Konzeptfahrzeug zeigt neue Design- und Technikwege im Autobau auf

Die Natur als Vorbild für Design und Technik – eine zugegeben nicht ganz neue Idee. Ob Haifisch, Delphin, Raubvogel oder Wassertropfen – so ziemlich alles halbwegs Windschnittige aus der Schöpfung wurde auch zur Formgebung von Autos hergenommen. Das jedoch ausgerechnet der aufgebläht und klobig wirkende Kofferfisch – bereits der Name klingt nach ,unförmig" – als Grundriss für die neue Mercedes-Studie Bionic Car diente, ist wie einiges andere auch an diesem neuen Konzeptauto wirklich ungewöhnlich.

Genialer Entwurf der Natur
Die Bionik versteht sich als interdisziplinäres Forschungsgebiet zwischen Biologie, Ingenieurswissenschaften, der Architektur und der Mathematik. Die noch junge Forschungsrichtung ist verantwortlich für eine Vielzahl erfolgreicher Transfers von natürlichen Vorbildern in die Technikwelt. Erfolge, die Mercedes zum Anlass nahm, in der Natur nach einem ganzheitlichen Ideal für ein Automobil der Zukunft zu suchen. Das natürliche Vorbild sollte zu einem aerodynamischen, sicheren, geräumigen und umweltverträglichen Automobil führen. Dass bei der Suche am Ende der Kofferfisch stand, mag fast wie ein Aprilscherz anmuten. Doch den Forschern war es ernst mit der blechernen Adaption des putzigen Korallenriff-Bewohners. Immerhin sind einige seiner Eigenschaften auch für ein Automobil durchaus wünschenswert. So bewegt sich der kleine Meeresbewohner mit wenig Kraftaufwand durch sein Biotop, ist wendig und sein Körper hält Kollisionen besonders gut stand. Dazu verhilft ihm seine Außenhaut aus sechseckigen Knochenplatten, die einen starren Panzer bilden. Zudem ist sein Äußeres besonders strömungsgünstig, mit Qualitäten nahe dem eines Wassertropfens.

Fantastischer cw-Wert
Deshalb machten sich die Daimler-Chrysler-Forscher zunächst daran, die strömungstechnischen Eigenschaften des Wunderfischs auf ein Automodell zu übertragen. Einem 1:4-Entwurf aus Ton folgte bald das fahrbereite Automobil in Originalgröße. Von der Ideallinie des ersten Modells wich die endgültige Studie jedoch deutlich ab. Am Ende mussten zahlreiche gestalterische Kompromisse gemacht werden, damit ein auch wirklich alltagstaugliches Auto entstehen konnte. Immerhin können im Bionic Car vier Personen sicher und komfortabel reisen, ist das Auto überaus flott unterwegs und bietet dennoch einen geringen Verbrauch. Trotz dieser Konzessionen kann das voll funktionstüchtige Bionic Car mit einem cw-Wert von nur 0,19 beeindrucken. Obwohl beim ersten Anblick der Studie nur wenig an ein normales Auto erinnert, ist das Konzept eigentlich recht klassisch ausgelegt: Der 4,24 Meter lange Zweitürer verfügt über vier Einzelsitze, eine Panorama-Frontscheibe, ein Glasdach und eine große Heckklappe sowie einen sparsamen Dieselmotor.

Starker und sparsamer Diesel
Neben dem aerodynamischen Feinschliff sorgt dieser 140 PS starke Vierzylinder-Turbodieselmotor mit Common-Rail-Direkteinspritzung für viel Durchzug bei wenig Verbrauch. Das 2,6-Liter-Aggregat wurde mit einem stufenlosen Automatik-Getriebe gekoppelt. Mit immerhin 300 Newtonmetern Drehmoment bei bereits 1.600 Umdrehungen soll es in sportwagentauglichen 8,2 Sekunden auf Tempo 100 gehen. Die Höchstgeschwindigkeit gibt Mercedes mit 190 km/h an. Trotz dieser guten Fahrleistungen liegt der durchschnittliche Spritkonsum bei 4,3 Litern auf 100 Kilometer. Bei konstant 90 km/h soll dieser sogar auf 2,8 Liter sinken. Neben günstigen Verbrauchswerten ist das Bionic Car zudem auch bei den Emissionswerten seiner Zeit voraus. Dank Oxidationskatalysator und Partikelfilter werden die Euro-4-Abgaslimits deutlich unterschritten.

Mit Harnstoff gegen Stickoxide
Eine Besonderheit ist die so genannte SCR-Technologie (Selective Catalytic Reduction). Wirklich neu ist dieses Verfahren jedoch nicht. So wird es bereits bei Müllverbrennungsanlagen und in Lkws zur Verringerung von Stickoxiden eingesetzt. Diese Technik wandelt durch die Einspritzung einer wässerigen Harnstofflösung die Stickoxide im Katalysator in Stickstoff und Wasser um. Beim Bionic Car wird so nach Aussage von Mercedes die NOx-Emissionen um 80 Prozent verringert.

Ein Entwurf für die Zukunft?
Das Bionic Car bietet also reichlich zukunftsweisende Technologie und ist dennoch kein fantastisches Automobil ohne jegliche Chance auf Verwirklichung. Zumindest dürfte einiges aus dem Bionic Car auch bald in Serienmodellen von Mercedes zu sehen sein. Lediglich das Design erscheint derzeit noch nicht ganz serientauglich. Zumindest im Augenblick ist der Kofferfisch-Mercedes optisch seiner Zeit noch weit voraus.
(mh)

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