Opel Rekord C (1966-1972): Der erste Opel-Millionär wird 60
Mit neuem Hüftschwung stößt der Rüsselsheimer zwar auf Presse-Gegenwind, tütet in seiner Laufzeit dann aber doch easy den Erfolg ein
Ende der 1960er-Jahre kommt Opel so richtig in Fahrt. Der recht konservative Mief der 1950er-Jahre verschwindet langsam, der Hüftschwung zieht ein. Der Kadett trägt ein gewaltiges Päckchen und auch der Manta sammelt fleißig sportlich begeisterte Kundschaft. Doch einer setzt den Standard noch einmal höher und wird mit knapp 1,25 Millionen verkauften Einheiten der erste Opel-Millionär.
Unter ihnen befindet sich im September 1971 sogar der zehnmillionste Rüsselsheimer. Wir sprechen natürlich vom Opel Rekord C, der im August 1966 nach gerade einmal elf Monaten Produktionszeit seinen Vorgänger, den Rekord B, ablöst. Seine Entwicklung beginnt bereits, als der Rekord A gerade erst startet: 1963.
Bildergalerie: Der Opel Rekord C wird 60
Als Vorbild gibt GM den Opel-Designern den Chevrolet Chevelle an die Hand. Die gestalten etwas zwiegespalten weitere Vorschläge ohne Hüftschwung, weil sie den Deutschen das gewagte Design nicht zutrauen. Am Ende wird es aber genau jener Schwung und das Magazin "Spiegel" findet viele spöttische Bezeichnungen, um das US-inspirierte Design zu beschreiben.
Gegenüber dem Vorgänger zieht aber nicht nur die sogenannte "Coke-Bottle", der an eine Cola-Flasche erinnernde Hüftschwung ein. Die Karosserie weist klare Linien und Konturen auf, zudem wird sie weiter abgerundet. Die Rundleuchten am Heck weichen einteiligen Kombileuchten mit leichtem Knick, um das dynamische Heck an den Seiten zu betonen. Aber keine Angst, Chrom-Details gibt's hier immer noch en masse.
Der Rekord C bringt Opel auf Augenhöhe zur Konkurrenz
Der Radstand wächst von 2.639 leicht auf 2.669 Millimeter, die Länge um zwei Zentimeter auf 4,55 Meter. Die Rückbank wird nach hinten versetzt, um im Inneren für mehr Beinfreiheit und höheren Sitzkomfort zu sorgen. Das geht zwar zulasten des Kofferraums, der jetzt 385 Liter fasst, damalige Statistiken weisen jedoch darauf hin, dass das Abteil zumeist eh leer herumgefahren wird. Auch die Spur wird um 65 Millimeter verbreitert.
Die wichtigen Veränderungen entstehen jedoch unter dem spaltenden Blechkleid. Die blattgefederte Hinterachse ist Geschichte. Eine neue Fünflenkerachse mit Schraubenfedern, vier Längslenkern und Querlenker in Form eines Panhardstabs soll den Rekord C stabilisieren. An der Vorderachse bleibt die Doppelquerlenker-Einzelradaufhängung bestehen. Lediglich große Gummiformstücke werden zur Geräuschminderung ergänzt.
Der große Autotester Rainer Günzler attestiert der dritten Generation in Sachen Fahrwerk "einen Fortschritt, ohne die Konkurrenz zum Nachdenken zu veranlassen", bemerkt das "gutmütige und gelassene Fahrverhalten auf ebener Fahrbahn", bemängelt aber auch des Rüsselsheimers Neigung "zum Springen und Schlingern auf unebener Oberfläche". Weitere Verbesserungen umfassen eine Zweikreisbremsanlage und Bremskraftverstärker bei allen Modellen sowie Scheibenbremsen vorne.
Für jeden Topf einen Rekord
Unter der Haube werkeln insgesamt fünf Vier- und ein Sechszylinderaggregat zwischen 1,5 und 2,2 Liter und 58 bis 106 PS. Der 1,5-Liter-Motor wird für einen besseren Drehmomentverlauf leicht überarbeitet, der 1,9-Liter S-Motor kommt dank zweier Doppel-Fallstromvergaser auf das obere Ende mit 106 PS. Der 2,6-Liter-Sechszylinder aus dem Rekord B hat ausgedient. Für ihn zieht ein auf 2,5-Liter reduziertes Äquivalent in den nahezu baugleichen Commodore A als Topmodell ein.
Letzterer ist übrigens im Azzurro-Video der Toten Hosen zu sehen, in dem sie, nicht ganz pannenfrei, 1990 zur WM nach Italien über den Brenner rauschen. Immer wieder wird hier ein Rekord C zitiert, der Fünfer-Lochkreis der Felgen entlarvt das Musikvideo-Auto jedoch als potenteren Rüsselsheimer Bruder. Ein Vierer-Lochkreis ist es stattdessen beim Auto für die Masse.
Auch in Sachen Karosserie ist massig Vielfalt angesagt: Der Opel Rekord C kommt als Limousine oder Caravan mit drei oder fünf Türen. Ab 1967 gesellt sich eine Coupé-Version mit optionalem Vinyl-Dach hinzu. Für 4.000 D-Mark Aufpreis bastelt Ihnen die Firma Karl Deutsch Karosseriebau sogar eine Cabrio-Version.
