Zum Hauptinhalt springen

Für eine persönlichere Erfahrung

Kurzausflug in der Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Unsere Zeit mit dem 87-PS-Einstiegsmodell war begrenzt, aber nicht weniger prägnant

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)
Bild von: Alfa Romeo
Benja Hiller Benja Hiller

Es gibt so Tage, da läuft einfach gar nichts – kennen Sie bestimmt. Einmal mit dem falschen Fuß aufgestanden, Creme statt Zahnpasta auf die Bürste gedrückt und zack ... zieht sich das Elend bis zum Abend. Dieser Tag bei Alfa Romeo sollte so einer werden. Denn eigentlich hatten wir an diesem Spätsommertag zwei Slots mit schicken Klassikern gebucht.

Der Alfa Romeo 90 Quadrifoglio Oro von 1987 streikte schon zu Tagesbeginn und wollte sich von niemandem bewegen lassen, Termine mit der aktuellen Flotte verschoben sich massiv oder fielen aufgrund weniger pünktlicher Kollegen komplett aus. Und unsere gute Giulia GT 1300 Junior hier? Die kurvte zur vereinbarten Zeit um eine kleine Rennstrecke im malerischen Hunsrück und ließ Fotos von sich knipsen. Ach so, die schwarz-weißen Kennzeichen verraten es bereits: angemeldet war sie auch nicht.

Bildergalerie: Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Um die Geschichte irgendwie zu retten, setzte ich mich also für die übrigen Minuten kurzerhand neben den Sohn der Besitzerin dieses schmucken Bertone-Gefährts auf den Beifahrersitz, quatschte eine Runde und genoss den nicht ganz so legalen Ausflug auf den angrenzenden Zugangsstraßen des Testgeländes. Denn auch wenn das geschwungene Blech Sportlichkeit suggeriert, mag der 1300 Junior als Einstiegsversion vor allem eines: Gelassenheit!

Harmonisch oder untermotorisiert?

Mit den Veloces, den Sprints und den GTA-Versionen oder selbst dem 1600er des von 1963 bis 1975 gebauten Modells hat diese Giulia hier sowieso nicht viel gemein. Und wenn man die Kleine hier in der Woche zuvor in vielen (Über-)Stunden mühsam zum Laufen gebracht hat, mag man ihr den ruhigen Start auch gönnen.

Dennoch: Ordentliche 87 PS holt die Junior-Version aus ihren 1.290 Kubikzentimetern. Die Höchstgeschwindigkeit des 1.000-Kilo-Leichtgewichts liegt bei etwa 174 km/h. Drei Jahre nach dem Debüt der Giulia GT wird der Junior als neue Einstiegsvariante eingeführt.

Schnelle Daten Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)
Motor und Antrieb Reihen-Vierzylinder, 1.290 ccm
Heckantrieb
Getriebe Fünfgang-Handschalter
Leistung 64 kW (87 PS)
Höchstgeschwindigkeit 174 km/h

Neupreis historisch

11.500 bis 12.000 D-Mark

Stückzahl

92.053 (1300 GT Junior)
225.000 (Giulia GT alle Varianten)

Das Magazin Motor Manual ordnet die Fahrleistungen des 1,3-Liter-Coupés damals als "mittelmäßig" ein, zumindest "solange man nicht zur richtigen Zeit den richtigen Gang einlege". Im Laufe der Jahre ändert sich die Wahrnehmung allerdings. Motor Klassik berichtet 2003 sogar von der "harmonischsten Motorvariante der gesamten Bialbero-Familie".

Mein Gehör mag das in den wenigen Minuten bestätigen. Das knapp 60 Jahre alte Doppel-Nockenwellen-Aggregat werkelt unbeirrt und gleichmäßig. Hochgedreht wird hier aber natürlich nicht. Im Leerlauf verzettelt sich die Zündung dann und wann, "das Feintuning", so der Fahrer. Aber insgesamt drückt der Heckantrieb der schmächtigsten Giulia GT den Wagen souverän nach vorne.

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Bilder von: Alfa Romeo
Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Bilder von: Alfa Romeo

Die Schaltwege des Fünfganggetriebes hingegen scheinen lang und hakelig. Immer wieder entstehen lange Pausen im Vortrieb. Schnell unterwegs ist man mit dem Ding vermutlich nie. Aber warum auch? Die Sonne scheint andächtig auf die klassisch abfallende Coupé-Form. Wären hier Menschen unterwegs, sie würden sich über den ausgedehnten Anblick des Junior wohl sehr freuen.

