplett im Wind und macht den menschlichen Bremsfallschirm. Lange hält man das nicht aus.
Das ist kein Vorwurf, sondern schlicht die Grenze des Konzepts. Die Goan ist ein Motorrad für Stadt, Feierabendrunde und gelegentliche Landstraßen-Ausflüge. Wer damit regelmäßig 400 Kilometer am Stück fahren möchte, hat beim Kauf vermutlich die falsche Abzweigung genommen.

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Retro-Cockpit mit Smartphone-Hilfe
Erfreulich konsequent bleibt Royal Enfield beim Cockpit. Vor dem Fahrer sitzt ein klassisch wirkender analoger Rundtacho mit integriertem Display. Darüber lassen sich unter anderem Tageskilometer und Uhrzeit abrufen. Keine TFT-Landschaft, keine animierten Fahrmodi, kein digitales Feuerwerk.
Ganz analog bleibt die Goan trotzdem nicht. Das separate Tripper-Modul ermöglicht in Verbindung mit der Royal-Enfield-App eine Turn-by-Turn-Navigation. Auch ein USB-C-Anschluss ist vorhanden.
Uns gefällt diese Mischung. Die Technik ist da, wenn man sie braucht, hält sich optisch aber zurück. Mehr muss ein Motorrad dieser Art eigentlich nicht können.

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Ausstattung und Abmessungen
Abmessungen Royal Enfield Goan Classic 350 Länge / Breite / Höhe 2.145 / 785 / 1.090 mm Radstand 1.390 mm Bodenfreiheit 170 mm Sitzhöhe 805 mm Gewicht fahrfertig 195 kg Tankinhalt 13 Liter
Royal Enfield gibt einen Verbrauch von 2,8 Litern auf 100 Kilometer an. Rechnerisch wären damit mehr als 450 Kilometer möglich. Einen belastbaren eigenen Testverbrauch können wir aufgrund unserer begrenzten Fahrstrecke nicht liefern. Auffällig durstig war die Goan jedenfalls nicht.
Viel Stil für 5.590 Euro
5.590 Euro kostete die Goan Classic 350 zur deutschen Markteinführung. Drei Jahre Garantie gibt es ebenfalls. Für ein Motorrad mit gerade einmal 20,2 PS klingt das zunächst nicht nach einem Sonderangebot. Leistung ist hier allerdings eine ziemlich ungeeignete Währung.
Interessanter ist, wie wenig direkte Konkurrenz es gibt. Kleine Einzylinder sind zahlreich, kleine Cruiser ebenfalls zu finden. Aber ein Bobber oberhalb der 125er-Klasse mit klassischem Einzylinder, ausgewachsenem Auftritt und genau dieser Ausrichtung? Da wird die Luft dünn. Die Goan besetzt tatsächlich eine Nische in der Nische.

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Wer auf den Einzylinder verzichten kann, findet allerdings leistungsstarke Alternativen. Die CFMOTO 450CL-C kostet 5.999 Euro und liefert mit ihrem 449-ccm-Zweizylinder 44 PS. Für lediglich 409 Euro mehr gibt es also mehr als die doppelte Leistung. Die noch konsequenter auf Bobber getrimmte CFMOTO 450CL-C Bobber liegt mit 6.499 Euro ebenfalls noch in Reichweite.
Auch die Honda CMX500 Rebel spielt in diesem Umfeld, ist mit ihrem 471-ccm-Zweizylinder aber bereits ein deutlich kräftigeres Motorrad. Wer also PS pro Euro zählt, wird bei der Goan nicht glücklich. Wer dagegen einen unkomplizierten, sparsamen Einzylinder mit dem Auftritt eines deutlich größeren Cruisers sucht, findet erstaunlich wenig Vergleichbares.
Fazit
Pro
- sehr stimmiger Bobber-Look
- lebendiger und charaktervoller Einzylinder
- gute Bremsen und griffige Reifen
- hochwertige Verarbeitung
Contra
- hinteres Fahrwerk viel zu hart
- Gasannahme bei kleinen Gasgriffbewegungen zu scharf
- kaum Leistungsreserven oberhalb von 100 km/h
- für Autobahn und Langstrecke kaum geeignet
Die Goan Classic 350 ist kein Alleskönner und macht daraus erfreulicherweise kein Geheimnis. In der Stadt ist sie lässig, überraschend spritzig und kinderleicht zu beherrschen. Auf der Landstraße reicht die Leistung für entspannte Runden, solange man beim Überholen keine Wunder erwartet. Dazu sieht sie in Rave Red richtig erwachsen aus, klingt kernig und wirkt sauber verarbeitet.
Das harte Heck nervt allerdings gewaltig und auf der Autobahn sind 20 PS plus Ape-Lenker eine ziemlich wirkungsvolle Methode, um die Lust an langen Strecken zu verlieren. Aber genau da will die Goan ohnehin nicht hin. Sie ist ein Motorrad fürs urbane Cruisen, für den Weg zum Café und für die kleine Runde am Wochenende. Ein kleiner Einzylinder-Bobber, der aussieht wie ein großer. Und gerade weil diese Kombination kaum jemand sonst anbietet, hat die Goan Classic 350 ihren ganz eigenen Platz gefunden.
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