Entschleunigungsrunde in der 1,5er Limousine mit Olymat
Geschaltet wird im Rekord C standardmäßig per Hand mit einem Dreiganggetriebe. Optional ist auch ein Vierganggetriebe mit Lenkradschaltung erhältlich. Gegen Aufpreis gewährt Opel den Griff zur Mittelschaltung, die im Coupé serienmäßig ist. Wer nicht selbst schalten will, greift zum Zweigang-Powerglide-Automatikgetriebe, das Ende 1968 von einer Dreigang-Automatik abgelöst wird.
Richtig wild ... oder eher gemütlich wird es mit der Olymat-Halbautomatik, die bis 1970 angeboten wird. Drei Gänge werden hier über die Lenkradschaltung manuell ausgewählt, eine automatische Kupplung übernimmt – einfach Fuß vom Gas und Hochschalten, ohne Kupplung treten zu müssen. Ich bin die Variante in Kombination mit dem 1,5-Liter-Einstiegsmotor gefahren. Wer sich heute noch bei manuellen Getrieben über lange Schaltwege aufregt, sollte sich in diesen Rekord setzen.
Die Wege am Lenkrad sind weit, die Halbautomatik gemütlich, der Gang legt sich mit etwas Nachdruck ein. In gefühlt drei bis fünf Sekunden kann wieder Gas gegeben werden. Muss früher echt entspannt gewesen sein auf Deutschlands Straßen und ja, ich gebe Ikonen-Günzler recht: Das Fahrwerk hat gegenüber dem Rekord B einen gewaltigen Sprung gemacht. Es schluckt komfortabel Unebenheiten weg, zu viele zu schnell aber werden die weiche Schaukel wohl aus der Form bringen.
Zum Glück ist auf dem Opel Werksgelände konsequent 30, weshalb ich gediegen und entspannt hinter dem Fotowagen her rolle. Kann man sich dran gewöhnen.
Im Innenraum gönnt Opel dem neuen Rekord ein mit Schaumstoff aufgepolstertes Armaturenbrett, eine Teleskop-Lenksäule und neu gestaltete Knautschzonen, die die passive Sicherheit erhöhen. Gegen Aufpreis gibt es hier sogar Dreipunktgurte und Kopfstützen. Der ikonische Bandtacho muss zugunsten von blendfreien Rundinstrumenten weichen.
"Schwarze Witwe" und unbekanntere Kollegen
Zwischen 1967 und 1969 wird dem eher gediegenen Alltags-Opel mit der "Schwarzen Witwe" eine richtig fiese Rennsportversion an die Seite gestellt. Entwickelt wird sie von Anatole Carl Lapine, der in den 1970er Jahren vor allem als Porsche-Chefdesigner mit der Entwicklung von Porsche 924, 928 und 944 Bekanntheit erlangt.
Das tiefschwarze Fahrzeug mit den kontrastierenden gelben Details leistet 180 PS und wird unter anderem von Erich Bitter, dem Gründer des ehemaligen Sportwagenherstellers Bitter, und einem gewissen Niki Lauda gesteuert. Nennenswerte Erfolge konnte das Ding allerdings nicht erzielen, bis auf eine schnellste Rundenzeit am Hockenheimring 1968. Zum Kult wird es trotzdem. In den 1970ern verschwindet das Spinnentier spurlos, Opel Classic erschafft 2012 einen Nachbau.
Nicht ganz so wild geht's im Rekord C Sprint mit Rallystreifen und 1,9-Liter-Vierzylinder zu. 12,5 Sekunden braucht der Sportler unter den Mittelklasse-Limos für einen Sprint von 0 auf 100 km/h. Weniger bekannt sind die ausländischen Modelle des Opel Rekord.
In Südafrika, Belgien und der Schweiz tritt der Rüsselsheimer als Ranger A auf, in Brasilien, Chile und Uruguay als Chevrolet Opala. In Mexiko gönnt er sich gleich den göttlichen Namen Opel Olympico. 1967 wird zudem der Schwede As Lille-Bror Nasenius auf einem Rekord C Vize-Europameister.
Die Toten Hosen kriegen den Opel Rekord C aber dann doch noch unter. Auf dem Cover ihres Debütalbums "Opel Gang" teilt sich die Band den Platz mit einem Rekord C Caravan von 1983. Die Mainstream-Punker schließen den Kreis mit einem weiteren Rekord C auf ihrem letzten regulären Studioalbum "Trink aus! Wir müssen gehen".
Im Januar 1972 endet die erfolgreiche Produktion des Opel Rekord C mit 1.274.362 gebauten Exemplaren. Im gleichen Monat übernimmt sein Nachfolger, der Opel Rekord D. Den größten Marktanteil erreicht der 1700, der 1967 rund 7.800 D-Mark kostet. Wer in den Genuss des Millionärs kommen will, muss zum Glück keine siebenstellige Zahl auf dem Konto aufweisen. Ab etwa 5.000 Euro geht's für Serienlimousinen los. Die Ersatzteillage ist zugegebenermaßen eher überschaubar. Ein Olymat ist deshalb nicht unbedingt empfehlenswert.
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