Mit AUTO NEWS-Redakteur Oliver Spang unterwegs im Rallye-Auto

Wer ein echter Mann sein will, der muss einmal in seinem Leben ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen, so besagt es eine alte Regel. Alles Quatsch, behaupte ich. Jeder echte Mann muss mindestens einmal in seinem Leben eine Rallye gefahren sein: Einmal Vollgas geben, ohne die Gesetzeshüter fürchten zu müssen, das Auto durch jedes Schlagloch prügeln, das auf der Ideallinie liegt und den hohen Spritpreisen zum Trotz das Gaspedal besonders weit ins Bodenblech drücken, kurz gesagt: Richtig viel Spaß haben!

Unglaublich warm
,Noch zehn Sekunden ..." Ich sitze in der Rallye-Version eines Suzuki Swift Sport am Start der ersten Wertungsprüfung der Rallye Baden Württemberg. Mein Mund ist so trocken, dass meine Zunge beinahe am Gaumen festklebt. ,Noch fünf ..." Zudem ist mir unter der Rennmontur samt Rennanzug, feuerfester Unterwäsche, Handschuhen, Haube und Helm unglaublich warm. ,Vier ..." Mir schießen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Wie geht es nach der Sprungkuppe weiter, die direkt nach dem Start kommt? Was passiert, wenn ich die Karre umschmeiße? Reicht die kurze Eingewöhnungszeit mit dem Rallye-Auto, um nicht sang- und klanglos Letzter zu werden? ,Drei ..." Doch dafür ist es jetzt wirklich zu spät. ,Zwei ..." Ich lasse den Motor aufheulen, um ihn auf Drehzahl zu bringen, alle anderen haben das vor mir auch so gemacht. ,Eins ... und los." Ich lasse die Kupplung schnalzen und wir preschen mit ohrenbetäubendem Quietschen voran. Wir, das sind mein Beifahrer Gerhard Weiss, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, und ich, im normalen Leben Motorjournalist. Er hat die Aufgabe, mir die am Morgen bereits besichtigte Strecke anhand seines Aufschriebs anzukündigen. Was er sagt, wird gemacht, schließlich sitzt er seit 30 Jahren auf dem Beifahrersitz eines Rallye-Autos und ich zum ersten Mal am Steuer.

Nur Fliegen ist schöner
300 Meter nach dem Start wartet die wahrscheinlich spektakulärste Stelle der insgesamt zehn Wertungsprüfungen: die Sprungkuppe. Morgens bei der Besichtigung hatten wir uns darauf geeinigt, dass ich mit Vollgas drüberfahren kann. ,Des geht scho ...," meint Pfluftl, wie ihn seine Rallye-Kollegen aus alten Zeiten nennen. Gesagt, getan. Ohne vom Gas zu gehen, schießen wir über die Kuppe und heben ab. Wir fliegen – so kommt es mir zumindest vor – eine halbe Ewigkeit. Jetzt ist es zu spät, Lenkrad festhalten und hoffen ... Schließlich siegt die Physik und wir landen mit einem lauten, noch lauter als es im Auto ohnehin schon ist, Schlag zuerst auf den Vorderrädern und im Bruchteil einer Sekunde später auf den Hinterrädern. Sofort fängt mein Rallye-Swift durch die etwas unsaubere Landung an, wie wild auf dem schmalen Asphaltband zu tänzeln. Jetzt bloß keinen Fehler machen! Einige hektische Lenkbewegungen später schaffe ich es irgendwie, den 136 PS starken und nur 990 Kilogramm schweren Suzuki wieder einzufangen.

Die erste Etappe ist überstanden
Lange Zeit über den Schrecken nachzudenken, bleibt nicht. Die nächste Kurve fliegt schneller heran als mir lieb ist. Doch auch die schaffen wir und so langsam legt sich die erste Nervosität. Endlich kann ich mich auf das Fahren und die Ansagen meines Beifahrers konzentrieren, mit dem ich mich über Funk verständige. Noch wenige Meter und unser Swift Sport hat zumindest die erste Etappe heil überstanden.


