Wir haben LTI in Coventry bei der Taxi-Produktion über die Schulter geschaut

Die grünliche Presse ist so hoch wie ein zweistöckiges Einfamilienhaus und macht einen riesigen Lärm, selbst wenn sie gerade mal nichts presst. Aber wir stecken in einer schicken Besucher-Jacke und haben eine Schutzbrille auf. In unseren Ohren stecken monströse Ohrstöpsel. Wir sind zu Gast bei LTI (London Taxi International) im englischen Coventry, dem größten Fahrzeugproduzenten, der noch in britischer Hand ist. Nigel Walters, bei LTI zuständig für Überseeaktivitäten – im Falle von Großbritannien also für alle Aktivitäten außerhalb des Heimatlandes – führt uns rührig durch die Manufaktur. Hier wird noch so gut wie alles per Hand gefertigt, und zwar auf alten Maschinen. Nigel gesteht freimütig ein, dass es bei LTI aussieht wie bei anderen Fahrzeugproduzenten vor 30 Jahren. Das ist noch geschmeichelt.

Alles aus einer Hand
Nachdem wir uns ordnungsgemäß angemeldet haben, wandern wir durch ein im Neonlicht schimmerndes Großraumbüro mit Wasserschäden von der Größe eines Fußballplatz-Mittelkreises an Fußboden und Decke. Viele Mitarbeiter sitzen vor klobigen Röhren-Monitoren, bestellen Kleinteile und konstruieren am Taxi rum. Nigel führt uns in einen aus drei ehemals weißen Wänden und einer Glaswand bestehenden Besprechungsraum und erzählt uns, was es mit LTI so auf sich hat.

Seit 1919
Die Wurzeln von LTI reichen bis ins Jahr 1919 zurück. Damals baute die Firma Karosserien für Rolls-Royce und Ford sowie Holzrahmen für alle möglichen Fahrzeuge. Von 1948 bis 1959 wurde das erste Taxi, das FX3 gebaut. Dann kam ein einzigartiger Dauerläufer: Das FX4 tuckerte von 1959 bis 1989 sage und schreibe 30 Jahre aus den Werkshallen. Noch unter dem Namen Fairway lief dann bis 1997 ein weiteres Modell vom Band, bevor mit dem LTI TX1 die Neuzeit und ein kürzerer Modellzyklus begannen. Von 2002 bis 2006 gab es das TX2 und im Oktober 2006 war es endlich soweit: Das TX4 wurde geboren. Ein neuer, Euro-4 tauglicher Motor und ein ABS sind die Innovationen dieses jüngsten Sprosses der Taxibauer. Ein TX3 gab es nicht, das Neue hieß gleich TX4 – eine Hommage an das legendäre FX4 und ein Hinweis auf den Stolz über das Erfüllen der Euro-4-Norm.

China macht mit
3.000 Taxis gehen von Coventry aus jedes Jahr in die Welt. Der Löwenanteil verbleibt auf dem heimischen Markt, irgendwie müssen die 20.000 LTI-Taxis allein in London ja zusammenkommen. Exportiert wird am meisten nach Südafrika. In Europa nehmen die Italiener gerne das eine oder andere London-Taxi ab, schon allein weil der Motor von VM aus Italien kommt. Selbst nach Island, Japan und Uruguay wandern die urigen Gefährte. Insgesamt stehen 35 Länder auf der Exportliste. Um auch auf dem chinesischen Markt präsent zu sein, hat sich LTI einen Partner vor Ort gesucht. Mit der Zhejiang Geely Holding Group (kurz: Geely) wurde ein 79-Millionen-Euro-Joint-Adventure eingegangen, um das London-Taxi in seiner Kultfarbe schwarz in Shanghai für China zu produzieren. 20.000 Taxis sollen erstmal hergestellt werden und LTI behält sich die Möglichkeit vor, einzelne Komponenten für die Produktion in Coventry vom chinesischen Partner zu beziehen.

Es geht noch mehr
Heute gehört LTI zu Manganese Bronze, einer Firma, die seit 1899 Schriffsschrauben und anderes nautisches Zubehör entwickelt und produziert. An der Börse legte LTI 2006 eine atemberaubende Performance hin, war einer der besten englischen Aktienwerte überhaupt. Die 400 Mitarbeiter der Manufaktur in Coventry freut das natürlich, und sie könnten noch ein paar mehr TX4 herstellen. Zurzeit läuft der Betrieb in einer beschaulichen Viertage-Woche, ungefähr alle halbe Stunde wird ein Taxi fertig (16 bis 18 pro Tag) und um 16:30 Uhr ist Feierabend. Sollte der Bedarf steigen, könnte die Produktion durch längere Arbeitszeiten auf bis zu 10.000 Stück hochgefahren werden – allerdings ist den Arbeitern klar, dass sie dann erheblich mehr knuffen müssten. Am Ende unseres Besuches verstehen wir, dass hier eine eingeschworene Truppe mit viel Liebe zu ihrem Produkt das traditionelle London-Taxi in die Moderne führt. Die Firma steckt ihr Geld in die Weiterentwicklung des Fahrzeugs, nicht in die Ausstaffierung ihrer Büros. Man kann den sympathischen Jungs von LTI nur weiterhin viel Erfolg wünschen.

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