Schöner als ein Porsche? Unterwegs im legendären Rometsch Beeskow
Mit Porsche-Power im Heck und einer Karosserie zum Verlieben gehört der Rometsch Beeskow zu den schönsten Klassikern der Welt
Es gibt Autos, die beeindrucken erst, wenn man den Schlüssel umdreht. Und dann gibt es den Rometsch Beeskow. Bei ihm reicht ein einziger Blick. Uns ging das jedenfalls vor einiger Zeit in der Autostadt Wolfsburg so.
Eigentlich waren wir dort, um über einige der außergewöhnlichsten Käfer-Derivate zu berichten. Doch zwischen all den seltenen Volkswagen blieb der Blick immer wieder an einem hellblauen Cabriolet hängen, das mit einem gewöhnlichen Käfer ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein Maßanzug mit einer Arbeitsjacke.
Bildergalerie: Rometsch Beeskow 1952 Test
Damals wissen wir noch wenig über Rometsch, über Johannes Beeskow und auch kaum etwas über die Geschichte der Berliner Karosseriebauer. Ehrlich gesagt spielt das in diesem Moment überhaupt keine Rolle. Dieses Auto funktioniert zunächst über seine Wirkung. Man umrundet es einmal, dann noch ein zweites Mal und entdeckt immer neue Details. Diese unglaublich langen Proportionen, die sanft geschwungene Seitenlinie, das elegante Heck, die tiefe Straßenlage. Irgendwann hört man auf, nach einer Stelle zu suchen, die vielleicht nicht ganz gelungen ist. Wir haben jedenfalls keine gefunden.
Hinter dem schönen Schein steckt eine spannende Geschichte
Je intensiver man sich später mit dem Beeskow beschäftigt, desto spannender wird seine Geschichte. In den fünfziger Jahren ist es völlig normal, dass große Hersteller Fahrgestelle und Technik liefern, während spezialisierte Karosseriebauer daraus exklusive Einzelstücke fertigen. Einer dieser Betriebe heißt Rometsch und sitzt in Berlin. Das Unternehmen genießt schon vor dem Krieg einen hervorragenden Ruf und sucht nach 1945 nach einem Weg zurück ins Automobilgeschäft. Die robuste Plattform des Volkswagen Käfers liefert dafür die ideale Grundlage.
Den entscheidenden Beitrag leistet Johannes Beeskow. Der Konstrukteur kommt vom renommierten Karosseriebauer Erdmann & Rossi, wo vor dem Krieg elegante Automobile für wohlhabende Kunden entstehen. Genau dieses Gespür für Proportionen bringt er zu Rometsch mit. Sein Entwurf wirkt bis heute erstaunlich modern. Die Front ist lang, das Heck noch länger, dazwischen spannt sich eine Seitenlinie, die mit einer Leichtigkeit über das Auto fließt, als hätte jemand sie mit einem einzigen Bleistiftstrich gezeichnet. Überflüssige Sicken oder modische Spielereien sucht man vergeblich. Der Beeskow braucht sie nicht.
Form follows function in seiner frühen Form
Zu den spannendsten Details gehören die sogenannten Radpfeifen über den vorderen Kotflügeln. Auf den ersten Blick wirken sie wie ein besonders eleganter Designkniff. Tatsächlich entstehen sie aus einer technischen Notwendigkeit. Die schmale Karosserie deckt die Spurweite des Käfers nicht vollständig ab, also modelliert Johannes Beeskow diese charakteristischen Ausbuchtungen in die Kotflügel.
Aus einem konstruktiven Problem wird eines der markantesten Erkennungsmerkmale des Rometsch. Manche Historiker sehen darin sogar einen frühen Vorläufer der späteren Kotflügelgestaltung des Mercedes-Benz 300 SL, auch wenn sich dieser Zusammenhang heute nicht eindeutig belegen lässt.
Das Beeindruckende daran ist, dass unter dieser bildschönen Hülle aus Aluminium ausgerechnet die Technik eines VW Käfer arbeitet. Rometsch baut keine neue Plattform, sondern macht das, was gute Karosseriebauer seit jeher beherrschen. Sie nehmen Bewährtes und verleihen ihm eine völlig neue Persönlichkeit. Jedes Aluminiumblech entsteht in Handarbeit, wird angepasst, gedengelt und verschweißt. Fließbandarbeit gibt es hier nicht. Jeder Beeskow ist im Grunde ein kleines Kunstwerk.
