Zum goldenen Jubiläum kommt ein Buch

Ein visionärer Entwurf in Form, Antrieb und Werkstoffen: Der Mercedes C 111 zählt zu den spektakulärsten Konzeptfahrzeugen der Automobilgeschichte. Hell wie ein Fixstern tauchte er am Horizont auf, um später zum Bedauern vieler Fans doch nicht in Serie zu gehen. Trotzdem bleibt der orangefarbene Keil im Gedächtnis einer ganzen Generation hängen, vor allem Kinder und Jugendliche bewundern den C 111 als Spielzeugauto, im Quartettspiel oder als Poster an der Wand. Vor 50 Jahren bei seinem Debüt auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main (IAA) begeisterte der C 111 Fachwelt und Öffentlichkeit. Der Wankelmotor-Sportwagen geht nie in Serie und wird dennoch schnell zur Ikone. Auf seiner Basis entstehen ab 1975 erfolgreiche Rekordfahrzeuge.

Doch der Reihe nach: Staunend drängen sich die Menschen im September 1969 um den futuristischen Supersportwagen, den Mercedes auf der IAA in Frankfurt der Weltöffentlichkeit präsentiert. Mit so einem Fahrzeug hatte niemand gerechnet, zumal nicht von Mercedes. Ist dieser Flügeltürer vielleicht der legitime Nachfolger des legendären 300 SL „Gullwing“ (W 198) von 1954? Dazu kommt es nicht, obwohl hochrangige Kunden sogar Blankoschecks nach Untertürkheim schicken. Denn der C 111 bleibt ein reines Experimentalfahrzeug und geht nicht in Serie. Es entstehen lediglich insgesamt zwölf Exemplare der beiden Ausführungen von 1969 und 1970.

50 Jahre Mercedes-Benz C 111

Die Stuttgarter Marke erprobt in dem faszinierenden Mittelmotor-Sportwagen vor allem den Antrieb durch einen Kreiskolbenmotor nach dem von Felix Wankel entwickelten Prinzip. Im C111 von 1969 kommt ein Dreischeiben-Wankelmotor mit dreimal 600 Kubikzentimeter Kammervolumen und 206 kW (280 PS) Leistung zum Einsatz. Beim weiterentwickelten C111-II, der bereits ein halbes Jahr später zum Genfer Automobil-Salon im Frühjahr 1970 vorgestellt wird, ist es ein Vierscheiben-Motor mit viermal 600 Kubikzentimeter Kammervolumen und 257 kW (350 PS).

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Mercedes arbeitet bereits seit 1961 mit NSU-Lizenz am Wankelmotor, der zu jener Zeit wahre Wunderdinge verspricht. Federführend ist bei den Schwaben Wolf-Dieter Bensinger, der Felix Wankel noch aus Vorkriegszeiten kennt. Parallel dazu entstehen Fahrzeugentwürfe, etwa ab 1964 der Mittelmotorsportwagen SLX, der von Bruno Sacco konzipiert und von Mercedes-Designer Giorgio Batistella gestaltet wird.

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Mit Mut und Entdeckerfreude entwickeln die Ingenieure des Unternehmens den Wankelmotor trotz großer Herausforderungen weiter. So berichtet Entwicklungschef Prof. Dr. Hans Scherenberg 1967, dass der Verbrauch des Wankels rund 50 Prozent höher sei als bei einem gleich starken Hubkolbenmotor in V-Form. Letztlich sprechen Verbrauch und Emissionsverhalten damals gegen eine Serienfertigung des starken und laufruhigen Wankelmotors. Auch die Zuverlässigkeit ist ausbaufähig, obwohl der Einbau von Wankelmotoren für den SL der Baureihe 107 und die Mittelklasse-Baureihe 123 erwogen wird. Doch das Pech klebt dem Wankel an den Fersen: Pkw-Entwicklungschef und C-111-Förderer Rudolf Uhlenhaut geht 1972 in Rente, 1973 folgt die erste Ölkrise und Bensinger stirbt 1974. Mercedes beendet die Wankelmotoren-Entwicklung schließlich Anfang 1976.

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C 101: Unter diesem Kürzel beginnt Ende 1968 die konkrete Umsetzung des Wankel-Sportwagens. Verantwortlich zeichnet Rudolf Uhlenhaut (Foto oben), einst Vater des legendären 300 SL. Projektleiter ist Dr. Hans Liebold, Leiter der Vorentwicklung. Das faszinierende Design entwirft ein Team um Joseph Gallitzendörfer, und Bruno Sacco, der kurz zuvor von der Vorentwicklung in die Stilistik gewechselt ist, koordiniert die Karosserieentwicklung des spektakulären Sportwagens. Die erste Testfahrt des ersten kompletten Fahrzeugs auf dem Hockenheimring findet am 15. Juli 1969 statt. Öffentlich präsentiert wird das Experimentalfahrzeug auf der IAA dann im September unter dem Namen C 111 – so vermeidet Mercedes-Benz einen Konflikt mit den von Peugeot geschützten Typenbezeichnungen mit der mittleren Ziffer Null.

