Einzelheiten vom Vorstandvorsitzenden Dr. Dieter Zetsche

Auf der North American International Autoshow (NAIAS) vom 7. bis 21. Januar 2007 in Detroit positioniert sich die Autoindustrie für die nahe und ferne Zukunft. Wir haben vor Ort an einem Round-Table-Gespräch über Probleme und Pläne bei DaimlerChrysler mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Dieter Zetsche teilgenommen.

?: Herr Dr. Zetsche, wann dürfen wir uns auf den Ocean Drive, das hier in Detroit vorgestellte neue S-Klasse-Cabrio freuen?

Dr. Dieter Zetsche: Erstmal müsste die Frage lauten "ob". Bisher handelt es sich bei diesem Modell ja nur um eine Studie. Natürlich würden wir als Autobauer gerne so ein Fahrzeug herstellen. Aber wir dürfen da nicht nur die Emotionen spielen lassen, am Ende des Tages muss es in der Kasse klingeln. Diese Art von Fahrzeug bedarf relativ hoher Investitionen. Es ist nicht ganz einfach, hier einen Business Case hinzubekommen, bei dem wir Stückzahlen und Preise unter einen Hut kriegen. Insofern sind wir noch ganz am Anfang unserer Entscheidungsfindung.

?: Wie läuft es beim Sanierungsfall Chrysler?

Dr. Dieter Zetsche: Chrysler-Chef Tom LaSorda will 2007 mehr Autos verkaufen als im letzten Jahr. Es ist klar, dass wir bei Chrysler den Fokus darauf legen müssen, wieder Profitabilität zu erlangen. Immerhin ist jedes Auto, das wir verkaufen, im Vergleich zur Konkurrenz mit 1.500 bis 2.000 Dollar für Gesundheits- und Pensionskosten belastet. Im Februar wird ein Recoveryplan vorgelegt, in dem die einzelnen Schritte zur Gesundung von Chrysler genau spezifiziert werden. Dabei steht Chrysler heute schon deutlich besser da als noch vor zehn Jahren. Mit dem PT Cruiser, dem Crossfire und dem 300C haben wir Modelle, die sehr gut im Markt ankommen. Allerdings wurde es versäumt, dieses positive Image auf die Marke Chrysler zu übertragen. Image ist Erfahrung über Zeit. Deshalb müssen wir jetzt erstmal mit guten Produkten einige Zeit durchhalten, bevor die Kunden wieder verstärkt kaufen.

?: Chrysler will jetzt außerhalb Amerikas verstärkt wachsen. Wurde dieses Ziel, auch im Hinblick auf Kooperationen mit chinesischen Herstellern, vielleicht zu spät angegangen?

Dr. Dieter Zetsche: Chrysler ist 2006 in allen Marktregionen gut gewachsen. Wir mussten uns aber in der Vergangenheit darauf konzentrieren, das Kerngeschäft zu verstärken. Die Verluste aus dem internationalen Geschäft waren zu reduzieren. Inzwischen haben wir aber gerade im PKW-Bereich viele Produkte am Start, mit denen wir profitabel wachsen können. Jeep war die erste Marke, die ein Joint Adventure mit einem chinesischen Hersteller eingegangen ist. Seinerzeit wurden aber nur Profite abgeschöpft, nichts wurde reinvestiert. Der Effekt war, dass wir fast pleite waren. Jetzt haben wir die Firma wieder zum Laufen gebracht und erste Projekte in China angestoßen. Zum Beispiel werden wir in Südchina zusammen mit CMC und MGMG den Minivan bauen.

?: Warum stehen die japanischen Hersteller soviel besser da als die amerikanischen Fahrzeugproduzenten?

Dr. Dieter Zetsche: Die Japaner haben einen Super-Job gemacht. Sie haben die Produktivität hoch gebracht und über lange Zeit zuverlässige, hoch qualitative Autos gebaut. Die Amerikaner haben dies lange Zeit versäumt. Chrysler zum Beispiel war im Design schon immer sehr stark, hat stärkere Emotionen um die Autos gebaut als die Japaner. Aber Chrysler hatte die notwendige Zuverlässigkeit nicht. Die langfristige Sicherstellung von Qualität hat bei den Autos gefehlt. Dafür müssen wir heute büßen. Die Fakten haben sich zwar verändert, aber der Glaube daran ist noch nicht da.

?: Wie läuft es denn insgesamt bei Ihren drei amerikanischen Marken?

Dr. Dieter Zetsche: Mit Jeep haben wir historisch eine sehr starke Marke, deren Produkte sehr gut laufen. Der neue Wrangler ist ein Hotseller, komplett ausverkauft. Auch die anderen Jeeps gehen gut. Dodge war traditionell eine Truck-Marke. Das haben wir mit guten Produkten weiter hinterlegt. Gleichzeitig ist es uns gelungen, Dodge auch zur PKW-Marke zu machen. In der Positionierung ist Dodge sportlich, dynamisch und jung. Dodge ist auf gutem Weg in die richtige Richtung. Mit Chrysler haben wir interessanter Weise gute Produkte. PT-Cruiser, Crossfire und 300C haben ein gutes Image. Das Problem ist, dass der Erfolg dieser Nameplates sich nicht auf die Marke übertragen hat. Das ist ein Thema, dem wir uns jetzt stärker hingeben werden.

