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Der große Bruder
Unterwegs im neuen Fiat 500L

Roland Hildebrandt 
Von: Roland Hildebrandt
4. Jul. 2012 um 11:34 Uhr
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Über zehn Zentimeter ist der Durchschnitts-Italiener in den vergangenen 150 Jahren gewachsen. Größer wird auch die Familie des Fiat 500: Fünf Jahre nach der Premiere des 3,55 Meter kurzen Retro-Mobils gibt es nun 60 Zentimeter mehr und hintere Türen. Das Ergebnis hört auf den passenden Namen 500L und soll den blassen Idea ablösen. Ist der knuffige Minivan ein würdiger Gegner für Ford B-Max und Co.?
Geplante Ähnlichkeit?
Bereits auf den ersten Blick erinnert die Optik des Fiat 500L an den Mini Countryman. In der Größe liegen beide Fahrzeuge tatsächlich nicht weit auseinander: 4,15 Meter misst der Fiat, sein britischer Kollege ist vier Zentimeter kürzer. Ähnlich wie der Mini setzt auch der 500L auf eine persönliche Note: Die Kunden können ein farblich abgesetztes Dach, bunte Innenräume oder sogar eine Espressomaschine für die Mittelkonsole bekommen.
Nette Bedienung
In einem wesentlichen Punkt unterscheidet sich der Fiat 500L vom Mini Countryman: Sein Cockpit ist benutzerfreundlich gestaltet. Alles ist da, wo es hingehört und vom Fahrer erwartet wird. Garniert wird der Arbeitsplatz mit durchaus hochwertigen Materialien, so fühlt sich wie Metall an, was danach aussieht. Eines der Highlights ist das Multimedia-System mit Fünf-Zoll-Touchscreen, in das künftig auch Apps integriert werden sollen. Funktionale Schwächen leistet sich der Fiat kaum, lediglich der Lenkradkranz verdeckt bei groß gewachsenen Personen den oberen Teil der Instrumente und die Blinkeranzeige. Gewöhnungsbedürftig ist zudem der wie eine Computermaus geformte Handbremshebel.
Es werde Licht
Lange Kerls werden durch ein prima Platzangebot versöhnt. Der 500L bietet dank großer Glasflächen ein luftiges Ambiente, speziell mit dem 1,5 Quadratmeter großen Panoramadach. Eine Wohltat im Vergleich zu der leider immer öfter bei Autos anzutreffenden Schießscharten-Verglasung. Die von Fiat gepriesene Übersichtlichkeit wird jedoch durch breite Verkleidungen an A- und D-Säule eingeschränkt. Aber es bleibt erstaunlich, wie viel Raum die Konstrukteure geschaffen haben, obwohl der 500L nur sieben Zentimeter länger als ein Punto ist. Vorne hat die Besatzung viel Ellbogenfreiheit, die nach hinten eingezogene Mittelkonsole lässt die Knie unbehelligt. Über dem Scheitel bleibt auf allen viereinhalb Sitzplätzen genügend Luft. Viereinhalb? Ja, denn der Mittelsitz im Fond ist eher etwas für Kinder. Links und rechts davon sitzt man sehr kommod und erhöht. Beispiel gefällig? 1,88-Meter-Mann vorne, 1,88.Meter-Mann hinten, Beinraum in Reihe zwei immer noch üppig.
Clever und Smart
Sehr clever hat Fiat den Kofferraum gestaltet. Hinter die hoch öffnende Heckklappe passen zwischen 343 und 1.310 Liter Gepäck. Durch Umklappen der Lehne des Beifahrersitzes können bis zu 2,40 Meter lange Gegenstände transportiert werden. Apropos Umklappen: Ein Hebelzug genügt und der jeweilige Teil der längs verschiebbaren Rückbank wickelt sich komplett nach vorne. Falls das nicht nötig ist, muss das Segment zurückgedrückt werden, so bleibt nur die Lehne unten. Je nach Position des verstellbaren Ladebodens ergibt sich eine Stufe respektive eine ebene Fläche.
