Was kann der neue Pick-up? On- und Offroad!

Eigentlich ist Jens Rach ja in der Fahrzeugentwicklung von Mercedes tätig, doch gerade erklärt er mir, dass in dem kleinen See zu unserer Rechten Krokodile unterwegs sein sollen. Wo wir sind? Etwa 40 Kilometer östlich von Kapstadt, Südafrika. Wo es nicht nur jede Menge Weinberge gibt, sondern anscheinend auch wechselwarme Urzeitwesen in Bewässerungsteichen. Mit was wir unterwegs und warum wir überhaupt hier sind? Weil Mercedes hier gestern Abend die neue X-Klasse vorgestellt hat. Und jetzt, nur ein paar Stunden nach der Viel-Tamtam-Premierenveranstaltung, sitze ich schon auf dem Beifahrersitz des neuen Pick-ups. Ob dieser Umstand nun gut oder schlecht ist? Finden wir es heraus ...

Kein Single Cab, bekannter Radstand
Zur Erinnerung: Ja, Mercedes wird ab November 2017 einen neuen Pick-up anbieten, die X-Klasse. Und damit will der Hersteller eine gewisse Premium-Attitüde in das hierzulande noch eher von Handwerkern, Forst- oder Landwirten geprägte Midsize-Pick-up-Segment bringen. Die Fakten: Einzelkabine? Wird es nicht geben. Die X-Klasse wird nur mit vier Türen und fünf Sitzen als Doppelkabine erhältlich sein. Die Abmessungen? 5,34 Meter Länge, 1,92 Meter Breite, 1,82 Meter Höhe. Der Radstand? 3,15 Meter. Die letzte Zahl kommt Ihnen bekannt vor? Gut möglich.

Vierzylinder-Diesel ab sofort, V6 ab 2018
Die X-Klasse ist trotz ihrer eigenständigen und nahezu sickenfreien Optik nämlich ein Produkt der Zusammenarbeit von Renault-Nissan und Mercedes. So kommt es, dass die Marke mit dem Stern den gleichen Leiterrahmen mit Einzelradaufhängung vorne und einer Mehrlenker-Starrachse samt Schraubenfedern nutzt, wie Nissan beim Navara NP300 Double Cab. Unter der Haube arbeiten vorerst 2,3-Liter-Vierzylinder-Diesel mit 163 PS (X 220 d) oder 190 PS (X 250 d) aus dem Nissan-Regal. Mercedessiger im Maschinenraum wird es erst Mitte 2018, wenn ein V6-Diesel mit 258 PS und 550 Newtonmeter Drehmoment als X 350 d eingeführt wird. Im künftigen Topmodell ist eine Siebengang-Automatik Serie, bei dem großen Vierzylinder haben Sie die Wahl zwischen Automatik und einer Sechsgang-Schaltung, der kleine Diesel kommt nur mit manuellem Getriebe. Einen Benziner wird es bei uns nicht geben.

Pragmatismus trifft Premium
Bevor wir uns jetzt aber in Zahlen und Daten verlieren, schnell zurück zu Herrn Rach: Unser Fahrer kennt sich nämlich nicht nur mit der Fauna des südlichen Afrikas aus, er weiß auch ziemlich viel über das Fahrzeug, das er gerade bewegt. Während wir auf freie Bahn auf dem Testparcours warten, ist ein wenig Zeit, um den Innenraum auf mich wirken zu lassen. Rach erklärt, dass wir in der höchsten von drei Ausstattungslinien sitzen. ,Power". Sie kommt mit verstellbaren und sehr bequemen Ledersitzen, einem freistehenden 8,4-Zoll-Display auf dem Armaturenbrett, der gewohnten Mercedes-Infotainment-Steuerung und ziemlich vielen Assistenten … für einen Pick-up. So gibt es beispielsweise einen Spurhalteassistent oder eine 360-Grad-Kamera.