,Rechts 6 über Kuppe voll"
,Die Zeit ist erstmal nebensächlich, wichtig ist zunächst, Erfahrung zu sammeln und das Auto kennen zu lernen," empfahl mir Niki Schelle, der sportliche Leiter des Suzuki Rallye Cup, vor dem Start. Nicht ganz ohne Grund, denn beim Shakedown am Vorabend hatte ich in einer Linkskurve den Bremspunkt verpasst und musste die Strecke auf etwas unsanfte Art und Weise verlassen. Das Ergebnis waren ein Plattfuß und eine demolierte Felge. Damit dies nicht noch einmal geschieht, habe ich mit Gerhard alle Strecken am selben Morgen bereits ausgiebig besichtigt und gemeinsam haben wir unser ,Gebetsbuch" erstellt. Notiert werden darin Entfernungen, Kuppen, Senken, rutschige Stellen auf der Strecke und – ganz wichtig – die Kurvenradien. Eine ,Links 1" steht für eine Spitzkehre nach links, eine ,Rechts 6" ist kaum als Kurve nach rechts zu erkennen und kann in der Regel mit Vollgas befahren werden. Auch das kündigt mir Gerhard mit einem ,voll" rechtzeitig an. Und das meint er dann auch so. Auch wenn wir teilweise mit bis zu 165 km/h unterwegs sind: Wenn ,Pfluftl" sagt, ich kann die Kuppe ,voll" fahren, dann wird das gemacht. Und das, obwohl die Strecke nicht immer zu 100 Prozent einsehbar ist.

Komplett leer geräumt
Mein fahrbarer Untersatz ist ein seriennaher Suzuki Swift Sport. Für den Rallyeeinsatz werden die komplette Innenverkleidung, die rückwärtigen Sitze und die Klimaanlage ausgebaut. Die beiden Fahrersitze sind durch Schalensitze mit Sechspunktgurten ersetzt worden und um die Sicherheit zu erhöhen, wurde ein Überrollkäfig in den Innenraum eingeschweißt. Zudem werden ein höhenverstellbares Sportfahrwerk, eine unglaublich laute Sportauspuffanlage, ein Rallye-Unterfahrschutz sowie spezielle Cup-Sportbremsbeläge verbaut und auf den winzigen 15-Zoll-Alufelgen sind Semislick-Sportreifen aufgezogen. Selbst die im Rallyesport obligatorische Landesflagge mit den Namen der Insassen haben die Suzuki-Schrauber nicht vergessen.


,Des geht scho ...!"
Am meisten beeindruckt mich, wie hoch die Kurvengeschwindigkeiten sind, die der Rallye-Suzuki und die Spezialreifen vertragen. Wo ich im ersten Durchgang noch etwas schüchtern vom Gas ging, ermutigt mich Gerhard in der zweiten Runde: ,Bleib ruhig drauf, des geht scho ...!" Und tatsächlich, er hat recht. Oftmals bin ich wirklich erstaunt, dass wir nicht aus der Kurve fliegen und uns schon mit Höchstgeschwindigkeit der Nächsten nähern. So stellen auch Schlaglöcher, die ich mit meinem eigenen Auto weiträumig umfahren würde, für den kleinen Swift in keinster Weise ein Problem dar. Wie so oft meint Gerhard auf mein Nachfragen nur kurz und trocken: ,Des geht scho ..."

34. von 57 Startern
Nach insgesamt 14 Stunden im Auto, über 300 zurückgelegten Kilometern und etlichen Wartepausen liefere ich den Swift Sport und meinen Beifahrer Gerhard wieder wohl behalten beim Suzuki-Team ab. Schade, ich hätte noch ewig weiter fahren können. Mein Grinsen wird noch breiter, als ich höre, dass ich in der Gesamtwertung 34. von 57 gestarteten Fahrern geworden bin und auf keiner Wertungsprüfung Langsamster war. Selten zuvor habe ich beim Auto fahren so viel Spaß gehabt und ein echter Mann bin ich nun auch. Jetzt brauche ich nur ein eigenes Auto, um bei der nächsten Rallye gleich wieder an den Start zu gehen.

Einziger Rallye-Markencup Deutschlands
Teilnahmeberechtigt am Suzuki Rallye Cup ist nur, wer eine nationale Rennsportlizenz vorweisen kann, die mir Suzuki mit einem vorausgegangenen Lehrgangs-Wochenende spendiert hat. Der einzige Rallye-Markencup Deutschlands umfasst sieben Tourstopps und bietet jungen Nachwuchstalenten die Möglichkeit, sich einen Namen in der Rallye-Szene zu erarbeiten. Der finanzielle Aufwand hält sich hierfür in einem relativ geringen Rahmen. Für eine Saison im Suzuki Rallye Cup werden inklusive Auto etwa 40.000 Euro veranschlagt.

Über Stock und Stein