Sportler trifft Flanierer: BMW 330d Cabrio vs. Mercedes E 350 CDI Cabriolet

Wenn es um Markenprodukte geht, stehen wir oft vor schweren Entscheidungen: ,Geha oder Pelikan" war die erste Grundsatzfrage in der Schule, weiter ging's mit ,Walkman oder No-Name-Musik-Spieler". Im Teenageralter sollten wir zwischen ,Nokia" und ,Siemens" wählen (ja, Siemens hat mal Handys gebaut!) und haben uns geärgert, wenn in der Nokia-Clique die hübsche Yvonne war, auf die wir ein Auge geworfen hatten. Aber auch als Erwachsener fällt uns die Entscheidung nicht leicht, beispielsweise, wenn wir ein Cabrio kaufen wollen: Mercedes oder BMW? Blechdach oder Stoffmütze? Benziner oder Diesel?

Rentnerauto? Bauern-Kiste?
,Einen Mercedes kaufe ich mir erst, wenn ich in Pension gehe", tönt es aus dem jung-dynamischen Bekanntenkreis, gekontert von ,ein BMW ist doch viel zu hart"! Und überhaupt: Ein Blechdach ist was für Warmduscher, nur Stoff zählt als Cabrio-Verdeck und ein Diesel ist sowieso nur was für Bauern. Das sind Vorurteile, die über Jahre gewachsen sind. Doch was ist dran? Wir wollen's wissen und lassen einen BMW und einen Benz gegeneinander antreten. Unsere noblen Kontrahenten haben jeweils einen großen Dreiliter-Diesel unter der Haube, der beim Mercedes 231 PS und beim BMW 245 Pferdestärken produziert.

KAROSSERIE/INNENRAUM

Das Mercedes E-Klasse-Cabrio ist der Newcomer von den beiden, es stürmte erst im Frühjahr 2010 auf den Markt. Es ist der momentan vielleicht schönste Mercedes und macht mit hässlichen Meinungen wie ,langweilig" oder ,wuchtig" gnadenlos Schluss. Das schwarze Stoffdach kontrastiert herrlich zum weißen Lack des Testwagens und lässt das Cabriolet sofort als solches erkennen. Zumindest in diesem Punkt kann der BMW nicht ganz mithalten: Mit geschlossener Blechhaube kann man ihn beim flüchtigen Hinschauen zunächst mit dem Coupé verwechseln. Das macht aber überhaupt nichts, denn die schlanke, durchtrainierte Form ist einen zweiten und dritten und vierten Blick wert.

Mercedes lüpft den Hut bis 40 km/h
Der wohl wichtigste Ort in einem offenen Auto – außer dem Fahrersitz – ist der Kofferraum. Wo sollten wir sonst die Golfausrüstung, die Shopping-Bags oder die Taschen für den Drei-Tages-Wochenendtrip an den Gardasee hinpacken? Und vor allen Dingen das Dach? Unsere Kandidaten bieten mit Metall und Stoff nicht nur verschiedene Materialien für die Dachdeckung, sondern auch beim automatischen Verstauen der gefalteten Verdecke interessante Lösungen. So hat die Mercedes-Haube im Heck ein Fach mit einem eigenen Deckel. Im eigentlichen Stauabteil müssen wir nur darauf achten, dass eine kleine Klappe nach vorn gezogen ist. Dann können wir mit einer Taste in der Mittelkonsole oder per Funkfernbedienung den Mechanismus auslösen und schon faltet sich der weiche Hut ins Kofferabteil. Das dauert etwa 25 Sekunden und ist sogar bis 40 km/h möglich.

390 Liter: Der schluckt was weg
Ist das Verdeck versteckt, passen noch 300 Liter ins Hinterteil des Benz, bei geschlossener Kapuze sind es 390 Liter. Wir probieren gleich mit unserem Gepäck aus, wie sich der Raum füllen lässt. Der Versuch klappt: Wir können Taschen, Rucksäcke und harte Metallkoffer ohne größere Probleme und sogar unter das verpackte Verdeck schieben.

