Wir testen den britischen Roadster auf Englands Straßen

Ich habe das Licht gesehen. Das Licht reinen Roadstertums. Ich dachte, ich kenne die Autowelt – falsch gedacht. Es gibt da etwas, das leicht, cool und hart ist und aus England kommt. Der Westfield Sport 1600 ist eins von vielen in Großbritannien hergestellten Seven Style Cars, welche das Lebensgefühl des legendären Lotus 7 (Seven) unsterblich machen.

Lotus 7
Der Lotus 7 ist eine Legende hinsichtlich Design und Race-Performance. Als sich Lotus-Gründer Colin Chapman 1972 entschloss, die Produktion des Straßenrennwagens Lotus 7 einzustellen, stürzten sich einige Süchtige darauf, die Geschichte des Seven fortzuschreiben. Zirka 30 Anbieter von sogenannten Seven Style Cars tummeln sich auf dem britischen Markt. Am unteren Ende der Preisskala rangieren die Robin-Hood-Cars (ab zirka 7.500 Euro), der teuerste und etablierteste Anbieter ist Caterham. Eng verfolgt wird Caterham von einer preislichen Alternative aus Kingswinford in der Nähe von Birmingham: Westfield. Die Firma hat sich durch beharrliche Arbeit einen guten Namen auf dem Markt der Seven Style Cars erkämpft –und bietet auch noch andere Modelle an. Das Einstiegsmodell nennt sich Westfield 1600. Wir haben Westfield zum 25jährigen Firmen-Jubiläum einen Besuch abgestattet und den kleinsten Seven-Nachfolger des Herstellers getestet.

Frei liegende Aufhängung
Der Westfield 1600 ist gar nicht zu übersehen. Ein kurzes aber eckiges Stummelheck mündet in den spartanischen Fahrgastraum, welcher in die lange Motorhaube übergeht. Vorne strecken sich seitlich aus dieser Haube die runden Scheinwerfer, die Stielaugen-Blinker und die gesamte Radaufhängung. Wie bei einem Fomel-1-Wagen hat das Rad kein Radhaus als Zuhause. Nur ein kleines Schutz-,Blech" aus Fiberglas schützt andere Verkehrsteilnehmer davor, dass Wasser und Steine von den Reifen durch die Gegend geschleudert werden. Der gesamte Rest der Karosserie besteht ebenfalls aus durchgefärbtem Fiberglas. Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts entbrannte ein Rechtsstreit zwischen Caterham und Westfield, wo die Original-Rechte am Lotus 7 liegen. Im Zuge dieses Streits wurde entschieden, dass Westfield keine Aluminium-Karosserie, wie beim echten Lotus 7, verwenden dürfe – dieses Recht steht nur Caterham zu. Aber Fiberglas ist auch leicht und von außen ist kein Unterschied zu Aluminium zu erkennen. Nur Beulen entstehen kaum. Im Falle einer kleinen Karambolage zerfetzt der Werkstoff und muss ersetzt werden – Ausbeulen unmöglich. Kratzer lassen sich allerdings leicht auspolieren und Risse werden von einer Fachwerkstatt repariert

Weiche Türen
Die Türen des Westfield 1600 bestehen aus Kunstleder, in welches liebevoll per Handarbeit Seitenscheiben aus durchsichtiger Folie genäht werden. Wer lieber ohne Türen unterwegs ist, zieht diese einfach aus ihren Scharnieren. Das geht innerhalb von Sekunden ganz ohne Werkzeug. Ein innen angebrachtes, zirka zehn Zentimeter langes Lederband mit einem Druckknopf am Ende dient als Türschloss. Im Fußraum sitze ich mit quasi waagerecht ausgestreckten Beinen. Auch für große Leute ist die Länge des Fußraums und der Sitzflächen okay. Die Seitenwangen der Sitze sind sportlich eng und halten uns beim unvermeidlichen Kurvensammeln gut fest. Hinzu kommen die Vierpunkt-Hosenträger-Gurte, welche die Freiheitsgrade des Oberkörpers ganz erheblich reduzieren. Wer was im Fußraum liegen lassen hat oder den Sitz verstellen möchte, muss sich erst wieder abschnallen, bevor er nach etwas greifen kann.

