Ab dem 19. Mai 2006 locken 160 historische Fahrzeuge die Besucher

Dort thront er, auf einem edlen Podest aus feinstem Stuckmarmor. Über ihm flirren Funken aus Kristallkugeln. Er selbst ist ruhig, mit seinen Gedanken ganz bei sich. Die Glitzerwelt, den Trubel um ihn herum, erträgt er mit der Gelassenheit des Patriarchen. Sein Erbgut steckt in jedem Mercedes dieser Welt. Er, der unanfassbare, unschätzbare und natürlich unverkäufliche, älteste noch erhaltene Mercedes Simplex von 1902. Der antikeste echte Oldtimer der Welt.

Reise mit Pferd
Der Trip in die Vergangenheit beginnt bereits im Aufzug. Nur soviel sei verraten: Am Ende steckt man in einer Pferdeherde. Die retro-futuristischen Fahrstühle scheinen aus dem Film ,Metropolis" zu stammen. Sie sind die Zeitmaschinen, die den Besucher in 45 Sekunden um gut 120 Jahre zurückwerfen. Die Innenflächen dieser Zeitmaschinen sind übrigens auch die einzigen geraden Flächen im gesamten Museumsbau.

Legenden als Vorbild
Guggenheim, Neue Nationalgalerie, Centre Pompidou, diese drei Meilensteine der Architektur standen dem neuen Mercedes-Benz-Museum Pate. Äußerlich spürt man tatsächlich noch die Hintergrundstrahlung des spiralförmigen Guggenheimmuseums in New York. Auch ein nicht ganz so ungewöhnliches Gebäude würde zwischen der ortsüblichen Stuttgarter Industriearchitektur aufblitzen. Aber Daimler-Benz hat es richtig krachen lassen.

Wer hat's erfunden?
Ohne einen Cent Steuergelder wurde die 150-Millionen-Euro-Anlage in der Rekordzeit von 17 Monaten hochgezogen. Die innere Struktur zitiert die Doppelhelix des menschlichen Genoms. Wenn es sich überhaupt ein Unternehmen der Automobilbranche erlauben darf, derart große Glocken zu läuten, dann ist es Daimler-Benz. Sie haben das Automobil erfunden. Die technischen Gene dieses Konzerns gehen am weitesten in der Automobilhistorie zurück. Am Anfang waren sie ganz alleine.


Woher komme ich?
Die Antwort auf die Frage woher wir kommen, kennen wir nicht genau. Ein Mercedes hingegen weiß, wo er herstammt. Dem wird Daimler-Benz mit seinem neuen Museum gerecht. Was mit einer ausgesucht schlichten Skizze begann, ist jetzt ein 47 m hoher Bau mit 1.800 Glasscheiben, von denen keine der anderen gleicht. Auf 38.000 Plänen wurde etwas entworfen, dass die aktuellen Rechenmaschinen an ihre Belastungsgrenze brachte. Sämtliche Wände sind dreidimensional verdreht, die 120.000 Tonnen Beton tragen pro Etage die Last einer sechsspurigen Autobahn. Woanders sorgen Wirbelstürme für Verwüstungen. Im Daimler-Benz-Museum erzeugt eine Turbine im Falle eines Brandes eine 40 m hohe Windhose zur Entrauchung. Dieses System ist so einzigartig, dass es bereits fürs Guinnessbuch der Rekorde angemeldet wurde.

Gesammelte Mythen
Rekordverdächtiges findet man in diesem Areal an jeder Ecke. Die über 160 Fahrzeuge und 1.440 weiteren Exponate verteilen sich auf zwei Gruppen: Die chronologisch geordneten Mythen und die thematisch sortierten Sammlungen. Die Mythen verbergen sich hinter der Glasfensterspirale und untermauern mit jedem Meter den Mythos von Daimler-Benz-Fahrzeugen. Angefangen mit dem ältesten Oldtimer der Welt, über die ersten Autos, die in Motorraum, Fahrgastzelle und Kofferraum aufgeteilt waren bis hin zu ultramodernen Prototypen wird man hier durch die Geschichte geschickt. Die Zeit des Krieges, in der Daimler-Benz unter anderem die auch hier ausgestellten Kompressor-Motoren der Messerschmitt ME 109 produzierte, ist dem geschichtlichen Abschnitt entsprechend sehr dunkel dargestellt. Die Aufbruchjahre danach wirken befreit und hell.