BMW packt bis zu 350 Liter
Der Kontrahent aus München ist in diesem Punkt nicht ganz so praktisch veranlagt. Sein hinteres Abteil schluckt zwischen 210 und 350 Liter. Wenn das Blechdach entspannt über dem Wagen liegt, können wir ebenso entspannt unsere Reisetaschen unterbringen. Soll der Bayer offen gefahren werden, müssen wir eine Abdeckung nach vorn ziehen und einrasten lassen. Per Fernbedienung oder Taste in der Mittelkonsole dazu animiert, entblättert sich der BMW und hat das schützende Metall nach 25 Sekunden ordentlich ins Heck gefaltet. Großer Nachteil: Das funktioniert nur, wenn das Auto steht. Mal schnell im schleichenden Stop-and-Go-Verkehr die Sonne rein- oder den Regen draußen lassen, geht also nicht. Außerdem macht sich das gefaltete Dachpaket im Ladeabteil störend bemerkbar. Zwischen ihm und dem Kofferraumboden bleibt nur noch ein schmaler Spalt, der das Be- und Entladen nicht unbedingt vereinfacht.

Benz: Klappe für die Tasten
Keine Probleme haben wir dabei, uns selber zu verstauen und zwar auf Fahrer- und Beifahrersitz. In beiden Kandidaten sind wir ausgezeichnet gebettet, im optionalen Sportsitz des BMW etwas härter gepolstert als im Mercedes. Um uns herum finden wir nahezu alles, was unser Herz begehrt und die Zubehörliste hergibt. Einen Kritikpunkt finden wir allerdings beim Stuttgarter: Um an die Bedientasten fürs Verdeck, das Aircap (dazu kommen wir gleich) und den Drücker zum Versenken aller vier Scheiben zu kommen, müssen wir erst eine Abdeckung hochklappen. Das nervt.

Stoffmütze ab, Luftkappe auf
Dafür ist der Mercedes klarer Windsieger: Wohl in keinem anderen Cabriolet kann man auch zu viert so schnell offen fahren, ohne dass es zieht. Möglich macht das eine schon erwähnte neue Erfindung, die Mercedes ,Aircap" (Luftkappe) nennt. Auf Tastendruck wird ein kleines Windschott auf dem Frontscheibenrahmen ausgefahren, gleichzeitig bewegen sich die Fondkopfstützen und zwischen ihnen ein kleines Windschott nach oben. Nun lässt es sich in der zweiten Reihe vortrefflich aushalten, ohne dass der Wind allzu sehr an den Passagieren zerrt.

Ein Schal für kühle Abende
Auf den vorderen Plätzen gibt es Düsen in den Kopfstützen, die uns wohlig-warme Luft in den Nacken pusten. ,Airscarf" (dt. Luftschal) nennt Mercedes diesen praktischen Fön. Alle Features zusammen sorgen dafür, dass wir auch in die anbrechende Sommer-Nacht hinein noch offen gleiten können. Wir fragen uns allerdings auch, wo denn bitteschön bei so viel Streicheleinheiten das Cabriofeeling bleibt? Wir schalten alles aus, lassen die vier Fenster runter und wissen es. Wenn's dann doch zu kühl wird, schließen wir den Benz komplett und sind wohlig untergebracht. Dass sich über unseren Köpfen weicher Stoff spannt, ist kaum zu bemerken.