Macht einen schlanken Fuß
In der Breite ist der sich nach vorne verjüngende Fußraum recht eng, was für den Beifahrer kein Problem darstellt. Der Fahrer sollte allerdings cleverer Weise seine schmalsten Schuhe anziehen, dies sorgt für ein geordnetes Gefühl beim Betreten der dicht beieinander liegenden Pedale. Englische Roadster vom Schlage eines Westfield leben davon, dass sie so wenig Komfort wie möglich bieten. Die Fettreduktion zeigt sich beispielsweise im Fehlen von Radio, elektrischem Verstellschnickschnack und Zentralverriegelung sowie Kofferraum oder sonstigen Ablagemöglichkeiten. Auch ABS, ESP, ASR oder Airbags sucht man vergeblich. Dies ist Absicht und Sinn der Sache: Mit kleinem Motor möglichst viel Fahrspaß zu erzeugen. Bauartbedingt schneiden leichte Fahrzeuge mit stabiler Rahmenkonstruktion bei Crashtests sehr gut ab. Bereits 1989 bestand ein Westfield einen Frontalcrashtest mit 50 km/h, aktuelle Crashtests werden gerade vorbereitet.

Blinken lernen
Eine original-Lotus-7-Eigenheit ist allerdings sehr gewöhnungsbedürftig: Der Blinker wird nicht über einen Hebel links am Lenkrad eingeschaltet, sondern über einen kleinen Kippschalter auf dem Armaturenbrett rechts vom Lenkrad. Dieser Schalter stellt sich auch nicht von selbst wieder zurück, man muss ihn wieder per Hand in seine Ruheposition rücken – eine automatische Rückstellung kostet Aufpreis. Caterham hat sich bei seinen neuen Modellen von der Kippschalter-Tradition gelöst und bietet den bekannten Hebel. Aber das Blinken ist Gewöhnungssache und klappt nach einer halben Stunde Fahrt wie von selbst. Wir fühlen uns wohl in der puristischen Kabine – auch noch nach einigen Stunden Fahrt. Wenn es mal regnen sollte, muss das Verdeck übergezogen werden. Dieses ruht unter einer Abdeckung in einer Kuhle hinter uns. Zum Überziehen muss die Abdeckung weggeknöpft werden, dann wird ein Gestänge hochgestellt, das Verdeck aus einem Sack gezogen und über die Kabine gespannt. Ein umständlicher Vorgang, der genau so richtig ist. Ein elektrisches Verdeck würden die Westfield-Fahrer hassen.

Bitte nichts mitnehmen
Wer zu zweit unterwegs ist, kann sein Gepäck getrost zu Hause lassen. Kein Handschuhfach, keine Ablage, kein Kofferraum. Wer sich auf gutes Wetter verlässt, kann einen kleinen Trick wagen: einfach das Verdeck aus seiner Kuhle nehmen und den so entstandenen Raum für kleines Gepäck zweckentfremden. Optional gibt es für diese Kuhle eine Abdeckung mit Taschenerweiterung. Und im Fußraum des Beifahrers geht auch noch ein bisschen was. Aber der Westfield 1600 ist eigentlich das perfekte Auto für Leute, die immer versuchen, per umfangreichem Gepäck für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Hier können sie lernen: Was sie bisher mitgeschleppt haben, wurde nie gebraucht. Der Wagen bietet Platz für zwei Leute, Punkt, Aus. (Okay okay: Anstelle des Reserverads lässt sich auch eine Blechkiste als Zusatzstauraum anbringen)

Die andere Welt
Der Westfield 1600 ist von echten Rennfahrzeugen inspiriert. So wundert es nicht, dass das Fahrwerk sehr hart ausgelegt wurde. Dies bedeutet aber nicht, dass der Wagen zu tief liegt, um nicht auch mal abseits von asphaltierten Straßen unterwegs zu sein. Aber jegliche Deformationen im Untergrund, und davon hat die englische Landstraße so einige zu bieten, werden direkt an die Insassen weitergeleitet. In Sachen freiliegender Vorderräder ist dies eine echte Show: Das Rad, welches gerade in ein Schlagloch fährt, fällt nach unten, verschwindet beinahe aus meinem Gesichtsfeld. Auch das Einlenken der Räder zu beobachten, ist ein exquisiter Genuss. Und das Fahrverhalten in Kurven ist wie von einem anderen Stern: Keinen Millimeter wankt die Karosserie. Beim Anfahren oder Bremsen wird ebenso wenig genickt.

