Der offene M850i schindet fahrdynamisch Eindruck, doch ein grundlegendes Problem bleibt

Was ist das?

Wie unschwer zu erkennen ist, handelt es sich hier um die offene Variante des BMW 8er. Nummer 2 von 3 quasi, denn später im Jahr wird die mondänste aller Münchner Baureihen noch um ein viertüriges Gran Coupé ersetzt. Jetzt sind aber erstmal die Fans opulenter Stoffdächer an der Reihe. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Goldknopf-Sakkos, die perfekte Bräunung und kitschige Sonnenuntergänge an Strandpromenaden, wo der Cocktail 28 Euro kostet.

Die Konkurrenten im Segment der wenig preissensitiven Landyachten heißen Mercedes S-Klasse Cabrio, Bentley Continental GT Roadster oder auch Aston Martin DB11 Volante. Wobei der BMW doch ein gutes Stück günstiger daherkommt, als die drei Genannten. "Günstig" ist hier aber eher relativ.

Zuletzt hatten wir das M850i Coupé im großen Test und attestierten ihm bei aller fahrdynamischen Exzellenz nicht unbedingt die Ausstrahlung eines 150.000-Euro-Tourers. Das 8er Cabrio scheint auf solche Diskussionen überhaupt keine Lust zu haben. Zumindest für diese Augen sieht es weit eher aus wie ein Luxusartikel. Der 8er scheint eines dieser Autos zu sein, die geboren wurden, um ihr Dach zu verlieren.

Was ist neu?

In erster Linie finden Sie nun hinter dem noch immer etwas seltsam anmutenden (optionalen) Glas-Schalthebel einen glanzschwarzen Taster, der Sie binnen 15 Sekunden und bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h des Daches über dem Kopf beraubt. Verdeck-Mechanismus, zusätzliche Versteifungen in Form verstärkter A-Säulen, eines weiteren Schubfeldes und extra Zugstreben im Unterbodenbereich sowie die beiden Überrollbügel, die im Falle des Falles hinter den Fond-Kopfstützen ausfahren, erhöhen das Gewicht beim 8er Cabrio um circa 125 Kilo. Damit - sie ahnen es - ist der offene BMW GT ein ganz schöner Brocken. 2.090 Kilo bringt er als M850i xDrive auf die Waage. Autsch.

2019 BMW M850i xDrive Cabriolet

Das führt uns ohne Umschweife zu den Motoren, die sich wenig überraschend nicht von denen im 8er Coupé unterscheiden. Zum Marktstart gibt es den mächtigen 4,4-Liter-Biturbo-V8 mit 530 PS und 750 Nm Drehmoment. Effizientere Sonnenbrände verspricht der 840d xDrive, ein Dreiliter-Sechszylinder-Diesel mit 320 PS und 680 Nm. Später im Jahr folgen der offene M8 mit vermutlich um die 625 PS sowie als künftiges Einstiegsmodell der 840i, ein 340-PS-Sechszylinder-Benziner, den es als einziges Modell auch mit reinem Heckantrieb geben wird.

Im Interieur sieht das 8er Cabrio nicht wirklich anders aus als das 8er Coupé. Außer natürlich, dass Sie anstatt Stahl (oder Carbon) nun mehrlagigen, Akustik-dämmenden Stoff beziehungsweise unendlich viel Himmel über sich haben. Ein abnehmbares Windschott über der auch hier verstörend klaustrophobischen Rückbank ist Serie. Selbige kann umgeklappt werden und verfügt über eine Durchreiche. In Verbindung mit dem serienmäßigen Allradantrieb führt am Dauerbetrieb als Skiurlaub-Transporter also quasi kein Weg mehr vorbei. Dann hilft vermutlich auch der höhenverstellbare Nackenwärmer unterhalb der Kopfstützen. Das Kofferraumvolumen bei geschlossenem Verdeck beträgt Wochenende-im-Chalais-taugliche 350 Liter.

Sind die üblichen Cabrio-Nachteile beim Fahren spürbar?

