Auto-Professor: Drastische Schritte gegen "Kernschmelze"

Am kommenden Mittwoch, den 2. August steigt im Bundesverkehrsministerium in Berlin der mit Spannung erwartete Diesel-Gipfel. Spitzenvertreter aus Politik, Verbänden und Gewerkschaften sowie die Bosse der der deutschen Autohersteller werden dann um die Sauberkeit und Zukunft des Diesels ringen. Ob aus dem gerade mal zweistündigen Treffen konkrete Lösungen entstehen werden, ist mehr als fraglich. Und ganz grundsätzlich scheinen die Probleme der deutschen Autombilindustrie ohnehin viel tiefer zu liegen. Stichwort: Betrugssoftware und Verdacht auf Kartellvergehen. Der Automobilexperte und Leiter des Center of Automotive Management (CAM) Prof. Dr. Stefan Bratzel, sieht bereits jetzt "eine schwer kontrollierbare Kettenreaktion, die das Image der deutschen Automobilindustrie im In- und Ausland und die Zukunftsfähigkeit der Automobilbranche schwer bedrohen". Bratzel fordert "drastische Schritte von Unternehmen und Politik", um eine Kernschmelze der wichtigen deutschen Industriebranche zu verhindern. Dabei spiegeln die Einschätzungen von Bratzel nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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Laut Bratzel müsse die Automobilindustrie für die Fehler der Vergangenheit und deren Folgen die volle Verantwortung übernehmen. Es brauche eine Anerkennung des schuldhaften Handelns und eine angemessene Wiedergutmachung. Die Kosten einer effektiven Nachrüstung von Dieselfahrzeugen oder eine angemessene Kompensation für entstandene Schäden seien vollständig zu übernehmen. Laut Bratzel sei auch eine Finanzierung der Gesundheitsschutzförderung in Städten denkbar, weil sich die Umrüstung vieler älterer Diesel gar nicht mehr lohne. Ohne derartige Zugeständnisse sei ein Kulturwandel in der Branche nicht möglich. Die Zeiten von geheimen Absprachen, Tricksereien oder Gesetzesbrüchen sollten schon aus Eigeninteresse der Vergangenheit angehören.

Laut Prof. Bratzel ist der Diesel vor allem ein europäisches Phänomen und durch den Abgasskandal auch dort auf dem Rückzug. Es gäbe den sauberen Diesel, allerdings zu deutlichen Mehrkosten. Die Technologie rechne sich verglichen mit Antriebsalternativen künftig immer weniger. Die deutschen Autohersteller sollten ihre Forschungs- und Entwicklungsgelder also weg vom Diesel auf alternative Antriebe wie E-Mobilität fokussieren. Man müsse wieder in die Offensive kommen, um seinen Anspruch als technologisch führende Automobilindustrie zu rechtfertigen. Das bedeute, die Rückstände bei der reinen Elektromobilität – etwa im Vergleich zu Tesla, GM oder chinesischen Herstellern – aufzuholen, aber auch, glaubhaft neue Visionen einer nachhaltigen Mobilität der Zukunft zu entwickeln. Gemeint sind integrierte Mobilitätskonzepte, bei denen das Auto nur ein Teil von vielen ist.

Kooperation zwischen Politik und Autoindustrie sei wichtig, der Anschein von Kumpanei und falscher Rücksichtnahme hingegen fatal. Bisher sei die deutsche Verkehrspolitik in puncto Umweltschutz eher Teil des Problems als Teil der Lösung gewesen. Die Kultur des Wegschauens und Symbolhandelns habe der Autoindustrie sogar stark geschadet. Bratzel sieht die Einführung von gelben und grünen Plaketten als Ressourcenverschwendung ohne praktischen Nutzen für die Luftreinhaltung. Die Einführung einer blauen Plakette für Euro-6-Fahrzeuge lehnt er daher ab, auch weil in der Realität manche Euro-5-Autos weniger Nox ausstoßen würden als manche Euro-6-Autos. Dieselfahrzeuge, die der Euro-6d-Norm entsprechen, seien zwar relativ sauber, aber bislang kaum auf der Straße zu finden. Durch das Nichthandeln der Politik müssten Gerichte de facto politische Entscheidungen treffen, in dem sie Kommunnen zu Fahrverboten zwingen.

Bratzel fordert deshalb die Politik dazu auf, die richtigen Rahmenbedingungen für die Zukunftsfähigkeit der Branche zu setzen und diese dann scharf zu kontrollieren und sanktionieren. So verlangt er strenge Vorgaben für Schadstoff-Grenzwerte statt die Förderung bestimmter Technologien wie Diesel oder E-Mobilität. In Anbetracht einer zunehmend emissionsfreien und intermodalen Mobilitätszukunft erschienen aktuelle politische Vorschläge wie die steuerliche Förderung von neuen Dieselfahrzeugen ausgesprochen rückwärtsgewandt. Stattdessen fordert Bratzel ein Quotensystem für Null-Emissionsfahrzeuge. Ähnlich wie in Kalifornien oder künftig in China soll ein Anteil an Zero-Emission-Fahrzeugen an den Neuzulassungen vorgeschrieben werden. Gleichzeitig verlangt er die Förderung neuer Mobilitätskonzepte wie Car-Sharing oder Car-Pooling bis hin zur testweisen Einführung von Roboter-Taxis in Stadtregionen.

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