650 km/h als Ziel. Vor 80 Jahren!

Mercedes-Benz T 80: Das klingt irgendwie nach einem Panzer. Und die Abmessungen passen dazu: Mit dem über acht Meter langen Rekordwagen wollten sich die Schwaben Ende der 1930er-Jahre den absoluten Geschwindigkeitsrekord holen. Jetzt wurde das originale Fahrgestell von Mercedes für das hauseigene Museum mit einem authentisch rekonstruierten Gitterrohrrahmen und einem Schnittmotor versehen.

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1936: Stuck will es wissen

Das Projekt Mercedes T 80 beginnt 1936, den Anstoß liefert Hans Stuck. Ausgerechnet Stuck, der für den Konkurrenten Auto Union in deren Silberpfeil Rennen fährt, überzeugt den damaligen Mercedes-Boss Wilhelm Kissel. Man kennt sich noch aus den frühen 1930er-Jahren, als Stuck auf dem Mercedes SSK im Motorsport aktiv war. Nicht zuletzt weiß Stuck auch seine Kontakte zur Nazi-Führung zu nutzen. Dort ist man empfänglich für derartige Rekordfahrten, um die Überlegenheit deutscher Technik und die neuen Autobahnen propagandistisch auszuschlachten. Hinzu kommen ganz pragmatische Gründe: Ohne grünes Licht aus dem Reichsluftfahrtministerium darf Mercedes keinen extrastarken Flugzeugmotor in den T 80 bauen. Wie hilfreich, dass Ernst Udet, Chef des Technischen Amtes der Luftwaffe, ein Kumpel von Stuck ist. Zu guter Letzt gelingt Stuck mit der Verpflichtung von Ferdinand Porsche ein echter Coup.

Pläne von Porsche

Die Ziele für den Mercedes T 80 sind ambitioniert, denn britische Piloten schrauben den absoluten Weltrekord immer weiter nach oben: Von 485 km/h im Jahr 1935 über 502 km/h 1937 bis hin zu 595 km/h kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939. Von diesen Entwicklungen ist auch das Projekt T 80 betroffen: Die immer neuen Bestmarken treiben die Anforderungen nach oben und den Zeitplan in die Länge. Ende 1936 rechnet Mercedes-Boss Kissel noch mit einem Termin im Oktober 1937. Im April 1937 hat Porsche in seinem Konstruktionsbüro die Pläne für den T 80 fertig: Drei Achsen und ein mittig hängender Flugmotor mit mindestens 2.200 PS, aber noch besser 2.500 PS. Das aber würde den eigentlich vorgesehenen DB-601-Flugmotor an seine Grenzen bringen. So muss sich Mercedes durch die Luftwaffen-Bürokratie kämpfen, um den noch in der Entwicklung befindlichen, stärkeren DB 603 einbauen zu dürfen.

Aerodynamische Riesen-Flunder

Sehen wir uns den Mercedes T 80 also genauer an. Die Stromlinien-Karosserie (cW-Wert 0,18) ist 8,24 Meter lang und ohne die für mehr Abtrieb (rund 900 Kilogramm) aufsteckbaren Seitenflossen nur 1,74 Meter breit. Aufgrund der geringen Höhe von 1,24 Meter würde Hans Stuck mehr liegen als sitzen. Von den Ingenieuren wird viel Leichtbau betrieben, unter anderem in Gestalt eines nur 124,5 Kilogramm schweren Gitterrohrrahmens. Acht Schnellverschlüsse verbinden die Karosserie mit dem Fahrgestell. Insgesamt beträgt das Trockengewicht ohne Betriebsstoffe und Fahrer knapp 2,9 Tonnen, womit der T 80 nur halb so schwer wie die britische Konkurrenz ist. Konzipiert ist der T 80 als Dreiachser, wobei der Radstand zwischen den beiden Hinterachsen 1,28 Meter beträgt. Jedes der sechs Räder von Continental hat einen Durchmesser von 1,17 Meter und muss weit über 600 km/h aushalten. Auch dieser Punkt verzögert die Entwicklung.

Flugmotor mit 44,5 Liter Hubraum

Beide Hinterachsen des Mercedes T 80 haben unterschiedliche Spurweiten (1,32 und 1,18 Meter). Der Motor ist vor der ersten Hinterachse eingebaut. Bemerkenswert: Zum Stoppen plante man so genannte „Turbobremstrommeln“. Interessant ist auch der Drehzahlangleicher. Das mechanische System wirkt als eine Art prähistorische Antriebsschlupfregelung auf die Hinterachsen. Kernstück des T 80 ist sein Motor, der DB 603. Das 44,5-Liter-Monstrum weist zwölf Zylinder auf und wird später in der Luft bis zu 2.750 PS erreichen. Für den T 80 plant Mercedes aber mit 3.500 bis 3.600 PS. Gestartet wird das Fahrzeug mithilfe eines externen Anlassers am Kupplungsgehäuse.

Der Krieg bringt das Ende

Aber aus dem Weltrekord mit dem T 80 wird nichts. Verschiedene Faktoren sind dafür verantwortlich: Am 28. Januar 1938 stellt Mercedes-Pilot Rudolf Carraciola auf dem W 125 mit 432,7 km/h auf der Autobahn bei Darmstadt einen neuen Weltrekord auf öffentlichen Straßen auf. Doch der Unfalltod seines Auto-Union-Rivalen Bernd Rosemeyer durch eine Windbö am gleichen Tag zeigt die Grenzen der Autobahn als Rekordpiste auf. Zwar schlägt die politische Führung einen Abschnitt zwischen Dessau-Süd und Bitterfeld vor, doch Mercedes sieht die Fahrbedingungen mit den damaligen Längs- und Querfugen auf dem Asphalt kritisch. Noch 1939 ist ein Rekordversuch in den USA im Gespräch. Dort wären die Salzseen ideal für die rund 11,5 Kilometer, die Ferdinand Porsche als Wegstrecke auf Tempo 600 mit 3.000 PS im Rücken errechnet. Letztlich begräbt der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 das T-80-Projekt endgültig. Nun hat Rüstung oberste Priorität und das Reichsluftfahrtministerium fordert den DB-603-Motor zurück.

Restaurierung des Fahrgestells

Im Juni 1940 werden die Reste des T 80 eingelagert. Nach dem Krieg stellte Mercedes den Wagen im Werksmuseum aus, 1986 trennte man Karosserie und Fahrgestell voneinander. Die Karosserie mit Gitterrohrrahmen und Rädern befindet seit 2006 im Neubau des Mercedes-Museums. Dort gesellt sich nun das Fahrgestell mit rekonstruiertem Rohrrahmen und DB-603-Schnittmotor hinzu, um das Innenleben samt komplettem Cockpit zu präsentieren.

Bildergalerie: Mercedes T 80 Rekordwagen