Interessante Preisfindung
Ein Schnäppchen ist dieses Kunstwerk allerdings nie. Anfang der 1950er-Jahre kostet ein Beeskow stolze 8.900 D-Mark und bewegt sich damit beinahe auf Porsche-Niveau. Um diesen Preis rankt sich bis heute eine der schönsten Geschichten der deutschen Automobilgeschichte. Der Schauspieler Viktor de Kowa soll den ersten Wagen bei der ersten Präsentation unbedingt kaufen wollen, doch bei Rometsch hat sich angeblich noch niemand um den Preis Gedanken gemacht.
Also wirft Firmengründer Friedrich Rometsch kurzerhand einen Blick zum benachbarten Porsche-Stand, sieht dort den Preis eines 356 und setzt seinen Beeskow einfach ein klein wenig darunter an. Ob sich die Geschichte tatsächlich genau so zugetragen hat, lässt sich heute kaum noch überprüfen. Sie passt allerdings wunderbar zu einem Auto, das ohnehin mehr Herz als betriebswirtschaftliche Vernunft in sich trägt.
Zu den Kunden zählen im Laufe der Jahre prominente Namen wie der angesprochene Viktor de Kowa, Gregory Peck, Audrey Hepburn, Brigitte Mira oder Aenne Burda. Ob alle diese Besitzer heute noch zweifelsfrei dokumentiert werden können oder manche längst Teil der Rometsch-Legende geworden sind, spielt fast schon eine untergeordnete Rolle. Der Beeskow entwickelt sich schnell zum Automobil einer kleinen, wohlhabenden Schicht, die sich bewusst vom Gewöhnlichen absetzen möchte.
Zwischen 1950 und 1957 entstehen nach Angaben der Autostadt lediglich 280 Exemplare. Heute sollen davon nur noch wenige erhalten sein. Eines steht in Wolfsburg. Unser Exemplar.
Wirtschaftlich ist der Beeskow trotzdem kein Erfolg, dafür ist die Fertigung viel zu aufwendig. Jeder Wagen verschlingt unzählige Arbeitsstunden. Als Volkswagen später den deutlich günstigeren Karmann Ghia präsentiert und die Versorgung mit Käfer-Fahrgestellen deutlich zurückschraubt, verliert Rometsch seine wichtigste Grundlage. Mit dem Mauerbau 1961 verliert die Firma die Hälfte ihrer Mitarbeiter, der Sportwagenbau wird eingestellt.
Genau deshalb gehört der Beeskow heute zu jenen Automobilen, deren Wert sich kaum in Zahlen ausdrücken lässt. Er steht für eine Zeit, in der Karosseriebauer noch Künstler sein dürfen und Automobile nicht nach Plattformstrategien entstehen, sondern nach einer Idee.
Hinter dem Steuer erschließt sich eine alte Welt
Vielleicht fasziniert uns dieses Auto auch deshalb bis heute. Denn wir erinnern uns noch genau an den Moment, als wir es zum ersten Mal gesehen haben. Es reift ziemlich schnell der Plan, den Rometsch irgendwann einmal selbst zu fahren. Eigentlich soll das bei einer Oldtimer-Rallye gemeinsam mit der Autostadt passieren, doch daraus wird nichts. Umso größer ist die Freude, als sich einige Zeit später doch die Gelegenheit ergibt, den Wagen einen ganzen Tag lang rund um Wolfsburg zu bewegen.
Schon beim Näherkommen wirkt der Beeskow beinahe unwirklich. Die Front scheint endlos lang zu sein, das Heck zieht sich noch ein gutes Stück weiter nach hinten und die gesamte Karosserie besitzt eine Eleganz, die man bei einem Auto auf Käfer-Basis niemals erwarten würde. Besonders das Heck hat es uns angetan. Es wirkt weich modelliert, fast organisch, ohne dabei an Spannung zu verlieren. Es gibt Autos, die altern in Würde. Der Beeskow scheint überhaupt nicht zu altern.
Überraschung im Innenraum
Noch schöner wird es, als die nach hinten angeschlagenen (Selbstmörder-)Türen aufschwingen. Der Blick fällt auf rotes Leder, ein herrlich gestaltetes Armaturenbrett mit Bakelit-Einlagen und liebevoll integrierte Käfer-Instrumente. Alles wirkt vertraut und gleichzeitig völlig anders. Hinter Fahrer und Beifahrer wartet schließlich die vielleicht größte Überraschung. Dort befindet sich tatsächlich ein dritter Sitz, allerdings quer zur Fahrtrichtung. Sein Passagier genießt beinahe verschwenderische Beinfreiheit.
