Wir haben für Sie das neue BMW-Testgelände in Nordschweden besucht

Eigentlich wäre der Mond gar kein so schlechter Ort. Zumindest zum Testen künftiger Automodelle hat der Erdentrabant einiges zu bieten: Viel Platz, extrem kaltes Klima und garantiert keine Erlkönig-Jäger mit neugierigen Kameras. Der Mond – für die Geheimniskrämer der Autoindustrie ,the place to be"?

Nur bis ans Ende der Welt
Nein. Realistisch gedacht geht eben kein Weg an Mutter Erde vorbei. Deshalb verkriechen sich die Techniker und Ingenieure der europäischen Hersteller immerhin bis ans Ende der Welt. Das ist übrigens gar nicht so weit weg, wie man meinen könnte: Norrbottens län – die nördlichste Region Schwedens ist nur knapp 2.000 Straßen-Kilometer von Hamburg entfernt. Trotz der relativen Nähe ist dieser Landstrich rund um den Polarkreis eine der am dünnsten besiedeltesten Gegenden Europas: Nur 2,6 Einwohner teilen sich hier einen Quadratkilometer Landmasse. Selbst Island hat eine höhere Bevölkerungsdichte. In Deutschland liegt dieser Wert gar bei 231.

Das Eis trägt Omnibusse
Neben den wenigen Einwohnern schätzen viele Autohersteller außerdem das stabile Klima (Dauerfrost von Oktober bis April) und das damit einhergehende massive Eis auf den zahllosen Seen. Gut 100 Zentimeter dick kann eine speziell von Icemakern präparierte Eisdecke werden. Das ist massiv genug, um sogar Omnibusse zu tragen. Hier finden sich also allein durch das Klima gute Voraussetzungen, das Fahrverhalten künftiger Modelle unter Extrembedingungen zu testen.

BMW testete an zu vielen Orten
So ist in diesem abgeschiedenen Open-Air-Gefrierfach neben Volkswagen, Porsche und Fiat auch BMW seit Jahren präsent. Bisher führten die Münchener Autobauer ihre Testaktivitäten in der skandinavischen Polarregion an vier Standorten im Umkreis von etwa 700 Kilometern durch. Oft musste jedoch kurzfristig ein Erprobungsfahrzeug zu einem weit entfernten Techniker oder umgekehrt. Schlechte Voraussetzungen für schlanke Arbeitsabläufe.

Neues Areal in Arjeplog
Unter anderem deshalb hat BMW zum Ende der Wintertest-Saison 2005/2006 einen neuen Erprobungsstützpunkt nahe des 2.000-Einwohner-Städtchens Arjeplog errichtet. Der Clou: Sämtliche Wintertestaktivitäten der BMW Group (dazu gehören bekanntlich auch die Marken Mini und Rolls-Royce) können hier an einem Ort koordiniert werden. Im Mai 2005 wurde der Grundstein für das Gelände am Kakel-See gelegt. Bereits im November des gleichen Jahres stand die Anlage. Derzeit trifft BMW letzte Vorkehrungen, um im Winter 2006/2007 mit bis zu 200 Ingenieuren und etwa gleichviel Fahrzeugen auf dem neuen Areal und um zu ausgiebig zu testen.

Gekühlt und beheizt: der Asphalt
Die Baukosten für das Gelände beziffert BMW auf 16 Millionen Euro. Und dafür wurden moderne Werkstätten, variabel nutzbare Büroräume, eine Tankstelle, eine Waschhalle sowie Landteststrecken und Steigungshügel gebaut. Teile der Landteststrecken können beheizt oder gekühlt werden. Auf einer Bremsbahn sind so Vergleichsbremsungen auf Eis, Schnee und trockenem Asphalt oder auf Kombinationen dieser Belege möglich. Am Steigungshügel lassen sich zum Beispiel das Traktionsregelsystem DTC oder die Bergabfahrkontrolle HDC testen und abstimmen. Schließlich gibt es vor Ort sogar eine Wasserstoff-Betankungsanlage. BMW will in gar nicht allzu ferner Zukunft Fahrzeuge mit Wasserstoff-Antrieb auf den Markt bringen.

