Zwei Royal Enfields, 2.500 Stunden Arbeit und ein Rennen
Zwei Shotgun 650, rund 2.500 Arbeitsstunden und ein Rennen: Shilpa ist die radikalere Hälfte eines ungewöhnlichen Projekts
Vier Stunden. So lange kann man an einem Motorrad arbeiten, ohne dass später irgendjemand etwas davon sieht. Bei dieser Royal Enfield stecken sie in einer kleinen Messingschraube tief im Motorrad. Und vielleicht erklärt kein anderes Teil besser, warum der Umbau namens “Shilpa” bis zu 1.700 Arbeitsstunden verschlungen hat.
Gebaut wurde Shilpa von Enrico de Haas und seinem Team bei Wannabe-Choppers. Als Basis diente eine Royal Enfield Shotgun 650, wobei “Ausgangspunkt” treffender ist als “Basis”. Abgesehen vom Motorrumpf ist laut Datenblatt praktisch jedes Bauteil entweder eine Einzelanfertigung oder massiv modifiziert. Rahmen, Tank, Schutzbleche und Elektrikbox entstanden komplett neu.
Bildergalerie: Royal Enfield Shotgun 650 Shilpa
Shilpa ist allerdings nur eine Hälfte des Projekts. Parallel entstand mit “Parivar” eine zweite umgebaute Shotgun 650. Zusammen verschlangen beide Motorräder rund 2.500 Arbeitsstunden. Shilpa ist dabei die deutlich radikalere Interpretation. Sie wurde ausschließlich als Renn- und Showmotorrad gebaut und soll allein etwa 1.500 bis 1.700 Arbeitsstunden beansprucht haben.
Aus 648 werden 865 Kubik
Normalerweise steckt in der Shotgun 650 ein luft-/ölgekühlter Parallel-Twin mit 648 cm³. Er leistet 47 PS bei 7.250 U/min und liefert maximal 52,3 Nm. Wannabe-Choppers ließ es dabei nicht bewenden. Der Zweizylinder wurde auf 865 cm³ vergrößert und erhielt eine höhere Verdichtung sowie eine Rennnockenwelle. Wie viel Leistung er jetzt produziert, verrät Royal Enfield allerdings nicht.
Eigens angefertigte Dragpipes aus Edelstahl übernehmen die Abgasentsorgung, gegossene Aluminium-Seitendeckel verändern die Optik des Motors. Laut Royal Enfield blieb nur der innere Teil des Shotgun-Motors unangetastet.
Noch größer fällt der Eingriff beim Fahrwerk aus. Die 240 Kilogramm schwere Serien-Shotgun besitzt einen Stahlrohrrahmen, eine Showa-Upside-down-Gabel mit 120 mm Federweg und zwei Federbeine mit 90 mm Federweg. Shilpa behält lediglich eine modifizierte Version der Gabel. Hinten federt dagegen überhaupt nichts mehr.
Eine Felge wird einfach aufgeschnitten
Wannabe-Choppers konstruierte einen eigenen Schlitz-Aluminium-Starrrahmen mit Lenkkopf und Ausfallenden aus Edelstahl. Die gegossene Aluminium-Karosserie ist dabei ein struktureller Teil der Rahmenkonstruktion. Gegossene Messing-Inlays ergänzen den Aufbau. Auch die Räder stammen grundsätzlich von der Shotgun 650, mussten aber einiges über sich ergehen lassen.
Die Felgen wurden poliert. Hinten schnitten die Customizer die Serienfelge zusätzlich auf und verbreiterten sie, damit der gewünschte Drag-Reifen daraufpasst. Hinzu kommen Handarmaturen von Wannabe-Choppers, Lenker und eine modifizierte Fußrastenanlage von Wunderkind Custom sowie Beleuchtung von Kellermann.
Wie weit der Aufwand ging, zeigt die Liste der Fertigungstechniken. Für Shilpa wurde lasergeschnitten, geschweißt, gedreht, gefräst, gebohrt, gelötet, geschliffen und poliert. Leitungen und mechanische Züge entstanden ebenfalls individuell. Eine besondere Rolle spielte der Guss von Aluminium und Messing, eine Spezialität von Wannabe-Choppers.