Herkömmliches Schutz-Schott im BMW
Der bayerische Geselle verwöhnt uns in puncto Windschutz nicht ganz so sehr wie der Benz, aber auch hier sitzen wir nicht gerade im zugigen Abteil. Mit hochgefahrenen Scheiben und einem Schott direkt hinter uns lässt sich der BMW offen und herrlich cruisen. Da der Klapp-Windschutz über den Fondsitzen montiert wird, können wir aber nur zu zweit reisen. Die deswegen Daheimgebliebenen sehen's mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Zwar fällt die Offenfahrt in zweiter Reihe aus, aber der Fond ist recht eng und die steilen Rücklehnen laden nicht zum längeren Verweilen ein. In diesem Punkt nehmen sich die beiden Edel-Gefährte nicht viel: Auch der Mercedes bietet hinten nicht mehr Platz. Er heißt zwar E-Klasse, hat aber den Radstand der kleineren C-Klasse.

MOTOR/GETRIEBE

Von wegen Bauern-Motor: Die kultivierten Top-Diesel in beiden Cabrios sind nicht nur fürs Cruisen gemacht. Sie stehen vielmehr bereit, um Power und nochmals Power zu liefern. Im BMW ist der 245 PS starke Sechszylinder an eine Sechsgang-Automatik gekoppelt, im 231-PS-Mercedes übernimmt eine Siebengang-Automatik namens 7G-Tronic die Schaltarbeit. Beide Antriebe bieten ein bulliges Drehmoment schon im niedrigen Tourenbereich: Im Sternenwagen sind es 540 Newtonmeter bei 1.600 Touren, der Weißblaue schiebt 520 Newtonmeter rüber, wenn der Tourenzähler 1.750 Umdrehungen anzeigt.

BMW: Tipp ... und weg
Der Münchner beeindruckt durch einen exzellenten Anzug: Beim ersten Antippen des Fahrpedals sprintet er los, dass es nur so eine Freude ist. Die Tachonadel dreht sich zügig nach oben. 6,5 Sekunden dauert es bis Tempo 100, bei 250 km/h beendet die Elektronik sanft den Vortrieb. Auch die kleine Beschleunigung zum Überholen zwischendurch macht richtig Spaß: Geschmeidig hängt der Motor am Gas, immer bereit, uns geschwind und souverän ans Ziel zu bringen. Die Automatik wechselt ihre Stufen schnell und nahezu ruckfrei. Im Sportmodus tut sie das noch schneller. Wir können aber auch selbst am Hebel sequenziell schalten oder gar wie im Motorsport per Paddles am Lenkrad die Gänge sortieren.

Mercedes: Komfortables Anfahren
Der E 350 CDI zeigt seine durchtrainierten Muskeln nicht sofort. Nach dem Motorstart ist stets das verbrauchsoptimierende Komfortprogramm der 7G-Tronic aktiviert. Wir müssen beim Anfahren also etwas stärker aufs Pedal drücken, um schnell loszukommen. Per Knopfdruck können wir aber den Sportmodus einstellen, dann geht's merklich flotter los. Den Spurt auf die Hunderter-Marke schafft der 350er in 6,9 Sekunden, erst bei 250 km/h wird er sanft am Weiterbeschleunigen gehindert.

FAHRWERK/LENKUNG

Das Fahrwerk ist, wie wir das von BMW gewohnt sind, straff eingestellt, aber nicht unkomfortabel gefedert. Im Zusammenhang mit der direkten Lenkung spielt der Bayer seine Dynamik-Trümpfe dann besonders gut aus, wenn er schnell durch Kurven bewegt wird. Die dynamische Abstimmung merken wir auch bei hohem Speed auf der Autobahn: Hier liegt der Münchner spürbar stabiler als der Stuttgarter.