Agiler geht's kaum
Apropos Bremsen: Ich muss kräftig in die Eisen steigen, eine Bremskraftverstärkung gibt es nicht. Die benötigte Kraft entspricht so etwa dem, was man vor 20 Jahren beim Verzögern eines Autos leisten musste. Aber die Bremsen zeigen gute Wirkung und bringen den Wagen wohldefiniert auf kurzem Weg zum Stillstand. Die Lenkung kommt vollkommen ohne Servounterstützung aus und ist das Direkteste, was ich bisher in der Hand hatte. 2,4 Umdrehungen sind insgesamt drin, das heißt, für eine 90-Grad-Kurve reicht weniger als eine viertel Umdrehung. Ausgewogen hart, stramm und direkt fährt sich das Leichtgewicht, meine Nervenenden scheinen unmittelbar mit denen des Westfield verbunden.

Götter-Knattern
Unser 1,6-Liter-Ford-Sigma-Motor bringt nur 135 PS mit, hat aber auch nur 600 Kilogramm zu schleppen. Sein Drehmoment von 164 Newtonmetern liegt bei 5.900 Umdrehungen an der Kurbelwelle. Und bis diese erreicht sind, musste ich schon dreimal von Ohr zu Ohr grinsen. Ohne jegliche Geräuschdämmung und mit offenliegendem Abgasstrang an der Fahrzeugseite knattert und kernt es aus dem Aggregat, dass ich eine wahnsinnige Disziplin aufbringen muss, um nicht schon in der Stadt wie von Sinnen loszudonnern. Die Gasannahme erfolgt in Echtzeit und das Triebwerk ist ein Ausbund an Drehfreude. Enge Straßen, hügelige Landschaft, viele schwer einsehbare Kurven? Perfekt. Der Westfield schnippt an allem vorbei, was langsamer ist als er. Gas geben, beim Ausscheren das Konzert und die Lenkung genießen, und einen Wimpernschlag später habe ich mich schon wieder in den fließenden Verkehr sortiert. Motor, Fahrwerk, Grundkonzept: An diesem Auto ist alles zu 100 Prozent auf Agilität ausgerichtet.

Beschleunigung pro PS
Der Westfield 1600 lässt die Tempo-100-Marke in 4,8 Sekunden hinter sich. Dabei hat der Wagen gerade mal 135 PS. Der Cadillac XLR-V schafft den Sprint auf 100 km/h in 4,7 Sekunden – und braucht dafür 450 PS. Unter Zuhilfenahme von weniger als 300 PS schafft von den gängigen Serienfahrzeugen nur der Lotus Exige S den Prestigesprint in weniger als fünf Sekunden (4,3 Sekunden, 221 PS). Dann wird die 300 PS-Mauer durchbrochen: Morgan Aero 8 4.4 V8 (4,9 Sekunden, 325 PS) und Porsche 911 Carrera (fünf Sekunden, 325 PS). Alle diese Sprintkonkurrenten kosten deutlich über 50.000 Euro – den Westfield gibt es fertig montiert ab 29.450 Euro.

Präzise knacken lassen
Der polierte Metall-Schalthebel glänzt matt vor dem dunklen Hintergrund. Von seinem Haupt strahlt nicht die Gang-Kulisse sondern die Westfield-Sonne. Präzise rasten die Gänge in ihre Stufen, der kurze Hebel trägt zum Gefühl der kurzen Schaltwege bei. Dabei ist das Fünfgang-Getriebe, was es natürlich nur in einer manuellen Version gibt, etwas länger übersetzt als bei der ultrakurzen Abstufung eines Caterham CSR 200. Dies gibt mir die Möglichkeit, beim Beschleunigen einen besseren Rhythmus zu erzeugen, den Motor etwas länger hochdrehen zu lassen. Schließlich passt auch die Schaltung perfekt ins Bild des puren Fahrspaß-Machers.