?: Welches Potenzial hat die Chrysler Group international?

Dr. Dieter Zetsche: Wir glauben, dass wir gute Wachstumsraten realisieren können. Wir verkaufen heute außerhalb der USA rund 550.000 Einheiten, davon allerdings das meiste in Mexiko und Kanada. Außerhalb dieser Märkte verkaufen wir 220.000 Einheiten. Das sind 15 Prozent mehr als im Jahr davor, was eine riesige Steigerung bedeutet. Wenn wir diese Steigerung für drei bis vier Jahre beibehalten, können wir eine Verdopplung des Volumens erzielen. Dies hatten wir uns vor zwei Jahren zum Ziel gesetzt.

?: Was können Sie uns zur Kooperation mit der chinesischen Firma Chery sagen?

Dr. Dieter Zetsche: Wir haben nicht die Möglichkeit, im so genannten B-Segment aus eigener Kraft ein Produkt darzustellen, mit dem wir Geld verdienen können. In den USA gibt es elf Wettbewerber in diesem Segment, davon wird einer in Mexiko produziert, zehn in Asien. Was zeigt, dass nicht nur wir zu der Erkenntnis gekommen sind, dass eine lohnende Produktion in diesem Segment weder in den USA noch in Europa möglich ist. Wir haben also zwei Alternativen: Entweder wir ignorieren diesen Markt, was den Händlern nicht gefallen würde, oder wir suchen uns einen Partner. Auf der Suche waren wir längere Zeit. Wir haben einen gefunden, der in der Lage ist, die Kosten und die Qualität darzustellen, um dieses Segment zu erschließen. Uns geht es nicht darum, nur Steigbügelhalter für bestimmte Projekte zu sein, wir setzen auf eine langfristige Perspektive. Zum Zeitpunkt haben wir zu einem gegenseitigen Verständnis gefunden. Allerdings gibt es einerseits noch keine Entscheidung des Aufsichtsrats, andererseits noch keine abschließenden Unterschriften in China. Somit gibt es zum jetzigen Zeitpunkt auch noch keinen Deal.

?: Die Kohlendioxid-Problematik rückt immer mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Andere Herstellen gehen auf alternative Antriebe. Was macht DaimlerChrysler auf diesem Gebiet?

Dr. Dieter Zetsche: Die USA sind sicher ein Feld, auf dem sich durch Diesel gegenüber Benzin noch 20 Prozent oder mehr einsparen lassen. Ein weiteres Thema ist natürlich das Feld der Biokraftstoffe, was zwar keine Substitution ist, aber immerhin eine bessere Bilanz erzeugen würde. Dann können wir noch mit Gas-to-Liquid einen Betrag leisten, besonders wenn man die Gase, die heute noch abgefackelt werden, verwenden würde. Des Weiteren ist der Hybrid ein Thema. Da sind wir ganz offensichtlich nicht die Ersten, aber wir sind da dran. Wir werden rechtzeitig und in voller Breite da sein. Der Hybrid ist natürlich nicht, so wie er in den USA phasenweise betrachtet wurde, das Allheilmittel, er ist ein Baustein. Neuerdings, zum Beispiel von GM, wird wieder der reine Elektroantrieb hervorgeholt. Dabei fehlt aber der Blick hinter die Steckdose, die Frage, wo der Strom herkommt, bleibt unbeantwortet. Ähnlich ist es beim Thema Wasserstoff, wobei wir davon ausgehen, dass Wasserstoff grundsätzlich verfügbar ist. Wir denken, dass die nötige Effizienz nur mit einer Brennstoffzelle und nicht mit konventioneller Verbrennung von Wasserstoff in einem Motor zu erzielen ist. Wobei die Brennstoffzelle immer weniger ein technisches sondern vielmehr ein wirtschaftliches Problem darstellt, was noch einiges an Arbeit bedeutet.

?: Warum ist BMW in der Bluetec-Allianz von Mercedes, Audi und VW nicht mit von der Partie?

Dr. Dieter Zetsche: Wir haben viel entwickelt, viel kommuniziert und dem Kind einen Namen gegeben. Natürlich haben wir erkannt, dass wir stärker sind, wenn wir gemeinsam antreten. Das haben Volkswagen und Audi angenommen. BMW hat gesagt, dass es ein bisschen früh ist, da jetzt schon zu rasseln. Von unserer Seite ist die Tür offen, von BMW ist das Angebot nicht ausgeschlagen aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht aufgegriffen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass BMW da noch keine endgültige Entscheidung getroffen hat.

?: Wie beurteilen Sie die Entwicklung bei Mercedes?

Dr. Dieter Zetsche: Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung. Wenn wir sehen, was wir vor zwei Jahren für Probleme hatten und im Gegensatz dazu, wo wir jetzt stehen. Der Erfolg der Produkte und das Wachstum sind erfreulich. Der Erfolg gilt für alle Richtungen, wobei besonders die S-Klasse eine Sensation ist und die M-Klasse nur durch die Produktionskapazitäten beschränkt wird. Die neue C-Klasse ist eine große Chance für uns. Insgesamt haben wir vor, in 2007 am Rekordniveau von 2006 anzuknüpfen. Wir sehen positiv und optimistisch in die Zukunft.

?: Herr Dr. Zetsche, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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