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Neben dem Wankelmotor werden im C 111 auch Technologien erprobt, die im Serienautomobilbau bislang nur in Ansätzen realisiert worden sind, darunter Karosserien aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) und Fügetechniken wie Kleben und Nieten. Allerdings ergeben sich auch hier Probleme, die einer Serienfertigung nicht förderlich sind. Zur Berühmtheit des C 111 trägt auch die ungewöhnliche Lackierung in Orange metallic bei. Deren aus dem Weinbau entlehnte Bezeichnung „Weißherbst“ hebt auf die schillernde Orange/Rosé-Färbung der beliebten Weine ab. Das auf der IAA in Frankfurt präsentierte Ausstellungsfahrzeug ist der erste C 111 in dieser spektakulären Lackierung. Die anderen Fahrzeuge der ersten Serie, die während der IAA als Vorführwagen zum Einsatz kommen, sind noch in „Effektlack weiß“ ausgeführt, werden aber später ebenfalls auf Weißherbst umlackiert.

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Die Bewunderung für den C 111 spiegelt sich in den Medien: „Die Vierscheiben-Version wäre heute nicht nur der komfortabelste und ruhigste, sondern auch der schnellste derartige Wagen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es für einen solchen Wagen in der Welt tausende von Kunden gibt“, meint Paul Frère im Fachmagazin „auto motor und sport“, Heft 8/1970. „Das Auto, das den Atem nimmt“, schreibt die „Deutsche Auto-Zeitung“. Das Fachmagazin „Road & Track“ hofft im November 1969: „Wenn wir ihnen erzählen, wie sehr wir ihn [den C 111] mögen, dann bauen sie ihn vielleicht.“ („If we tell them how much we like it [the C 111], maybe they’ll produce it.“). Die Zeitschrift „Hobby“ bringt den weiterentwickelten C 111-II im April 1970 auf dem Titel und beschreibt ihn im Heft als „Vier-Scheiben-Rakete aus Untertürkheim“.

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Das Experimentalfahrzeug begeistert nicht nur durch sein visionäres Konzept, sondern auch durch die für seine Epoche exzellente Leistung. Die erste Version des C 111 erreicht ein Spitzentempo von 260 km/h, und der C 111-II kommt sogar auf 300 km/h. In den Autoquartett-Spielen der frühen 1970er-Jahre katapultiert das den C 111 in die Liga der Spitzentrümpfe. Sogar zum Titelmotiv wird der C 111 unter anderem in den Quartetten „Die Deutschen Autos“ der Altenburg-Stralsunder Spielkarten (ASS) von 1970/71 und „Schnelle Sportwagen“ der Bielefelder Spielkarten von 1970.

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Nach dem Wankel-Aus 1976 beginnt im gleichen Jahr die zweite Karriere des C 111 als Rekordwagen mit Hubkolbenmotoren. Insgesamt entstehen zwei Version mit Fünfzylinder-Turbodieselmotor (C 111-II D im Jahr 1976 und C 111-III im Jahr 1978) sowie der C 111-IV mit V8-Ottomotor im Jahr 1979. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke im italienischen Nardò stellen die C-111-Rekordfahrzeuge zahlreiche Bestmarken auf, unter anderem den Rundstrecken-Weltrekord mit 403,978 km/h mit dem C111-IV am 5. Mai 1979. Doch mit dem Urmodell hat er optisch nicht mehr viel zu tun (siehe Bild unten).

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Und wie fährt sich ein Wankel-C-111 heute? Leider können wir das nicht sagen. 1989 fanden die letzten Testfahrten statt, dann wurden die Wankelversionen des C 111 eingemottet, um die wenigen noch vorhandenen Kreiskolbenmotoren für die Zukunft zu erhalten. Hinzu kommt, dass es für die intern M 950 genannten Maschinen praktisch keine Ersatzteile gibt. Als Kompromiss machten die Spezialisten von Mercedes-Benz Classic im Jahr 2014 einen dieser Traumsportwagen aus ihrer Sammlung auf andere Art und Weise wieder fahrbereit. Dafür verwendeten sie einen 3,5-Liter-V8-Motor der Baureihe M 116, wie er tausendfach in S-Klasse und SL zum Einsatz kam. Dieser Motor war bereits 1970 zu Vergleichs- und Erprobungszwecken in einem C 111 eingebaut– exakt in dem nun erneut dafür genutzten Fahrzeug.

50 Jahre Mercedes-Benz C 111

Vielleicht gelingt es ja irgendwann, mit Technik aus dem 3D-Drucker einen Schwaben-Wankel wieder ans Laufen zu bekommen. Bis dahin können C-111-Fans auf Bilder und Grafiken der Motoren zurückgreifen. Sie finden sich nicht nur in unserer Bildergalerie, sondern bald auch umfangreich in Buchform.

 

Passend zum Jubiläum wird Ende Oktober 2019 wird das Buch „Mercedes-Benz C 111“ von Hartmut Jundt und Wolfgang Kalbhenn, der einst am C 111 mitgearbeitet hat, erscheinen. Es erzählt auf Basis der umfassenden Originalunterlagen in den Archiven von Mercedes-Benz Classic die Geschichte des Fahrzeugs und der Wankelmotor-Entwicklung bei Mercedes.

Bildergalerie: 50 Jahre Mercedes-Benz C 111