200 Stunden für einen Kupplungsdeckel
Das alles kostet Zeit. Sehr viel Zeit. Rund 2.500 Arbeitsstunden flossen in Shilpa und Parivar zusammen. Etwa 1.500 davon leistete Enrico de Haas selbst. Hinzu kamen die Arbeit seines Teams und die Mithilfe von Jugendlichen aus der Seehaus-Motorradwerkstatt Glemseck Moto.
Weil einige Komponenten für beide Motorräder gemeinsam entwickelt wurden, lässt sich der Aufwand nicht exakt trennen. Royal Enfield geht bei Shilpa von rund 1.500 bis 1.700 Arbeitsstunden aus. Allein die Entwicklung und Fertigung des ersten neuen Kupplungsdeckels beanspruchte etwa 200 Stunden. Auch der komplett neu entwickelte Rahmen gehörte zu den zeitintensivsten Teilen.
Und dann ist da noch jene Messingschraube. Sie sitzt anstelle des serienmäßigen Öltemperatursensors und besitzt ein eigens angefertigtes Spezialgewinde. Laut Datenblatt hat das kleine Teil vier Stunden “Lebenszeit gekostet”. Am fertigen Motorrad ist es praktisch unsichtbar.
Zwei Shotguns, ein gemeinsames Projekt
Hinter dem enormen Aufwand steckt noch eine zweite Geschichte. Jugendliche aus der Seehaus-Motorradwerkstatt arbeiteten an den beiden Maschinen mit. Seehaus e. V. engagiert sich unter anderem in Straffälligenhilfe und Prävention und betreibt einen Strafvollzug in freier Form. Auf dem Sitz von Shilpa findet sich deshalb der Seehaus-Leitsatz “Wahrhaft leben”.
Für Enrico de Haas wurde gerade diese Zusammenarbeit zu einem wichtigen Teil des Projekts. “Für mich ist das eines der emotionalsten Projekte, die ich bisher gemacht habe”, sagt der Customizer. Besonders beeindruckt habe ihn zu sehen, was es bei den Jugendlichen auslöst, wenn sie ein fertiges Teil in den Händen halten, das sie selbst hergestellt haben.
Auch die Namen der beiden Motorräder gehören zusammen. “Shilpa” bedeutet auf Hindi “Handwerkskunst”, “Parivar” steht für “Familie”. Während Shilpa als kompromissloses Renn- und Showbike keine Straßenzulassung besitzt, ist Parivar in Deutschland zulassungsfähig. Sie ist zudem Hauptgewinn der diesjährigen Motorradverlosung des Seehaus e. V. beim Glemseck 101.
Am Samstag fahren sie gegeneinander
Die beiden aufwendig umgebauten Shotguns verschwinden nach ihrer Premiere nicht gleich auf Ausstellungsständern. Am Samstag, 5. September 2026, um 13 Uhr treten Shilpa und Parivar beim Glemseck 101 gegeneinander an. Mit ihrem Duell eröffnen sie das Renngeschehen auf der Achtelmeile.
Dann dürfte sich auch zeigen, was der auf 865 cm³ vergrößerte Twin tatsächlich kann. Eine Leistungsangabe für den Motor gibt es bislang schließlich nicht. Dass die vier Stunden teure Messingschraube dabei irgendeinen messbaren Vorteil bringt, darf bezweifelt werden. Aber genau darum ging es bei ihr offenbar auch nie.
Quelle: Royal Enfield
Auch interessant
Honda CBR500R Four (2027): 12.500 Touren, 72 PS und ein Comeback des Vierzylinders
Volvo macht "ein sehr schwieriges Umfeld" verantwortlich und streicht weitere 2.500 Stellen
BMW F 450 RR (2027): Rennstrecken-Feeling für Einsteiger
Ungewöhnlicher Erlkönig: Hier fährt der neue Hyundai Porter
Royal Enfield Classic 650: Edles, streng limitiertes Sondermodell zum Geburtstag
Toyotas nächstes Mittelmotor-Coupé geht dieses Wochenende ins Rennen
Ducati Panigale V4 (2027): Noch schneller, noch extremer