Es geht auf die Rennstrecke ...
Rach schmeißt den Motor an, die Bahn scheint also freigegeben zu sein. Nach einem kurzen Stück Feldweg ändert sich der Fahrbahnbelag schlagartig und wir wechseln auf den perfekten Asphalt eines privaten Rundkurses. Vollgas. Mit einem dezenten Brummen macht der 190-PS-Diesel auf sich aufmerksam. Dämmung kann Mercedes. Zumindest im Gegensatz zu Nissan, denn der baugleiche Motor ist im Navara akustisch deutlich präsenter. Und auch als die Tachonadel nach gefühlten zehn Sekunden die 100-km/h-Marke überwindet, bleiben die Windgeräusche auf einem Minimum in dem geräumigen Inneren.

Nutzfahrzeug mit SUV-Charakter
Die erste Kurve naht und Rach scheint nicht im Traum daran zu denken, die Geschwindigkeit zu verringern. Mit dem Nissan-Pick-up im Hinterkopf erwarte ich starke Wankbewegungen, Untersteuern und quietschende Reifen an der Vorderachse. Vielleicht sogar einen unsanften ESP-Eingriff, der daran erinnert, dass man mit einem Arbeitstier keine Rennen fahren sollte, aber nichts dergleichen passiert. Die 70 Millimeter breitere Spur (gegenüber dem Nissan) und die veränderte Fahrwerksabstimmung scheinen in einer deutlich satteren Straßenlage zu resultieren. Man fühlt sich fast wie in einem GLE. Nur die Mischung aus jeder Menge Hartplastik und Leder, der grobschlächtige Haltegriff an der A-Säule, der große Schaltstock und die manuelle Handbremse erinnern mich hin und wieder daran, dass ich rein theoretisch in einem Fahrzeug sitze, das auf der Europallete-aufnehmenden Ladefläche bis zu 1,0 Tonnen Nutzlast transportieren kann.

Ab ins Gelände ...
Mit einer scharfen Bremsung leitet mein persönlicher Testpilot schlagartig das Ende des Rennstreckenausflugs ein. Das Tempo muss nämlich unter 100 km/h liegen, damit von Hinterrad- auf Allradantrieb umgeschaltet werden kann. Als wir dann zum Stillstand kommen, schaltet Rach die sehr unauffällig arbeitende Siebengang-Automatik auf ,N", aktiviert anschließend die Geländeuntersetzung und sperrt das Hinterachsdifferenzial. Während die X-Klasse nun allerlei Geländehindernisse unter die Räder nehmen muss (die so ein Lifestyle-Pick-up im echten Leben wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen wird), meint Rach, es wäre Zeit für ein paar weitere Zahlen: Bodenfreiheit? 20 Zentimeter (22 Zentimeter mit optionaler Höherlegung). Wattiefe? 60 Zentimeter. Böschungswinkel? 28,8 Grad vorne, 23,8 Grad hinten. Maximale Schräglage? 49,8 Grad. Rampenwinkel? 20,4 Grad. Steigfähigkeit? 100 Prozent. Probleme bei irgendwelchen Hindernissen? Null Komma null. Sie möchten trotzdem lieber einen permanenten Allrad mit dem jeweils passenden Fahrmodi zur jeweiligen Situation? Dann müssen Sie auf den V6-Diesel warten.

Fertigung bei Nissan und der Aufpreis für den Stern
Gefertigt wird die europäische X-Klasse im Nissan-Werk in Barcelona. Die Preise in Deutschland beginnen bei 37.294 Euro. Auf Nachfrage wird mir bestätigt, dass man dafür das 163-PS-Diesel-Modell mit Handschaltung bekommt. In der nackten Handwerker-Ausstattung ,Pure" mit Stahlrädern und unlackierten Stoßfängern. Bei Nissan gibt es ein ähnliches Modell. Für 31.110 Euro. Rund 6.000 Euro Aufpreis verlangt der Hersteller also für die komfortablere Mercedes-Abstimmung und die eigene Optik mit Stern. Ist es das wert? Das müssen Sie entscheiden.

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