Die große Allrad-Familie wird wachsen
Parallel arbeiten die Ingenieure daran, die verschiedenen Prozesse in ihrer Antriebstechnik besser zu vernetzen und aufeinander abzustimmen. Ein vorrangiges Ziel ist die gleichzeitige Erhöhung von Fahrsicherheit und Fahrspaß. Bereits jetzt hat BMW 21 Allradmodelle, die diesen Kompromiss in beeindruckender Weise umsetzen. Bis 2008 soll die Modellvielfalt in der BMW-Markengruppe noch deutlich wachsen. Und auch die neuen Fahrzeuge sollen zugleich Sicherheit und Agilität auf höchstem Niveau bieten.

Vernetzung ist die Zauberformel
Nach Ansicht von BMW ist vor allem die Vernetzung der verschiedenen Fahrsysteme die Zauberformel zum Freude-am-Fahren-Prinzip. Das heißt, dass einzelne Komponenten bei BMW nicht nur parallel zueinander heranreifen, sie wachsen im permanenten Abgleich zu einer Einheit. Als Ganzes sorgen sie für ein hohes Maß an Dynamik und Sicherheit.

Allrad erweitert den Grenzbereich
Ein Beispiel: So wurde das aktuelle BMW-Allradsystem xDrive mit der Fahrwerkregelung DSC vernetzt. Anhand der DSC-Daten erkennt xDrive beispielsweise frühzeitig eine bei Kurvenfahrten auftretende Tendenz zum Über- oder Untersteuern, also dem drohenden Ausbrechen von Vorder- oder Hinterachse. Doch DSC bremst in dieser Situation das Fahrzeug nicht herunter auf ein stabiles Niveau. Statt dessen wirkt zunächst der Allradantrieb dank der variablen Kraftverteilung zwischen den Achsen dem Unter- oder Übersteuern entgegen. Wer bei einer Kurvendurchfahrt auf glattem Untergrund unterwegs ist, wird von diesen Regeleingriffen erstaunlich wenig spüren. Mit hoher Geschwindigkeit und ohne eine spürbare Tendenz ausbrechen zu wollen, lässt sich ein X3 auf tief verschneiten Straßen sicher und auch flott bewegen.

Mehr Fahrspaß ohne DSC
In Sachen Fahrspaß haben die neuen Allrad-Systeme von BMW aber noch einiges mehr zu bieten. Um ihr volles Potenzial zu erfahren, empfiehlt sich der Praxistest auf den speziell präparierten Pisten auf dem zugefrorenen Kakel-See. Auf den den Eisbahnen kann man dank riesiger Auslaufflächen einfach alles riskieren: Und wer sich näher am Grenzbereich bewegen will, schaltet per Knopfdruck auf das tolerantere DTC um oder nimmt DSC ganz raus. Im normalen Straßenverkehr wäre jetzt höhere Vorsicht angesagt, denn die Haftung kann ohne das aktive DSC abreißen. Dafür ist ein kontrolliertes Sliden und Driften möglich. Doch hierbei ist einerseits Können von Nöten und außerdem eine für den öffentlichen Verkehr gesperrte Strecke – am besten ein zugefrorener See.

Karussel-Feeling pur
Und der Ausritt in einem allradgetriebenen BMW auf dem Kakel-See dürfte für jeden Autofahrer zum absoluten Höhepunkt werden. Die unterschiedlich präparierten Eisflächen – von glatt poliert bis zum Eis mit hohem Reibwert – sorgen für neue Erfahrungshorizonte in Sachen Fahrphysik. Auf Eis mit hohem Reibwert kann man im DTC-Modus in kotrolliertem Dauer-Drift seine Kreise ziehen. Dabei werden zumindest die Mundwinkel des Fahrers zeitweilig von den Gesetzen der Schwerkraft befreit. Doch trotz der komplexen Vernetzung, den schnell reagierenden Regelsystemen und dem intelligenten Allradsystem: Die Gesetze der Fahrphysik kann BMW nur relativieren, jedoch nicht aufheben. Wer mit zu hoher Geschwindigkeit auf glatten Untergrund einen zu engen Kurvenradius wählt, darf erfahren, dass selbst mit eingeschaltetem DSC die Haftung völlig abreißen kann. Dann gibt es Karussel-Feeling pur und es macht sich beim unkontrollierten Schleudern die Erkenntnis breit, dass der Fahrstil von Colt Seavers nicht nur beim Zuschauen auf der Leinwand Spaß macht. Doch das sind Erfahrungshorizonte, die vor allem den Testingenieuren von BMW vorbehalten bleiben.

Richtig heiß auf Eis