Ähm … nein. Zumindest nicht, wenn Sie über ein Popometer von normaler menschlicher Beschaffenheit verfügen. Dass die Steifigkeit auf dem Niveau des Coupés liegt, erkennt man relativ schnell. Hier scheppert, knarrt oder verwindet nichts. Selbst wenn man mal *hüstel* mit „leicht“ erhöhter Geschwindigkeit in der Mitte einer zumachenden Kurve über eine Bodenwelle donnert, macht dieses Cabrio, was ein guter Sportler tut. Die Situation mit stoischer Souveränität bereinigen und unbeeindruckt auf der vorgegebenen Linie bleiben.

Nur falls Sie sich gerade gewundert haben: Ich sage zu einem offenen, 2,1 Tonnen schweren Viersitzer mit Massagestühlen ganz absichtlich „Sportler“. Der entdachte 8er fährt kurvige Landstraßen, Serpentinen, das spaßige Zeug eben, nämlich nicht nur mit beeindruckendem Speed nieder, er zeigt dabei auch sehr viel Finesse.

"Man kommt recht schnell in einen sehr spaßigen Flow, fährt das Riesentrummding dann wirklich spielerisch und tastet sich auch aufgrund der immensen Traktion sehr leicht ans Limit heran."

Natürlich ist dieser große, gediegene BMW kein McLaren Roadster oder 911 Cabrio. Aber in seiner Gewichtsklasse dürfte es schwierig werden, irgendetwas zu finden, dass fähiger und feiner austariert fährt als er. Gefühlt sind die fahrdynamischen Unterschiede zum Coupé kaum spürbar. Ohne direkten Vergleich würde ich sagen, dass das Cabrio sich am Limit minimal bauchiger anfühlt, aber alles auf sehr hohem, erfreulich fahrspaßigem Niveau. Wie gehabt ist die Lenkung etwas gummig, eher leichtgängig und superschnell. Das Einlenken wirkt sehr direkt, die Vorderachse sehr wach. Die serienmäßige Hinterradlenkung ist hier natürlich nicht ganz schuldlos. Zieht man die Zügel an, reagiert das Auto meiner Meinung nach fast zu nervös. Ein Klick in den Sport- oder Sport-Plus-Modus verstärkt unter anderem den Lenkwiderstand und rückt die Sache so wieder gerade.

Keine Ahnung, ob es am eher rauhen Charme des südportugiesischen Asphalts lag, aber über die Bridgestone Potenza S007 Ultra-High-Performance-Reifen, die vom Profil her schon fast aussehen wie Semislicks, kam hier erfreulich viel Information in den Fingern an. Ganz generell sagt Ihnen dieses Auto sehr gut, woran Sie gerade sind. Und damit meine ich nicht, dass jeder Kieselstein auf der Straße auch in ihrem Rücken ankommt (das genaue Gegenteil ist der Fall, der 8er ist ganz hervorragend gedämpft). Es geht viel mehr darum, dass es hier auch bei eher straffem Tempo keine bösen Überraschungen gibt.

2019 BMW M850i xDrive Cabriolet
2019 BMW M850i xDrive Cabriolet

Dieses Auto bleibt gelassen, völlig stabil, auch wenn Sie es wie ein Hooligan in die Kurve werfen oder ganz tief in selbige hinein bremsen. Gelassen und stabil ist dabei zum Glück nicht gleichzusetzen mit fad. Auch der offene 8er erkauft sich seine Agilität nicht mit stumpfer Härte. Selbst wenn der elektromechanische Wankausgleich an Bord ist, darf sich dieses Fahrzeug durchaus bewegen. Man kommt recht schnell in einen sehr spaßigen Flow, fährt das Riesentrummding dann wirklich spielerisch und tastet sich auch aufgrund der immensen Traktion sehr leicht ans Limit heran. Während so ein AMG S 63 Cabrio die Kurve eher niedertrampelt, schmiegt sich der 8er fast schon filigran durch sie hindurch.

Klingt ziemlich gut. Kommt der Motor da mit?

Tut er. Der neueste BMW-V8 ist und bleibt eine sichere Bank. Er ist definitiv kein Effekthascher, haut nicht so auf den Putz wie ein AMG-Achtzylinder, wirkt nicht so feinnervig wie die Biturbos von Ferrari, aber er kommt schon bei unter 2.000 Touren aus dem Bett, hängt unglaublich gut am Gas und entfaltet sich sehr geschmeidig. Abgesehen davon ist er natürlich so urviechig, wie es 530 PS und 750 Nm erwarten lassen. Die 0-100 km/h gehen im Cabrio in 3,9 Sekunden. Dass es damit 0,2 Sekunden langsamer ist als das M850i Coupé, ist auf der Tritt-ins-Kreuz-Skala nicht spürbar. 