Trio zur Auswahl
Zum Marktstart wird der Fiat 500L mit drei Motoren angeboten: Ein Saugbenziner mit 95 PS, der TwinAir mit turbogeladenem Zweizylinder und 105 PS sowie ein Diesel mit 85 PS. Der Selbstzünder bringt ein Fünfgang-Schaltgetriebe mit. Einen sechsten Gang vermisst man erst oberhalb von 130 km/h respektive 3.000 Umdrehungen, wenn der 1.300er-Block zunehmend brummig wird. Wirklich aufdringlich ist der Fiat aber auch dann nicht. In der Stadt und auf der Landstraße zieht der Diesel-500L munter seine Bahnen, dabei hält sich der Motor im Hintergrund. Einzig im Stand verrät ein hörbares Nageln das Arbeitsprinzip, sofern das serienmäßige Start-Stopp-System nicht aktiv wird. Viel Laune macht die präzise Schaltung, auf kurzen Wegen rastet der lange Knüppel ein. Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt die Federung. Sie ist um Ausgewogenheit bemüht, wirkt aber bei grobem italienischen Straßenbelag unterdämpft und reicht Stöße in den Innenraum weiter.
Die große Unbekannte
Ende Oktober 2012 kommt der in Serbien gebaute 500L nach Deutschland, doch zu den Preisen hält sich Fiat noch bedeckt. Lediglich zum Einstiegspreis gibt es eine ungefähre Hausnummer, nämlich etwa 15.500 Euro, allerdings ohne Klimaanlage. Damit befindet sich der 500L in guter Gesellschaft: Ein Citroën C3 Picasso startet mit ebenfalls 95 Otto-PS bei 15.350 Euro, der Ford B-Max beginnt bei 15.950 Euro für 90 PS. Und der eingangs erwähnte Mini Countryman? 98 PS kosten hier stolze 20.300 Euro.
Wertung
-
★★★★★★★★☆☆
Dieser Familienzuwachs ist gelungen: Fiat spricht mit dem neuen 500L alle an, die Nutzwert mit einer individuellen Note kombinieren möchten. Er hebt sich von der Masse der Konkurrenz ab, ohne den Praxisnutzen zu vernachlässigen. Die Zielgruppe: Fahrer des 500, die Familie gründen, aber auch alle, die vergeblich auf einen Van von Mini warten. Der 500L ist in seiner Klasse ein gelungener Farbtupfer. Im Übrigen wird die 500-Palette noch erweitert: Ein Kompakt-SUV im Stil eines höher gelegten fünftürigen 500 wird 2013 den Sedici ablösen, außerdem kommt ein 500XL mit sieben Plätzen.
-
Antrieb
85%
laufruhiger Diesel exakte Schaltung
-
Fahrwerk
75%
ausgewogene Lenkung teilweise zu straffes Abrollen
-
Karosserie
90%
pfiffiges Design variables Raumkonzept
-
Kosten
80%
viele Extras im Angebot Klimaanlage bei Basis nicht serienmäßig
Datenblatt
Motor und Antrieb Motorart Diesel mit Common-Rail-Direkteinspritzung Zylinder 4 Ventile 4 Hubraum in ccm 1.248 Leistung in PS 85 Leistung in kW 63 bei U/min 1.500 Drehmoment in Nm 200 Antrieb Frontantrieb Gänge 5 Getriebe Schaltgetriebe Fahrwerk Spurweite vorn in mm 1.522 Spurweite hinten in mm 1.519 Radaufhängung vorn McPherson-Achse Radaufhängung hinten Verbundlenkerachse Bremsen vorn Scheiben innenbelüftet Bremsen hinten Scheiben Wendekreis in m 11,1 Räder, Reifen vorn 195/65 R15 Räder, Reifen hinten 195/65 R15 Lenkung elektromechanische Servolenkung Maße und Gewichte Länge in mm 4.147 Breite in mm 1.784 Höhe in mm 1.665 Radstand in mm 2.612 Leergewicht in kg 1.315 Kofferraumvolumen in Liter 343 Kofferraumvolumen, variabel in Liter 1.310 Anhängelast, gebremst in kg 1.000 Tankinhalt in Liter 50 Kraftstoffart Diesel Fahrleistungen / Verbrauch Höchstgeschwindigkeit in km/h 165 Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 14,9 EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 4,2 EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 5,0 EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 3,7 CO2-Emission in g/km 110 Schadstoffklasse Euro 5
Bildergalerie: Großer Bruder
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