BYD steht kurz davor, Ford bei den Verkäufen in Europa zu überholen
Was vor einem Jahrzehnt undenkbar schien, dürfte bald Realität werden
Dass die chinesischen Autobauer auf dem heimischen Markt längst dominieren, haben die altgedienten Autohersteller in den letzten Jahren leidvoll erfahren müssen. Aber, dass die China-Marken jetzt auch in Europa rasant Fahrt aufnehmen, dürfte vielen Herstellern erst so richtig Kopfzerbrechen bereiten. Heute veröffentlichte Daten des europäischen Automobilherstellerverbands ACEA zeigen etwa: BYD sitzt Ford auf dem europäischen Markt ernsthaft im Nacken.
Die Zulassungen von Build Your Dreams (ja, dafür steht BYD tatsächlich) stiegen in den ersten acht Monaten des Jahres um 144,1 Prozent auf den Rekordwert von 234.099 Einheiten. Das Blaue Oval befindet sich unterdessen weiter im Sinkflug: Bis einschließlich August ging es um 14,4 Prozent auf 244.938 Zulassungen zurück.
Damit liegt BYD nur noch 10.839 Fahrzeuge hinter Ford. Setzt sich der Trend fort, wäre es keine große Überraschung, wenn die beiden Marken noch vor Jahresende die Plätze in der Rangliste tauschen. Der Marktanteil von BYD in Europa liegt nun bei 2,5 Prozent, nach 1,1 Prozent im Zeitraum Januar bis August 2025. Ganz überraschend kommt das allerdings nicht. BYD hat in Europa genau das Gegenteil von dem getan, was Ford gemacht hat: das Modellangebot in hohem Tempo ausgebaut.
Ford hingegen hat seine klassische Europa-Palette in den vergangenen Jahren deutlich verkleinert. Ka, Fiesta, Focus und Mondeo wurden allesamt gestrichen. Die einstigen Bestseller? Alle weg. Ford-Chef Jim Farley sagte einmal, diese Autos „wurden von vielen Kunden geliebt“, seien aber nicht profitabel genug gewesen, um neue Investitionen zu rechtfertigen. Zudem kommen verbliebene Modelle wie Puma und Kuga langsam in die Jahre, schließlich sind sie seit 2019 auf dem Markt.
BYD Seal
Ford will in Europa wieder Boden gutmachen
Ford hat jedoch einen Plan, um dagegenzuhalten: Gemeinsam mit Renault will man eine Reihe von Elektroautos entwickeln. Die Franzosen werden diese Fahrzeuge bauen, möglicherweise inklusive eines Fiesta-Comebacks auf Basis des Renault 5 und eines kleinen Crossovers mit Verwandtschaft zum Renault 4. Es soll sich dabei jedoch nicht einfach um umgelabelte Modelle handeln: Ford hat angekündigt, ihnen ein eigenes Design zu geben und auch unter dem Blech einige Anpassungen vorzunehmen.
Die beiden Modelle sind Teil einer fünf Fahrzeuge umfassenden Palette von „rallye-inspirierten Fahrzeugen, zugeschnitten auf Europa“, die bis Ende des Jahrzehnts kommen soll. Die übrigen drei Modelle sollen ein speziell für Europa entwickelter Bronco sowie zwei Crossover mit mehreren Antriebsarten sein, möglicherweise als Nachfolger von Puma und Kuga. Die Zukunft der auf Volkswagen-Technik basierenden Elektroautos Explorer und Capri ist unterdessen ungewiss.
BYD ist nicht der einzige Herausforderer
BYD ist aber nicht der einzige chinesische Autobauer, der Ford in Europa gefährlich nahe kommt. MG-Eigner SAIC liegt mit 230.290 Zulassungen bis August nicht weit dahinter, ein Plus von 19,7 Prozent gegenüber den ersten acht Monaten des Vorjahres. Geely hat Ford bereits überholt: 289.128 Zulassungen bedeuten ein Wachstum von 11,6 Prozent im Jahresvergleich. Allerdings ist das kein Eins-zu-eins-Vergleich, da die Zahlen alle Marken der Geely-Gruppe umfassen, darunter Volvo, Polestar, Lotus und weitere.
Ein weiterer chinesischer Konzern legt in Europa kräftig zu. Chery, inklusive der Marken Jaecoo, Jetour und Omoda, kommt bis August auf ein Plus von 279,7 Prozent und erreicht 207.871 Zulassungen.
Rechnet man Geely, BYD, SAIC und Chery zusammen, kommen diese Unternehmen inzwischen auf einen Marktanteil von 10,4 Prozent in Europa. Anders gesagt: Jedes zehnte in Europa zugelassene Auto hat mittlerweile einen China-Bezug. Zur Einordnung: Wenn die ACEA von Europa spricht, meint sie alle 27 EU-Mitgliedstaaten, Island, Liechtenstein, Norwegen, die Schweiz und das Vereinigte Königreich. Das ist nicht der gesamte Kontinent, die Zahlen bilden den übergeordneten Trend aber recht genau ab, weil alle wichtigen Märkte berücksichtigt werden.
Motor1 meint: Dass BYD Ford in Europa überholen könnte, hätte vor nicht allzu langer Zeit noch ziemlich abwegig geklungen. Doch die Entwicklung zeichnete sich ab. Ein Unternehmen hat ein wahres Modell-Feuerwerk abgebrannt und seine Präsenz ausgebaut, während das andere sein Angebot zurückgefahren hat. Die aktuellen Zulassungszahlen zeigen schlicht, wie schnell sich dieser strategische Unterschied in tatsächlichen Verkäufen niederschlägt.
Und das geht weit über BYD hinaus. Andere chinesische Autobauer sind in den europäischen Verkaufsstatistiken längst keine Randerscheinung mehr, sondern werden zu einem relevanten Teil des Marktes. Etablierte Hersteller sehen sich einer Konkurrenz gegenüber, die immer schwerer zu ignorieren ist. Ob dieser Schwung anhält, wird von vielen Faktoren abhängen: von Preisen und Modellneuheiten über Zölle bis hin zur Frage, wie europäische Käufer auf diese zunehmend vertrauten chinesischen Marken reagieren.
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