Mythische Sammlungen
Den Standort der Sammlungen erkennt man von außen bereits an der Betonspirale. Wie jedes Detail im Museum, so wurden auch die Sammlungen äußerst liebevoll zusammengestellt. In der Ausstellung über die 50er Jahre stehen die Autos auf Nierentisch-Podesten. Die Wände sind mit Kunstleder bespannt. Die Sicherheits-Galerie wurde mit Leitplanken versehen, als Wandbespannung kam nur Airbagtuch in Frage. In der Promi-Sammlung werden die Autos der Stars selbst zu Showgiganten. Das Papamobil steht dort einträchtig neben dem 91er 500 SL von Lady Di, der 190er von Ringo Star fühlt sich neben dem SL von Hardy Krüger wohl. In der ,Galerie der Helfer" treten endlich die Daimler-Benz-Geräte auf, die sich jeder von uns in Form von Steuergeldern schon mal geleistet hat: Polizei- und Feuerwehrautos, Räumfahrzeuge und viele andere Alltagshelfer.

Wer Wie Was Warum
Sammlungen und Mythen gemeinsam beantworten viele Fragen. Sicher auch Fragen, die man sich noch nie gestellt hat. Wieso konnte Daimler-Benz die Motorisierung der Welt von Frankreich aus betreiben? Warum erfand der Konzern erst das Motorrad, dann das Motorboot und erst dann das Auto? Warum hat das vielleicht schönste Auto aller Zeiten Flügeltüren? Welchen Einfluss hatte der bulgarische König auf praktisch alle Autos der Welt? Warum gab es in einigen Staatskarossen eine Rotlichtlampe? Keine Frage, wenn Sie vorbei kommen, werden Sie es erfahren.

Standdynamik
Eine echte Steilwandkurve holt die lange Rennsporttradition von Daimler-Benz ins Museum. Die auf ihr befestigten originalen Rennwagen werden mit Hilfe von Licht und Sound in Bewegung versetzt. Keine Spur mehr davon, dass Mercedes bereits vor 106 Jahren mit dem Gedanken spielte, aus dem Motorsport auszusteigen.

Seltener Schluss
Am Ende des Rundgangs gibt es noch ein paar Raritäten zu bestaunen. Der viel nachgefragte C111 hat auf einem übergroßen Ventil Platz genommen. Ein wegen des 2. Weltkrieges nie zum Einsatz gekommenes Porsche-Mercedes-Stromlinienauto klebt genauso senkrecht an der Wand wie der Mercedes, der nur 1 Liter auf 1.000 km (ja wirklich, tausend) verbraucht.

Pisa ruft
Auch die Didaktik soll nicht zu kurz kommen. Für Schülergruppen wurden PC-Räume eingerichtet, die sie nach Herzenslust nutzen können. Dort geht der Museumsrundgang virtuell und multimedial weiter.


Wer kommt wann für wie viel rein?
Ab dem 19. Mai 2006 steht das Museum jedem offen. Daimler-Benz hofft auf 750.000 Besucher pro Jahr. Das Museum könnte zwei Millionen verkraften. Wer die maximal fünf Kilometer Weg durch Mythen und Sammlungen spazieren möchte, muss an der Kasse acht Euro abgeben. Dafür bekommt der Interessierte deutlich mehr als er bezahlt. Das Eintrittsgeld deckt noch nicht einmal die laufenden Betriebskosten, so Achim Stejskal von Daimler-Benz. Kinder bis 14 Jahre und Daimler-Benz-Mitarbeiter zahlen nichts. Für Auszubildende, Studenten etc. gibt es Rabatte. 18 gut aufgelegte Führer warten nur darauf, ihr Wissen mit den Besuchern zu teilen. Audio-Guides sind mit acht Sprachen und einem Profil für Kinder ausgerüstet. Öffnungszeiten sind jeden Tag von 9 bis 18 Uhr. Letzter Einlaß ist um 17 Uhr. Montags bleibt das Museum geschlossen. Die Adresse: Mercedes-Benz Museum GmbH, Mercedesstr. 100, 70372 Stuttgart.

Apropos ...
... das schönste Auto aller Zeiten. Eine Lösung dürfen wir Ihnen schon verraten. Der 1955er Mercedes-Benz 300 SL Coupe hatte Flügeltüren, weil ihm als Rennauto ein Rohrrahmen eingezogen wurde. So blieben Flügeltüren die einzige Möglichkeit, den Wagen überhaupt mit Einstiegen zu versehen. Die Form folgte der Funktion und es kam eine atemberaubende Silhouette heraus. So ist das beim Daimler.
(gh)

Mercedes: Heiße Oldies