Wankel-Ikone und Design-Klassiker: Wir fahren die Zukunft von gestern

Wir hier bei Motor1 Deutschland sind nicht nur scharf auf alles, was die Hersteller neu kredenzen oder uns als Neuheit verkaufen. Nein, auch altes Blech bekommt regelmäßig einen Ehrenplatz. Besonders dann, wenn wir Old- oder Youngtimer höchstpersönlich fahren können. Genauer gesagt, meine Wenigkeit. Denn die geschätzen Kollegen sind der Meinung, ich sei dafür besonders prädestiniert. Der "Ikonenbrandt" hätte doch Geschichte studiert, sammelt alte Autoprospekte, würde jeden mit nerdigem Oldtimerwissen nerven und dann noch diese Old-School-Mütze, hieß es. Also fahre ich nun diverses Altblech.

Zu Beginn habe ich eine deutsche Ikone (und meinen persönlichen Liebling) ausgesucht: den NSU Ro 80. Ein Auto, so ungewöhnlich wie jener Mann, der den Motor unter der Haube erdacht hatte: Felix Wankel. Vor vielen Jahren grub ich mich durch seinen immensen schriftlichen Nachlass. Ein irres Leben: 1902 geboren, Schulabbrecher als selbst ernanntes „mathematisches Rindvieh“ (eine Parallele zwischen uns beiden). Und trotzdem Motorenerfinder. Wankels Idee: Warum kann sich beim Viertaktprinzip der Kolben nicht direkt drehen, anstatt den Umweg zur Kurbelwelle über Pleuelstangen zu machen? Weniger ist mehr, findet Felix.

1967 wird seine Motorenrevolution in eine passende Hülle gesteckt. Verantwortlich dafür ist Claus Luthe, der später zu BMW geht und dort Legenden wie den 7er (E32) und den ersten 8er zeichnet. Vor über 50 Jahren wirkte die Form des Ro 80 inmitten der vielen VW Käfer wie pure Science-Fiction. Dazu kam, welche Marke den Ro 80 entwickelte: NSU aus Neckarsulm, einst weltgrößter Motorradhersteller, der nur zehn Jahre vorher wieder mit dem Automobilbau begonnen hatte. In Gestalt des Prinz, einem Kleinstwagen mit Heckmotor für die unteren Ligen.

Und dann das. Stellt euch am besten vor, heute würde Smart eine Oberklasse-Limousine präsentieren. Die Journalisten waren vom Ro 80 begeistert und wählten ihn als ersten deutschen Vertreter zum „Auto des Jahres“. Das Volk eher weniger: 14.150 Mark waren damals Mercedes-Niveau. Zu viel Geld für die NSU-Stammkunden mit ihren Kleinwagen, zu wenig Prestige für Benz- und BMW-Liebhaber.

Sie haben alle etwas verpasst. Ich werde instruiert, die Maschine warmlaufen zu lassen. Durchaus sinnvoll, schließlich starben seinerzeit viele Ro-80-Aggregate einen frühen Tod, weil sie im Kurzstreckenbetrieb verschlissen. Wie passend: Er muss warm werden und du musst mit ihm warm werden. Das geht einfacher als gedacht. Um vom Fleck zu kommen, fasse ich nur den Schalthebel an und schiebe ihn nach hinten. Dort liegt der erste Gang des H-Schemas. Kuppeln wird überflüssig, denn das Ro-80-Getriebe ist eine Halbautomatik. Es ruckt leicht und ich höre den Wankelmotor nicht mehr. Ist er aus? Nein, nur unter 1.000 Umdrehungen gefallen. So leise ist er aber nicht immer: Unter 3.000 Touren vernehme ich ihn deutlich. Erst darüber wird der KKM 612 (so die offizielle Bezeichnung) allmählich zur Turbine. Hinzu kommt eine vorzügliche Straßenlage, wenngleich die Seitenneigung auf unseren Fotos dramatischer aussieht, als sie ist.

