Der Citroën C4 Cactus mit 99-PS-Diesel im Dauertest

Es ist mit einem Citroën C4 Cactus wie mit dem Betrachten eines abstrakten Bildes: Ist ja ganz nett, aber will ich das wirklich vor der Tür stehen haben? Und so ging es uns auch während unseres mehrmonatigen Dauertests des C4 Cactus über gut 8.000 Kilometer. Keine Frage: Der auffällige, 4,16 Meter lange Wagen polarisiert.

Lebe lieber anders
Denn der C4 Cactus ist nun einmal nicht irgendein VW-Golf-Mietwagen, in den du einsteigst, den Schlüssel umdrehst und losfährst. Viel mehr ein eigenwilliges Kunstwerk. Die Anordnung von Scheinwerfer und LED-Tagfahrlicht könnte von Picasso stammen (nach dem Citroën tatsächlich Fahrzeuge benennt), während die auffälligen Luftpolster (die ,Airbumps", von uns liebevoll ,Boppel" getauft) durch Dali hineinmodelliert worden sind. Wie dem auch sei: Jeder glotzt die Cactus-Insassen an. Entweder verstohlen aus dem Seitenfenster oder ganz offensichtlich mit Fingerzeig (besonders beliebt bei Kindern). Dabei hatte unser Cactus noch nicht einmal eine Augenkrebs-verdächtige Lackierung wie das sehr gelbe ,Hello Yellow". Unabhängig von der Farbwahl ist der Wagen übersichtlicher als gedacht, man kann lässig über die Haube gucken.

Kuschelige Atmosphäre
Als ich mich in den Cactus setzte, dachte ich mir: Was sind das für komische Sitze und warum plumpse ich in sie hinein? Auch wenn sie nicht so aussehen, haben die Möbel etwas von jenen Freischwinger-Sesseln, die man in der Arztpraxis oder im Museum of Modern Art findet. Motto: Zuerst ,Naja", dann ,Aha". Kritikwürdig ist aber die Breite des Innenraums: Ist ein kräftiger Beifahrer an Bord, kommt man sich näher, als einem lieb ist. Das überrascht, denn der C4 Cactus ist mit 1,73 Meter deutlich breiter als etwa ein beileibe nicht klaustrophobischer VW Polo.

Schick, aber nicht überall
In der von uns gefahrenen Topversion ist der Cactus sehr adrett eingerichtet, etwa mit besonderen Oberflächen im Cockpit, Chrom oder schicken Schlaufen zum Zuziehen der Türen. Allerdings wandern dann auch schon rund 24.000 Euro auf das Konto des Händlers. Trotzdem hat Citroën leider an zu offensichtlichen Stellen gespart: Künstlerische Freiheiten hin oder her, aber die Fünfgang-Schaltung mit der Präzision eines Puddings gehört in keinen Neuwagen. Umso bedauerlicher ist die Tatsache, dass es keine Automatik ab Werk gibt, die perfekt zum gelassenen Charakter des C4 Cactus passen würde. Stattdessen bieten die Franzosen nur ein automatisiertes Schaltgetriebe namens ETG an, damit leistet der Diesel aber nur noch 92 PS.

Praktisch können andere
Der zentrale Touchscreen auf der Mittelkonsole sieht zwar toll aus. Aber alles muss über Menüs geregelt werden. Die Regulierung der Temperatur dauert so recht lange. Eine separate Klimaregelung mit echten Knöpfen wäre hier besser und wenn schon viele Displays, dann doch bitte welche, die man auch bei Sonneneinstrahlung ablesen kann. Und warum lassen sich die hinteren Fenster nur ausstellen, nicht aber herunterfahren? Der Höhepunkt der Konstruktionsschizophrenie gipfelt aber im Ablagen-Konzept: Der Cactus hat ein Handschuhfach, in dem man den Wochenendeinkauf einer Großfamilie verstauen könnte, aber nur einen einzigen Cupholder in der Mittelkonsole. Der Hersteller sagt zudem, die einteilige Rückbank spart Gewicht. Doch sie kostet nur viele Nerven, wenn man sie alleine umlegen will. Offenbar waren wir nicht die einzigen Kritiker dieser Lösung, denn inzwischen ist eine geteilte Lehne serienmäßig. Immerhin: 358 Liter im Normalzustand sind angesichts der Cactus-Abmessungen ein guter Wert für den Kofferraum.