Aus heutiger Sicht verursacht das Ganze aus sicherheitstechnischer Sicht erstmal Schnappatmung. Die Frage, wie man sich da hinten quer anschnallt, stellt sich erst gar nicht, denn Gurte sucht man im ganzen Fahrzeug vergeblich. Ist heute irgendwie nicht mehr vorstellbar und fühlt sich übrigens auch während der ganzen Fahrt furchtbar falsch an ...
Autofahren, wie es einmal war
Total richtig sind wir dagegen auf dem Fahrersitz. Schon die Sitzposition verrät sofort die enge Verwandtschaft zum Käfer. Man sitzt vergleichsweise tief, hält ein riesiges, spindeldünnes Lenkrad in den Händen und blickt auf Instrumente, die jedem Käferfahrer vertraut vorkommen dürften. Gleichzeitig wirkt das Umfeld deutlich exklusiver. Das Armaturenbrett mit seinen Bakelit-Einlagen verleiht dem Innenraum eine Wärme und Eleganz, wie man sie heute kaum noch findet.
Ein Dreh am Zündschlüssel genügt und der Boxer im Heck erwacht mit seinem typischen Brabbeln zum Leben. Zunächst klingt das alles noch erstaunlich vertraut. Die stehenden Pedale, der leicht knorrige Schalthebel, das mechanische Eigenleben. Wer schon einmal einen frühen Käfer bewegt hat, fühlt sich sofort zuhause. Zumindest für die ersten Meter.
Hacke-Spitze-Zwischengas - ein längst vergessener Tanz lebt auf
Denn schon der Wechsel in den zweiten Gang macht unmissverständlich klar, dass wir hier nicht in einem modernen Volkswagen sitzen. Das Getriebe ist unsynchronisiert und erwartet genau das, was früher selbstverständlich war. Doppelkupplung, Zwischengas, Hacke-Spitze und Gefühl. Wer einfach durchschaltet wie in einem modernen Auto, wird vom Getriebe lautstark daran erinnert, dass Zahnräder keine Freunde von Ungeduld sind.
Anfangs kostet das einige Mühe. Die Bewegungsabläufe wirken ungewohnt und längst vergessen. Doch nach einigen Kilometern stellt sich ein Rhythmus ein. Man beginnt wieder bewusst zu schalten, hört auf den Motor, wartet auf den richtigen Moment und freut sich über jeden Gangwechsel, der ohne Protest gelingt. Was früher zum automobilen Alltag gehört, fühlt sich heute fast wie eine neu erlernte Fertigkeit an.
Porsche-Power im Heck
Während wir uns noch mit dem Getriebe beschäftigen, überrascht der Motor umso mehr. Im Heck des Wagens aus der Autostadt arbeitet heute kein gewöhnlicher Käfer-Boxer mehr, sondern ein 1,5 Liter großer Porsche-356-Motor mit 60 PS. Die Zahlen wirken aus heutiger Sicht bescheiden. Hinter dem Lenkrad fühlen sie sich alles andere als das an. Der luftgekühlte Boxer dreht begeistert hoch, spricht spontan aufs Gas an und verleiht dem nur rund 750 Kilogramm schweren Cabriolet eine erstaunliche Leichtigkeit.
Ganz ohne Ehrfurcht sollte man die zusätzliche Leistung allerdings nicht genießen. Das Fahrwerk erinnert einen regelmäßig daran, dass hier eine Konstruktion aus den frühen fünfziger Jahren unterwegs ist. Der Geradeauslauf verlangt Aufmerksamkeit, die Lenkung besitzt das typische Spiel alter Fahrzeuge und auch die Hinterachse möchte ernst genommen werden.
Beim Beschleunigen arbeitet sie spürbar mit, in schnell gefahrenen Kurven bleibt immer ein kleines Maß an Unruhe. Der Beeskow fährt sich ehrlich. Er verschweigt nichts und verlangt volle Aufmerksamkeit. Wo heute zwei Finger reichen, brauchte man damals beide Hände.
