Übelkeit im Auto wird mit Wärmebildkameras und anderer Technik erforscht

Etwa 60 Prozent der Menschen leiden auf langen Fahrten unter der Reisekrankheit. Durch das autonome Fahren wird das Problem noch bedeutsamer, da dann mehr Leute im Auto lesen oder Videos angucken. Der Friedrichshafener Autozulieferer ZF will der Übelkeit im Auto nun mit Künstlicher Intelligenz zu Leibe rücken.

Verursacht wird die auch als Kinetose bekannte Reisekrankheit durch eine Diskrepanz in der Wahrnehmung: Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr fühlt eine Bewegung, die von anderen Sinnesorganen wie den Augen nicht bestätigt wird. Das passiert insbesondere, wenn der Passagier konzentriert auf einen Bildschirm oder ein Buch blickt. Der menschliche Körper reagiert in dieser Situation ähnlich wie auf eine Vergiftung. Die Symptome reichen von leichtem Unwohlsein bis hin zu starker Übelkeit.

Gemeinsam mit Neurotechnologen von der Universität des Saarlandes erforscht ZF, an welchen körperlichen Warnzeichen die Reisekrankheit früh erkannt werden kann. Außerdem interessiert man sich dafür, welche Fahrsituationen dafür verantwortlich sind. Dafür fährt ein Proband im Fond des Motion Sickness Research Vehicle von ZF mit, das zum beispiel einen Slalomparcour absolviert. Die Testperson muss dabei diverse Aufgaben auf einem Tablet lösen. Von Zeit zu Zeit gibt er über eine Gradskala an, wie übel ihm ist. Sicher keine angenehme Aufgabe; wir hoffen, die Person wird gut bezahlt.

ZF will Reisekrankheit mit Künstlicher Intelligenz bekämpfen

Für die Erkennung der Symptome benutzten die Experten anfangs eine Art Haube, mit der Hirnströme gemessen werden können (Bild ganz oben). In den nächsten Schritten will man auf Wearables zurückgreifen, welche die Probanden wie eine Armbanduhr tragen. Der dritte Schritt ist die kontaktlose Messung per Wärmekamera. Sie erfasst nicht nur die Gesichtstemperatur (die bei Reisekrankheit rapide fällt), sondern auch die Mimik der Testpersonen. Anhand dieser Daten kann man dem Fahrer frühzeitig mitteilen, dass es beispielsweise einem Kind auf dem Rücksitz schlecht wird. Dann kann er sein Fahrverhalten anpassen. Bei einem autonomen Fahrzeug könnten die Daten ebenfalls genutzt werden, um die optimale Fahrstrategie festzulegen. 

ZF will Reisekrankheit mit Künstlicher Intelligenz bekämpfen
Eine auf den Probanden gerichtete Kamera detektiert die Gesichtstemperatur, analysiert aber auch die Mimik

Da jeder Mensch anders auf Fahrzeugbewegungen (zum Beispiel Beschleunigungen in x-, y- und z-Richtung) reagiert, gibt es allerdings keine Maßnahmen, die für alle Passagiere passen. Daher soll eine Künstliche Intelligenz feststellen, mit welchen Warnzeichen der einzelne Passagier auf welche Fahrmanöver reagiert. So kann der Fahrstil an die auf einer Fahrt mitreisenden Personen angepasst werden.

Eine andere Möglichkeit zur Vorbeugung gegen die Reisekrankheit wären zum Beispiel optische Signale, die dem Passagier zeigen, in welche Richtung sich das Auto gerade bewegt. So könnten Lichtsignale im Fußraum (und damit im Sichtfeld des lesenden Insassen) dem Passagier einen Anhaltspunkt für die Bewegung des Autos geben und damit der Reisekrankheit entgegenwirken.

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