Über die ZF-Achtgang-Automatik muss ich glaube ich nicht mehr wirklich viel sagen. Sie ist, gerade in der BMW-Abstimmung, wie immer ein schneller, sanfter und in allen Situationen schlau entscheidender Gehilfe. Ebenfalls sehr schön: Ohne Dach merkt man erst richtig, wie gut der BMW-V8 eigentlich klingt. Im Normalmodus mit gediegener Wucht, in Sport Plus ungewohnt knallig und mit schön viel Klangfarbe.

Ich vermisse ernsthafte Schwächen ...

Keine Sorge, die gibt es. Es ist das alte Lied vom Flair im Innenraum. Oder eher von dessen weitgehender Absenz. Ergonomisch ist das 8er Cabrio eine Wucht. Die Sitzposition ist hervorragend und die Bedienung von Infotainment und Co. klappt wie am Schnürchen. Dass BMW den Insassen nach wie vor die Wahl lässt, ob sie per Dreh-Drück-Steller, Gesten-, Touchsteuerung oder über die mittlerweile hervorragend funktionierende Spracheingabe bedienen möchten, ist ein großer Pluspunkt. 

2019 BMW M850i xDrive Cabriolet
2019 BMW M850i xDrive Cabriolet

Das Problem ist nur, dass es in der feinen Stube dieses mindestens 133.700 Euro teuren Edel-Gefährts nicht wirklich nach 133.700 Euro (im Normalfall wohl eher 150.000 Euro oder mehr) aussieht. Die Strategie dahinter erschließt sich mir nicht so ganz, denn im neuen 7er kriegen die Münchner es ja ganz wunderbar hin mit der Nobel-Atmosphäre und dem ein oder anderen Wow-Effekt. Der 8er hingegen wirkt innen auch ohne festes Dach nicht feiner als ein gut ausgestatteter 3er. Es fehlt einfach das Besondere, die Liebe zum Detail. Auch hier ist es wieder so: Der finanziell große Sprung im Vergleich zum alten 6er schlägt sich nicht genug im Auftritt des Autos nieder.

Okay, was soll ich jetzt nur tun? Ich habe sehr viel Geld und brauche ein großes Cabrio ...

Na gut, wenn Sie vor einem solch quälenden Problem stehen, will ich versuchen zu helfen. Sollten Sie eher der Typ Sonnenkönig sein, der vor allem darauf Wert legt, dass Leder/Hölzer im Innenraum von seltenen Tieren/Bäumen kommen und es außen so viel Chrom gibt, dass Passanten verängstigt ihre Hände vor die Augen halten, dann ist das neue 8er Cabrio eher nicht Ihr Auto. Alles was mit Pomp, Luxus und Gediegenheit zu tun hat, können ein S-Klasse Cabrio oder ein offener Bentley Continental sicher besser. Der fahrdynamisch beste Oben-ohne-GT kommt aber zweifelsfrei von BMW. So sportlich, aber gleichzeitig narrensicher und komfortabel ist derzeit kein anderes Auto in dieser Liga. Der Rest ist - gerade in diesem Segment - vornehmlich Geschmackssache.

Fazit: 8/10

+ für die Größe verblüffende Fahrdynamik; hervorragender Mix aus Agilität und Komfort; fantastischer, extrem bulliger V8; großartige Bedienung

- Auftreten zu normal für das große Preisschild; fades Interieur 

 

Technische Daten und Preis BMW M850i xDrive Cabrio

Motor V8-Biturbo-Benziner; 4.395 ccm
Antrieb variabler Allradantrieb
Getriebeart 8-Gang-Automatik
Leistung 390 kW (530 PS) bei 5.500 U/min
Max. Drehmoment 750 Nm bei 1.800 bis 4.600 U/min
Leergewicht 2.090 Kilo
Beschleunigung 0-100 km/h 3,9 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Verbrauch Normverbrauch: 9,9 Liter
Emission 225 Gramm pro Km CO2
Kofferraumvolumen 350 Liter
Zuladung 500 Kilo
Basispreis 133.700 Euro

Bildergalerie: 2019 BMW M850i xDrive Cabriolet im Test

Bild von: Fabian Grass