Spritziger Selbstzünder
Positiv angetan waren wir vom Motor. Zwar klingt der Diesel nach dem Kaltstart arg nach Lieferwagen, doch wir waren immer wieder überrascht, wie spritzig und sparsam ein 99-PS-Fahrzeug sein kann. Nach insgesamt 8.143 Kilometern standen 5,3 Liter Durchschnittsverbrauch zu Buche. Kein Wunder, muss der 1,6-Liter-Motor doch mit nur 1.145 Kilogramm fertig werden. Und wenn die Leichtlaufreifen erst einmal in Bewegung sind, fühlt sich eine Ebene wie eine Talfahrt an. Am Federungskomfort gibt es kaum etwas auszusetzen, weil Citroën dankenswerterweise auf riesige Felgen verzichtet. 17-Zoll-Alus stellen das Maximum dar, bei unserem Testwagen waren 16-Zöller montiert. Der im Stand etwas raue 1,6-Liter-Diesel hält sich bei den niedrigen Drehzahlen im Hintergrund. Aber Stopp: Wie hoch ist die Drehzahl überhaupt? Eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt, denn einen Drehzahlmesser sucht man vergeblich. Auf der Autobahn hingegen würde ein sechster Gang das Gehör schonen. Wer keinen Diesel mag oder bei der Anschaffung sparen möchte, dem sei der Dreizylinder-Turbobenziner mit 110 PS empfohlen.

In der Ruhe liegt die Kraft
Doch Charakter hin, Schwächen her: Der Franzose beruhigt. Ist doch egal, was die anderen denken oder über was die Kunstkritiker mal wieder diskutieren. Man dreht die Rückenlehne des Stoffsitzes zurück, stellt die hinteren Fenster auf Durchzug und genießt einfach mal, wie die französische Ja-oder-Nein-Schwarz-Weiß-Vorstellung in ein angenehmes Grau übergeht.

Wertung

  • ★★★★★★★★☆☆
  • Vielleicht sollte Citroën in die Bedienungsanleitung ein Vorwort schreiben: Dieser Wagen wird nicht jedem auf Anhieb gefallen. Aber wenn man sich auf ihn einlässt, schon. Der C4 Cactus ist konkurrenzlos in einer Klasse, die es so nicht gibt. Ambivalent bleibt dieses Auto nicht nur wegen der Optik: Extrem preiswert ist der Cactus nämlich trotz manch einfacher Lösung nicht. Hier hätte Citroën konsequenter sein sollen. Entweder spartanisch im 2-CV-Geist oder betont luxuriös.

    + sparsamer Diesel, komfortable Sitze, großer Kofferraum

    - teils unpraktische Lösungen, unpräzise Schaltung, nicht preiswert

  • Antrieb
    80%
  • Fahrwerk
    85%
  • Karosserie
    80%
  • Kosten
    80%

Preisliste


Citroën C4 Cactus BlueHDi 100 Shine

Grundpreis: 22.590 Euro
Modell Preis in Euro
Selection 21.490
Feel 20.340
W 23.290
Rip Curl 24.690
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP Serie
Airbag Fahrer Serie
Airbag Beifahrer Serie
Seitenairbags vorn Serie
Kopfairbags vorn Serie
Kopfairbags hinten Serie
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie
Klimaautomatik Serie
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Bildschirmnavigation Serie
MP3 Serie
elektr. Schiebedach 490 (Panoramadach)
Metalliclackierung 525
Leichtmetallfelgen Serie (16 Zoll)
Sitzhöheneinstellung Serie (Fahrer)
Tempomat Serie
Lederausstattung 850
Nebelscheinwerfer Serie
Sitzheizung vorne 300
Einparkhilfe hinten Serie
Rückfahrkamera Serie

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Diesel mit Turboaufladung 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 1.560 
Leistung in PS 99 
Leistung in kW 73 
bei U/min 1.750 
Drehmoment in Nm 254 
Antrieb Frontantrieb 
Gänge
Getriebe Schaltgetriebe 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.479 
Spurweite hinten in mm 1.480 
Radaufhängung vorn Einzelradaufhängung 
Radaufhängung hinten Einzelradaufhängung 
Bremsen vorn Scheiben innenbelüftet 
Bremsen hinten Trommel 
Wendekreis in m 10,9 
Räder, Reifen vorn 205/55 R16 
Räder, Reifen hinten 205/55 R16 
Maße und Gewichte
Länge in mm 4.157 
Breite in mm 1.729 
Höhe in mm 1.490 
Radstand in mm 2.595 
Leergewicht in kg 1.145 
Zuladung in kg 540 
Kofferraumvolumen in Liter 358 
Kofferraumvolumen, variabel in Liter 1.170 
Dachlast in kg 80 
Tankinhalt in Liter 45 
Kraftstoffart Diesel 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 184 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 10,6 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 3,4 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 4,0 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 3,1 
Testverbrauch Gesamt in Liter/100 km 5,3 
CO2-Emission in g/km 90 
Schadstoffklasse Euro 6 


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