NSU Ro 80

„Denk nicht in heutigen Maßstäben!“ hämmere ich mir ein. 1967 lärmten die Autos ihre Fahrer noch voll. Lange Distanzen auf der Autobahn sind die Domäne des Ro 80. Also quasi der TDI der 1960er-Jahre. Nur nicht so sparsam. 11 bis 12 Liter gelten in Fan-Kreisen schon als wenig, in zeitgenössischen Tests wurden 17 Liter als völlig normal bewertet, zumal ein vergleichbarer Mercedes 230 mit Sechszylinder ähnlich trinkfreudig zu Werke ging. 

Kommando der Fotografin: Nimm die Steigung dort! Pustekuchen. Die 115 PS versacken komplett im Wandler. Ich will meinen Freund Ro nicht quälen und rolle langsam rückwärts hinunter. Wie passend: Auch der Ro 80 schaffte es nicht über den Berg. NSU (chronisch in Geldnot) wurde 1969 vom VW-Konzern gekauft. Dort gab es den gleich großen, aber günstigeren Audi 100 mit „normalem“ Motor. (Ihn werden wir in einer späteren Folge dieser Rubrik kennenlernen.) 1977 war nach rund 38.000 gebauten Ro 80 Schluss. Also ein Flop? Jein, denn nicht alle Probleme waren hausgemacht wie die anfänglichen Motorenprobleme im Kurzstreckenbetrieb. Hinzu kamen der immer höhere Preis für einen Ro 80, die Ölkrise 1973 und eine eher sparsame Modellpflege seitens der neuen NSU-Mutter. Letztlich biss sich die Katze in den Schwanz: Ein teures Auto mit zu Unrecht ruiniertem Ruf fand immer weniger Käufer, sodass von Konzernseite her kaum in den Verlustbringer investiert wurde. Dabei hatte man inzwischen sogar einen tollen Wankelmotor im Regal: Den KKM 871, wahlweise auch mit Einspritzung und in Audi-200-Prototypen bis zu 180 PS stark. Das wäre "Vorsprung durch Technik" gewesen. Jener Slogan tauchte übrigens zum ersten Mal in einer Werbung für den NSU Ro 80 auf.

NSU Ro 80

Immerhin lebten Teile des Designs weiter. Vergleicht den Audi 100 C3 von 1982 mit dem Ro 80, dann wisst ihr, was ich meine. Andere Autohersteller mussten übrigens bei NSU ab 1959 eine Lizenz für den damals neuen Wankelmotor kaufen, Felix Wankel verdiente daran kräftig mit. Die Liste war lang: Mazda, Daimler-Benz, GM, Alfa Romeo, Toyota, Citroën und Rolls-Royce, um nur einige Namen zu nennen. Sogar die DDR griff zu, dort liefen flotte Trabis im Versuch. Doch weder in Ost noch in West bekam man den Wankel so richtig in den Griff, Ölkrisen und kritische Finanzabteilungen stellten weitere Sargnägel dar.

Nur bei Mazda konnten sich die kreisenden Kolben durchsetzen. Mit Fleiß und Akribie machten die Männer um den späteren Firmenchef Kenichi Yamamato den Wankelmotor nicht nur zum Bestseller im RX-7, sondern auch 1991 zum Le-Mans-Sieger. (Das Siegerauto, der 787B, steht in Hiroshima. Ansonsten empfehle ich Euch das unglaublich gut bestückte Mazda-Museum in Augsburg.) Aber auch in Japan liegt seit dem Ende des RX-8 im Jahr 2012 der Wankel auf Eis.

Inzwischen bekommt die Wankel-Idee aber wieder Mund-zu-Mund-Beatmung: Audi überraschte zwar 2011 mit einem A1 e-tron, in dessen Heck eine Scheibe wankelte. Aber dort verfolgte man das Konzept nicht weiter. Anders Mazda: 2019 bringen die Japaner ein Elektroauto mit Wankelmotor als Range Extender. Vielleicht wird ja sogar aus der atemberaubenden Studie RX-Vision von 2015 was. Bis dahin spare ich auf den eigenen Ro 80. Absurd teuer sind diese Autos nicht, sehr gute Exemplare bewegen sich bei rund 15.000 Euro. Es wird Zeit für mehr Wankel-Mut ...