Für Fans und Selbstabholer lässt BMW einen neuen Marken-Schrein wachsen

Am auffälligsten ist der Doppelkegel, zwei Kegel scheinen mit der Spitze aufeinander zu stehen, auf ihrer Oberfläche rauscht Glas strudelförmig-dramatisch in die Tiefe. Dieser funkelnde Anbau fungiert sowohl als Showroom für Neuheiten und auch als zwölfter Stützpfeiler, leitet 18 Prozent der Dachlast in die bayerische Erde. Tief unten, sechs Meter unter dem Grundwasserspiegel, ruht das durch Pfähle gehaltene Fundament dessen, was als Zentrum der Marke BMW erblühen soll: die neue BMW-Welt.

In der 70er Jahre Olympiawelt
Von außen hat sich BMW da einen dekonstruktivistischen Eyecatcher hingestellt. In direkter Nachbarschaft zum angekratzten Olympiastadion, dem erneuerten BMW-Vierzylinder-Hauptquartier aus dem Jahre 1972 und dem Fernsehturm ist so wohl ein Mekka für Architektur-Interessierte entstanden. Glatte Glasflächen, kaum eine gleicht der anderen, kanten sich um das Gebäude, welches sich mit einem glatten Dach vom Himmel abschneidet. Der besagte Doppelkegel sieht von oben tatsächlich aus wie der kleine Strudel im Badewannenabfluss – von der Schwerkraft an den Boden gefesselt, sehen wir davon allerdings nichts.

Innen funktional
Innen angekommen, kann das Gebäude das von außen gemachte Versprechen von aufregender Dramatik nicht halten. Eine graue große Halle empfängt uns. Die Tatsache, dass hier, wie so oft bei moderner Architektur, ,an die Grenzen des Machbaren" gegangen wurde, bedingt unter anderem, dass zwischen den Stützpfeilern Spannweiten von 80 Metern erzielt wurden. Insgesamt ließen sich mit dem BMW-Welt-Deckel der Markus-Platz in Venedig oder ein Fußballfeld überdachen. Der Innenraum der Glashülle ist so weitläufig, dass alles ein wenig verloren wirkt. Hinzu kommt ausgesuchte Sterilität: Glasflächen, graue Betonflächen und glatte Metallflächen. Laut Professor Wolf D. Prix, mit seinem Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au für den Gebäudeentwurf verantwortlich, soll die neue BMW-Welt wie die Akropolis (welch obszöner Vergleich) ein multifunktionaler Treffpunkt sein, wo auch Konzerte, Theater und Konferenzen stattfinden. Und genau dieser Mehrzweckcharakter kommt ausgesprochen gut zur Geltung.

Von oben schöner
Allerdings wird BMWs neues Refugium mit jedem Schritt nach oben schöner. Frei schwebende Brücken scheinen den Gesetzen der Statik zu trotzen und verbinden über weite Strecken geschwungene Ebenen. Hier oben sind auch die 20 Drehteller und 16 Panorama-Plätze, auf denen begeisterte Selbstabholer-Kunden dann nach einer stundenlangen Zeremonie endlich ihren Wagen abholen können. Laut BMW war dies ein sehnlicher Wunsch der teuren Kundschaft. Rund 450 Euro kostet das Selbstabholen, ob der Wagen auf einem Drehteller rotiert oder vor einer lichtdurchfluteten Panoramascheibe auf seine neuen Fahrer wartet, kann man sich im übrigen aussuchen. Ausgeliefert werden nur BMW-Modelle, Mini und Rolls Royce müssen in Sachen BMW-Welt draußen bleiben. Und den im amerikanischen Spartanburg gebauten X5 gibt es nur für europäische Kunden – Amerikaner müssen auf das Hin- und Hergeschipper ihres X5 zwischen den Kontinenten vernünftiger Weise verzichten.