Gerade das macht seinen Reiz aus. Moderne Autos filtern vieles weg, bevor es den Fahrer überhaupt erreicht. Der Rometsch macht genau das Gegenteil. Er lässt einen jede Bewegung spüren, jede Unebenheit, jede Lastwechselreaktion und jeden sauber gelungenen Schaltvorgang. Man fährt dieses Auto nicht nebenbei. Man beschäftigt sich mit ihm. Und genau deshalb entsteht nach kurzer Zeit etwas, das modernen Fahrzeugen oft abgeht. Eine echte Verbindung zwischen Mensch und Maschine.
Mit den Kilometern ändert sich das Verhältnis zum Auto. Statt dagegen arbeitet man nun eher mit dem Auto, lässt es laufen und versucht nicht mehr, jede Eigenheit auszusteuern. Und schon läuft es besser. Man passt sich dem Wagen an, zwangsläufig. Vielleicht ist genau das das Geheimnis klassischer Automobile.
La Dolce Vita aus Berlin
Das Stoffdach bleibt selbstverständlich geöffnet. Die schmalen Seitenscheiben verschwinden in den Türen und schon bei vergleichsweise niedrigen Geschwindigkeiten zieht der Sommerwind durch den Innenraum. Hinter uns arbeitet der Porsche-Boxer mit seinem unverwechselbaren Klang, vor uns schlängeln sich die Landstraßen rund um Wolfsburg durch die Landschaft. Viel mehr braucht es an diesem Tag eigentlich nicht.
Als schließlich auch noch die Sonne zwischen den Wolken hervorkommt und den himmelblauen Metalliclack zum Leuchten bringt, kommt man aus dem Schwärmen tatsächlich kaum noch heraus. Plötzlich versteht man, weshalb offene Automobile in den fünfziger Jahren weit mehr waren als bloße Fortbewegungsmittel. Sie standen für Freiheit, für Fernweh und für die Lust, einfach loszufahren. Natürlich ertappt man sich dabei, an elegante Reisen Richtung Gardasee oder Côte d’Azur zu denken. Vielleicht ist das romantisch verklärt. Vielleicht gehört genau das aber auch zu einem Auto wie diesem.
Infotainment oder auch nur ein Radio vermisst man hier nicht. Man ist zu sehr mit Fahren beschäftigt, es gibt schließlich genug zu tun. Und ansonsten reicht der Blick auf die lange Motorhaube oder einfach in den Himmel.
Perfekt gepflegt vom ZeitHaus
Viel zu schnell endet dieser Tag wieder. Der Beeskow rollt zurück auf das Gelände der Autostadt und verschwindet nach einem kurzen technischen Check wieder im Depot des Zeithauses. Dort reiht er sich zwischen zahlreichen Käfer-Raritäten und anderen außergewöhnlichen Automobilen ein, die von den Experten mit beeindruckender Sorgfalt gepflegt werden. Die Sammlung erzählt längst nicht nur die Geschichte von Volkswagen, sondern die Geschichte des Automobils insgesamt. Der Rometsch nimmt darin eine ganz besondere Rolle ein.
Vielleicht fasziniert uns dieses Cabriolet deshalb bis heute so sehr. Es ist weder das schnellste Auto seiner Zeit noch das komfortabelste oder technisch revolutionärste. Aber es erzählt eine Geschichte, wie sie heute kaum noch denkbar wäre. Die Geschichte eines Berliner Karosseriebauers, der aus der Technik eines VW Käfer einen exklusiven Traumwagen formt. Die Geschichte von Menschen, die Aluminium noch von Hand in Form treiben. Und die Geschichte eines Automobils, das über siebzig Jahre später noch immer dieselbe Wirkung entfaltet wie beim ersten Blick in der Autostadt.
Auch interessant
VW wollte elektrischen Bugatti Tourbillon: Rimac plädierte für V16
Volvo macht "ein sehr schwieriges Umfeld" verantwortlich und streicht weitere 2.500 Stellen
VW Polo: Wie lange wird es den Kleinwagen noch mit Verbrenner geben?
Ungewöhnlicher Erlkönig: Hier fährt der neue Hyundai Porter
VW Golf GTI (2026) im Test: Genügt der Basis-GTI noch?
Toyotas nächstes Mittelmotor-Coupé geht dieses Wochenende ins Rennen
Mehr Fahrdynamik für den VW ID. Buzz mit H&R-Gewindefedern