Klassische Schönheit

Wer den 1300 GT Junior auf den ersten Blick identifizieren will, muss ohnehin einmal genau ins Gesicht blicken. Denn vom größeren 1600 unterscheidet er sich nur durch ein Merkmal. Der Kühlergrill des kleinen Einsteigers trägt bloß eine, statt der drei waagerechten Chromstreben. Veloce-Versionen kamen zudem mit Doppelscheinwerfern, der GTA verzichtete gleich auf ausufernden Chrom.

Die Silhouette des Mitte-60er-Alfas bleibt auch heute noch klassisch elegant. Langer Vorderwagen, eine überschaubare Insassenglocke und ein kurzes, abfallendes Heck. Die schlanken Chromstoßstangen schmiegen sich vornehm um den Unterwagen, ein effektiver Hüftknick begleitet die Seitenlinie. Der Grill steht mit spitzem Winkel dynamisch im Wind. Viel schöner kann man ein gerade mal 4,08 Meter langes Coupé nicht zeichnen.

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Bilder von: Alfa Romeo
Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Bilder von: Alfa Romeo

Gegenüber der verspielten Vorgängerin Giulietta wirkt die Giulia tatsächlich erwachsener, ernsthafter und sachlicher. Das schlanke Säulen-Design lässt einen bei all den wuchtigen A- und C-Säulen wehmütig werden. Einen Unfall hätten wir trotzdem lieber im Neuwagen als in dieser filigranen Karosserie. Die eingangs erwähnte Gelassenheit scheint auch unter diesem Aspekt sinnvoll.

Den Innenraum dominieren mit Chromringen verzierte Rundinstrumente, Kippschalter und eine Holzdekorleiste. Gesessen wird auf minimalistischen schwarzen Schälchen ohne Kopfstützen. Ein schlankes Dreispeichenlenkrad weist den Weg. Auf die Rückbank zu krabbeln, empfehlen wir bei diesem 2+2-Coupé hingegen nicht. Für einen Dackel als Mitfahrer reicht's aber sicher.

Das Sportler-Gen

Bei nur 1,32 Meter in der Höhe und einem Radstand von 2,35 Metern war die eigentliche Auslegung 1963 klar: Sportlich sollte es werden. Deshalb kommt auch der 1300 Junior mit Einzelradaufhängung vorne, Doppelquerlenkern und Querstabilisatoren verstärken den festen Stand. Hinten sorgt eine Starrachse mit Längslenkern für eine treue Spur. An allen vier Rädern hängen Schraubfedern und Teleskopdämpfer.

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Bilder von: Alfa Romeo
Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Alfa Romeo Giulia GT 1300 Junior (1970)

Bilder von: Alfa Romeo

Auf unserer Schleichfahrt ist davon natürlich nicht viel zu merken. Lediglich ein gemächlich genommener Kreisverkehr lässt annähernd Dynamik erahnen. Vielleicht hätte ich doch die Runde über die kurze Rennstrecke bevorzugen sollen, aber dann wäre mir die Geschichte der kleinen "Julia" entgangen, die sich bereits "seit Ewigkeiten" im Familienbesitz befindet und nun liebevoll vom Sohn gepflegt wird.

Eines der wenigen unverbastelten Originale, das hoffentlich bald auch hochoffiziell wieder über unsere Straßen rollt. Wer selbst gelassen im eigentlichen Sportler unterwegs sein will, muss mit mindestens 20.000 Euro rechnen. Dafür gibt es mit einst 92.000 verkauften Einheiten dann tatsächlich auch die meistverkaufte Variante der Giulia GT.

Ein günstiges Sport-Coupé mit gezähmter Leistung war wohl auch damals schon kein Ausschlusskriterium. Vor allem nicht bei aufgerufenen 11.500 D-Mark. Dass der Name Junior im Jahr 2024 dann doch noch einmal völlig unerwartet auf die Straße zurückkehrte, ist allerdings eine andere Geschichte. Wie mein Tag endete, erspare ich Ihnen jetzt aber sicherheitshalber!