Mercedes kann die Zähne zeigen
Gelassenes Gleiten ist mit dem Mercedes ein Genuss. Der Benz hat ab Werk ein so genanntes Agility-Control-Fahrwerk montiert. Das heißt, dass die Dämpfer sich je nach Fahrweise anpassen. Wenn wir geruhsam geradeaus fahren, bügelt die Federung auch Querrillen und Gullydeckel schön ordentlich glatt. Das Getriebe verrichtet sein Tun ruckfrei und legt eine Stufe nach der anderen fast unmerklich ein. Wenn er soll, zeigt der schöne Zweitürer aber ziemlich schnell die Zähne. Für Ausflüge ins Gebirge mit herrlichen Serpentinen drücken wir den Sport-Knopf der Schaltbox und bekommen die Stufen später gewechselt. Der Unterbau stellt sich automatisch auf schnelle Kurven ein und bringt uns entsprechend agil durch die Biegungen. Nur die Lenkung, die im normalen Betrieb perfekt abgestimmt ist, dürfte beim Chaussee-Räubern noch direkter reagieren.

Verbrauch: Werkswert weit überboten
Wir waren bei unserem Test mit beiden Autos auf den verschiedensten Straßen unterwegs, sind in der Stadt gecruist, über Landstraßen gefahren und haben schnelle Autobahnetappen zurückgelegt. Unterm Strich haben wir bei beiden Cabrios einen Verbrauch von 9,2 Liter ermittelt. Das ist nicht wenig, wenn man die Werksangaben zum Vergleich heranzieht: BMW nennt 6,4 Liter, Mercedes 7,0 Liter.

AUSSTATTUNG/PREIS

Die beiden Premium-Cabrios haben auch Premium-Preise: 54.621 Euro ruft Mercedes für den E 350 CDI auf. Er ist immer mit einem Automatik-Getriebe bestückt. BMW will 50.650 Euro für den 330d mit Sechsgang-Schaltgetriebe, hinzu kommt die Automatik für 2.190 Euro, das macht also 52.840 Euro. Leichte Unterschiede ergeben sich beim Vergleich der Ausstattungslisten: Beim BMW müssen wir beispielsweise die Klimaautomatik hinzubuchen, dafür sind die Xenon-Scheinwerfer schon im Basispreis inbegriffen. Bei Mercedes kann man diese im Paket mit einer intelligenten Leuchtweiten-Anpassung, einem Tagfahrlicht, einem Fernlichtassistenten und Kurvenlicht bestellen. Nur für den Stuttgarter sind Features wie ein Totwinkel-Assistent oder eine Rückfahrkamera buchbar. Dennoch hat eine ganze Reihe von Extras die Endsummen beider Kandidaten mächtig in die Höhe getrieben. Beim Mercedes stehen 69.341 Euro, beim BMW 68.820 Euro unterm Strich. Sicherlich lässt sich bei den Optionen noch einiges sparen. Empfehlenswert beim Mercedes sind auf jeden Fall nützliche Cabrio-Features wie die Luftraumheizung Airscarf und das Windschutzsystem Aircap für zusammen 1.250 Euro.

Wertung

  • ☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆
  • Beide Cabriolets sind sehr empfehlenswert und verdienen daher die Wertung von 4,5 Sternen. Unterschiede gibt es nur in Details. Der BMW 330d ist ein wohlgeratener Sportler. Er zieht spritzig ab, setzt Gaspedalbefehle sofort um und lässt sich agil, leichtfüßig und direkt händeln. Der Mercedes E 350 CDI übernimmt die Rolle des eleganten Gentlemans: Ausgezeichnet gefedert und im Komfortmodus vornehm zurückhaltend ist er der Flanierer. Jedoch kann er auch bissig werden, wenn er muss. Features wie Airscarf und Aircap ermöglichen auch in den kühlen Abendstunden noch Cabrio-Genuss. Der Mercedes ist, wenn auch knapp, unser Testsieger, da sich sein Dach auch während der Fahrt lüpfen lässt und er das bessere Kofferraum-Konzept bietet.

  • BMW 330d Cabrio
    90%
    Spritziger Sportler mit agilen BMW-Genen
    muss zum Dach-Öffnen und -Schließen stehen
  • Mercedes E 350 CDI Cabriolet
    90%
    idealer Cruiser für warme und kühle Tage
    indirekte Lenkung bei schneller Kurvenfahrt

Entscheidende Offenheit