Wertung

  • ★★★★★★★★★☆
  • Der Westfield 1600 ist ein Gerät für Leute, die wissen, worauf sie sich einlassen: Soviel wie möglich Komfort opfern, um das Ganze doppelt und dreifach als Fahrspaß zurückzubekommen. Gasannahme, Lenkung und Fahrwerk sind überirdisch direkt und die von den vier Zylindern gespielte Musik macht jung und stark.

    Der Westfield ist ganz sicher kein Auto für Menschen, die sich in den Wagen setzen, um zu futtern, Fernsehen zu gucken oder eine Musikanlage dröhnen zu lassen. Wer vom Luxus betäubt Cruisen will, muss sich nach was anderem umsehen. Wer aber das pralle Leben spüren und eine längst verloren geglaubte Agilität schmecken möchte, kann sich mithilfe des Westfield 1600 seinen Traum zum best möglichen Preis-Leistungs-Verhältnis erfüllen. Es gibt inzwischen einen Händler in Deutschland (Christoph Bettag, Belecon GmbH, Ronheider Berg 245, 52076 Aachen/Westfield-Sportscars.de) wobei der 1600 per Einzelabnahme zugelassen werden muss. Dies ist aber wegen des Euro-4-Motors kein Problem.

  • Antrieb
    90%
    passt zum geringen Fahrzeuggewicht
    extrem gute Gasannahme
  • Fahrwerk
    85%
    null Wanken oder Nicken
    sehr sehr hart
  • Karosserie
    90%
    unvergleichlicher Seven-Style
    umständliche Blinkerbedienung
  • Kosten
    90%
    günstiger Einstiegspreis
    Einzelabnahme nötig

Preisliste


Westfield Sport 1600 1.6

Grundpreis:  Euro
Modell Preis in Euro
Bausatz zum Selbstbau *) 24.450
Fertig montiertes Modell *) 29.450
*) zuzüglich Transport und Zulassung
Ausstattungen Preis in Euro
ABS -
ESP -
ASR -
Airbag Fahrer -
Airbag Beifahrer -
Automatikgetriebe -
Leichtmetallfelgen Serie

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Ford-Sigma-Reihen-Motor, DOHC, Aluminium Block 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 1.595 
Leistung in PS 135 
Leistung in kW 99 
bei U/min 5.600 
Drehmoment in Nm 164 
Antrieb Heckantrieb 
Gänge
Getriebe Schaltgetriebe, Ford MT75 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.311 
Spurweite hinten in mm 1.330 
Radaufhängung vorn Einzelradaufhängung, einstellbares Fahrwerk mit einstellbaren Öldruckdämpfern 
Radaufhängung hinten Einzelradaufhängung, einstellbares Fahrwerk mit einstellbaren Öldruckdämpfern 
Bremsen vorn Scheibenbremsen, 253 x 10 mm 
Bremsen hinten Scheibenbremsen, 253 x 10 mm 
Wendekreis in m 9,9 
Räder, Reifen vorn 195/50x15 auf 15-Zoll-Alufelgen 
Räder, Reifen hinten 195/50x15 auf 15-Zoll-Alufelgen 
Lenkung 2,4 Umdrehungen rechts/links, Quickrack, keine Servounterstützung 
Maße und Gewichte
Länge in mm 3.660 
Breite in mm 1.610 
Höhe in mm 1.100 
Radstand in mm 2.346 
Leergewicht in kg 600 
Zuladung in kg 300 
Tankinhalt in Liter 23 
Kraftstoffart Super Plus (ROZ 98) 
Fahrleistungen / Verbrauch
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 4,8 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 6,0 
Schadstoffklasse Euro 4 

Die Leichtigkeit des Seins