Mit dem E-Roller von MZ unter Strom

Das gab es noch nie: Ein Testfahrzeug wird im Paket geliefert. Der Zweiradhersteller MZ hat seinen Elektro-Roller Charly geschickt. Zugegeben, der Karton war groß. Doch erstmals wurde uns ein straßenzugelassenes Fahrzeug in derart kompakten Abmessungen zur Verfügung gestellt. Raus aus dem Karton, rein in den Großstadtdschungel. 15 Minuten nach der Paketannahme war der Zschopau-Scooter fahrbereit. Der kleine und unkomplizierte Stromer hatte für uns noch weitere Überraschungen im Gepäck.

Hoher Aufmerksamkeits-Faktor
Ducati 916, Ferrari 360 oder Porsche 911: Diese edlen und durchgestylten Fahrzeuge ziehen die Blicke auf sich. Und ihre hohe Aufmerksamkeit sorgt für den besonderen Fahrspaß. Obwohl der Charly nicht in diese Riege mobiler Extravaganzen gehört, ist er ebenfalls ein Hingucker. Erstaunlich: Viele Frauen lächeln im Straßenverkehr dem Charly-Piloten entgegen. Doch war diese Geste wohl oft eine Mischung aus Mitleid und Empathie. Einen vergleichbaren Helden-Status wie ein Harley-Treiber hat man auf dem Charly jedenfalls nicht. Machen wir also auf Mitleids-Tour. Schade nur, dass der rollende MZ-Akku ein Einsitzer ist. Sonst könnte man versuchen, eine lächelnde Maid zum gemeinsamen Rumstromern einzuladen. Eine Geste, die vielleicht den Überraschungserfolg bringen würde.

Einfach drehen
Nun ja, so zieht man alleine seine Strom-Kreise auf dem etwas eigenwillig anmutenden Gefährt. Das geht bisweilen überaus einfach von der Hand. Wie bei einem Roller mit Variomatik muss man einfach den rechten Drehgriff betätigen und leise surrend schiebt der Zschopau-Scooter vorwärts. Ohne jegliches Getriebe, ähnlich wie bei einem Automatik-Roller nimmt der Charly beim Dreh mit der rechten Hand Fahrt auf. Bei maximal 20 km/h endet der Vortrieb. Selbst bergab und mit Rückenwind wird daraus nicht wesentlich mehr.

Mit Zulassung doch ohne Helm
Mit Versicherungszulassung darf man sich auf dem Charly wie mit einem Mofa im Straßenverkehr bewegen. Einziger Unterschied: Eine Helmpflicht gibt es für den Charly nicht. Zögernd schiebt man sich mit wehendem Haupthaar und der atemberaubenden Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h an langsameren, teilweise erstaunten und belustigten Fahrradfahrern vorbei. Auf der Straße wird man hingegen von genervten Autofahrern ständig überholt. Wirklich routiniert reagiert die Umwelt auf das neue Elektro-Fahrzeug nicht.

Schön ist was anderes
Wie auch viele andere E-Scooter ist der Charly nicht sonderlich tageslichttauglich. Sein langer Hals mit Doppelscheinwerfer am Lenker erinnert an das Gesicht des Roboter-Helden aus dem Streifen "No. 5 lebt". Vielleicht soll das wenig ansprechende Charly-Outfit mit seinen Hollywood-Anleihen Sympathien wecken. Sei`s drum. Die Form hat in jedem Fall ihre Funktion: Blinker, Vorder- und Rücklicht sorgen für Nacht- und Alltagstauglichkeit. Eine laute Hupe ist ebenfalls an Bord.

Hart und handlich
Der Charly ist zwar im Straßenverkehr einsetzbar, längere Fahrten sind aber auf gepflasterten Fernwegen recht ungemütlich. Schuld daran ist vor allem die nicht vorhandene Federung. Die mit Luft gefüllten Miniräder geben bereits kleinere Unebenheiten ungefiltert an den Fahrer weiter. Straßen mit Kopfsteinpflasterung werden auf dem Charly zu Folterstrecken. Gesäß und Wirbelsäule des Fahrers bedanken sich auf ihre Weise. Auf dem spiegelglatten Untergrund einer Fabrikhalle gleitet der Roller hingegen sanft dahin. Nur auf holpriger Fahrbahn reagiert der Charly gereizt. Die Lenkung antwortet auf Unebenheiten mit nervösem Flattern. Einhändig fahren kostet deshalb wirklich Mut. Ansonsten zeigt er sich als handzahmes Gefährt. Ein jeder kann ohne besondere Zweirad-Erfahrung mit ihm losstromern. Ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle geben die beiden kleinen Trommelbremsen an Vorder- und Hinterrad. Sie werden von Bremshebeln am Lenker betätigt und bringen den Roller umgehend zum Stehen.

16 minus 42 macht 26
Obwohl handlich und leicht zu fahren, kann das Lebendgewicht des Charly von 42 Kilogramm auch zur Hürde werden. Wer den MZ-Roller mehrere Stockwerke bis zur nächsten Steckdose wuchten muss, wird reichlich fluchen. In manchen Situationen lohnt es sich deshalb, den leicht ausbaubaren Akku herauszunehmen. 16 Kilo bringt allein das Stromaggregat auf die Waage. Ohne Akku lässt sich der Charly entsprechend leicht heben.

20 Kilometer für fünf Stunden
Apropos Akku: Die Reichweite des Rollers wird von MZ mit 20 Kilometern angegeben. Im unserem Test haben wir es nicht darauf ankommen lassen. Die Ladeanzeige hat zumindest die Vermutung nahe gelegt, dass der Charly deutlich weiter mit einer Stromladung fahren kann. Ist der Stromspeicher ausgelaugt, muss er für einige Stunden eine Steckdose besuchen. Ein Stromkabel zum Aufladen führt der Charly immer mit sich. Fünf Stunden an 220 Volt und der Akku ist wieder randvoll.

Und was kostet der Spaß?
Für 1.099 Euro bietet MZ mit dem Charly ein einfaches und handliches Gefährt. Ein digitaler Fahrradtacho, ein Sicherheitsschloss, ein großer Korb und ein Ladegerät gehören mit zum Lieferumfang. Lenker und Sattelstütze sind mit Schnellspannnaben ausgestattet und verringern auf Wunsch die Abmessungen deutlich. So passt der Charly in fast jeden Kofferraum.

Einer der wenigen Konkurrenten des MZ Charly ist derzeit der besonders leichte E-Roller Maximilian von Tante Paula. Ihn gibt es mit Straßenzulassung bereits ab 999 Euro. Der Maximilian ist jedoch kein so ausgewachsener Roller wie der Charly.
(mh)

MZ Charly im Test