Brimborium mit schlimmem Ende
Zur Eröffnung des heiligen BMW-Grals schwingt natürlich alles eine Rede, was Rang und Namen hat. Während der BMW-Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer noch launig und erfolgreich die Emotionen um die Marke BMW feiert, kann es sich der frischgebackene bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein bei seinem ersten größeren öffentlichen Auftritt nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass er mit dem BMW-Standort Leipzig ein wenig unglücklich ist – trotzdem verspricht er dem vielleicht wichtigsten Arbeitgeber seines Landes Nachsicht und Ablass in Sachen Kohlendioxid-Obergrenzen für großkalibrige Premium-Fahrzeuge: hemdsärmelige Politik auf Landesebene. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude gönnt sich ebenfalls einen ausgiebigen Showblock und weist darauf hin, dass eine erfolgreiche Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2018 das marode Olympiastadion schräg gegenüber aus dem Reich der Untoten zurückholen würde. Wirklich einen starken Magen brauchen wir, als die Familie Schürf auf einmal die Bühne betritt. Ein unecht und gestelzt wirkendes Muster aus Mann, Frau und kleinem Kind darf im Zuge der ersten Fahrzeugübergabe in der BMW-Welt einen 3er Touring entgegen nehmen. Keine Ahnung, ob es diese Show-Familie aus der Region Traunstein wirklich gibt, aber das extra fürs Töchterchen präsentierte Plastikauto verschwindet wieder im Kofferraum des 318d. Vor amerikanischen Bildschirmen fließen vielleicht Tränen, für einen gesunden europäischen Geschmack ist das eine gefährliche Überdosis Zucker.

Wirklich schöne Seiten
Die BMW-Welt steht ab 19. Oktober 2007 jedem 360 Tage im Jahr offen. Der Eintritt ist frei. Das Schlendern durch die Design- und Technikwelt verläuft kurzweilig und spannend. Die Auto-Achse wirkt verstreut, dafür ist der Junior-Campus richtig gut. Hier werden die lieben Kleinen mit Kreativität unter pädagogischer Anleitung ans Thema Mobilität herangeführt. Am Ende können sie ein kleines Modellauto bauen, die besten ,Prototypen" gondeln ein paar Runden auf einem Förderband durch die Räume. Die exquisite Restaurant-Welt verströmt stylische Lounge-Atmosphäre und wird dem Premium-Anspruch von BMW locker gerecht – wir empfehlen das Restaurant in der dritten Ebene mit Außenterrasse. Von dort hat man einen entspannten Blick auf das alte Olympiastadion.

Erfrischende Roboter-Erlösung
Zur BMW-Welt gehört auch ein Rundgang durchs nahe gelegene BMW-Werk. Hier laufen täglich, von der Stadtbevölkerung weitgehend unbemerkt, 900 BMW 3er vom Band. Die verschlungenen Pfade durch die verschiedenen Fertigungsabschnitte führen jedem plastisch vor Augen, was für eine unglaubliche Bündelung von Hightech-Leistungen in der Produktion eines Fahrzeugs steckt. Ein Roboter greift sich ein 3er-Seitenteil und schwingt es beherzt zu seinen metallenen Kollegen herüber. Diese setzten flugs ein paar Schweißpunkte und geben das Teil dann weiter. Einige der mechanischen Gesellen scheinen aber so zu gucken, als wenn sie gerne die Weltherrschaft übernehmen würden. Die Lackierroboter sind da schon sanfter. Liebevoll fahren sie mit ihren 40.000-U/min-Düsen-Tellern über das Blech und halten sich solidarisch gegenseitig Türen und Kofferraum-Deckel auf. Die paar Meter vom Werk zur Auslieferungs-Show werden die fertigen Fahrzeuge dann übrigens mit dem LKW transportiert. Der Gang durchs Werk ist ein absolutes Muss.

Fazit: Schön Essen und gucken
Die neue BMW-Welt, außen prächtig und innen irgendwie leer, wird sicher diejenigen begeistern, welche ihr teures Auto in großer Show überreicht bekommen wollen. Bis zu 250 Autos können pro Tag übergeben werden. Für alle, die nur mal so vorbeischauen, lohnt es sich ebenfalls: Der Werksrundgang ist ein Erlebnis, und die, natürlich mit Kosten verbundene, Gastronomie ist sowohl von der Lage der Restaurants als auch von der Qualität der Speisen eine Reise wert, BMW rechnet mit 850.000 Besuchern jährlich. Ob diese Massen sich blind vor echtem Fan-Tum mit der Innenarchitektur anfreunden können, wird sich zeigen.

Bildergalerie: Die BMW-Welt ist eröffnet