Wir sind eine Etappe des härtesten Offroad-Rennens gefahren

Das Innere meines Porsche Cayenne ist mit schwarzem Klebeband gepflastert. Klebeband, das die Wunden verschließt, die der russische Zoll gerissen hat. Navigationsgeräte und Musikanlagen lassen die Beamten mit Vorliebe mitgehen. Und damit sie überhaupt ihre Arbeit aufnehmen, sind vierstellige Euro-Summen an Schmiergeld fällig. Meine Angst, dass mir am Moskauer Flughafen von überall lauernden Dieben was gestohlen wird, erweist sich hingegen als unbegründet – ganz davon abgesehen, dass mir meine Wertsachen vor einer Woche in Mecklenburg-Vorpommern geklaut wurden. Ansonsten entpuppt sich der Moskauer zumindest am Airport als eher unangenehme Type. Bestellen wir an einem Ende einer vier Meter langen Bar eine Cola, wird sie uns vom Barkeeper am anderen Ende serviert. Andere Mitarbeiter geben sich ähnlich servicefreundlich, sodass wir froh sind, als unsere Aeroflot-Nord-Maschine Richtung Omsk abhebt. Omsk, komplett ab vom Schuss, mitten in Sibirien.

Omsk: total anders
Das rostige Eisentor scheint sich aus der Zarenzeit herübergerettet zu haben. Gelangweilt quietschend wird es von zwei Polizisten aufgedrückt. Dann laufen wir direkt von der Rollbahn in die Stadt. Erwartet werden wir von einem Taxifahrer, der uns zu seinem weißen Wolga führt. Die Hälfte des Kofferraums ist mit einer monströsen Bass-Box ausgefüllt, deren billiges Scheppern uns die nächsten 30 Minuten begleiten wird. Anschnallgurte im Fond sind serienmäßig nicht vorgesehen und der facettenreich gesprungene Rückspiegel ist so breit wie das ganze Land. Der Fahrer ist genauso wie alle Leute hier: entspannt, freundlich und zuvorkommend. Ein paar tausend Kilometer entfernt von der kaum noch bezahlbaren Business-Stadt Moskau breitet sich hier südländisches Flair aus. Der über 4.000 Kilometer lange Irtysch fließt durch die sibirische Metropole. Die aufgeschütteten Sandstrände nutzt der Omsker ausgiebig zum Sonnen und Badengehen. Und viele Menschen sprechen uns in geschliffenem Deutsch an, wollen mehr über die Transsyberia und unsere Autos wissen. Und genau diese Rallye steht für uns als Etappe Omsk – Nowosibirsk auf dem Programm.

130.000 Euro abgebrannt
Abends um 23:00 Uhr ist Team-Briefing. Der Cayenne des englischen Teams ist komplett ausgebrannt, keiner weiß warum. Fahrer Martin Rowe und Beifahrer Richard Tuthill können sich und ihr Gepäck retten. Tuthill bemerkt im letzten Moment, dass seine geliebte Digitalkamera mit vielen privaten Erinnerungsbildern auf dem Beifahrersitz liegt. Rowe kann ihn nur mit Mühe davon abhalten, nochmal in die jetzt hoch lodernden Flammen zu rennen. Es dauert Stunden, bis das 130.000 Euro-Auto ausgebrannt ist, zurück bleibt ein Haufen verzundertes Blech. Zwischendurch kommt ein Russe mit seinem UAZ-Geländewagen vorbei und fragt belustigt: ,Do you need fire?" Beim Briefing quittiert Event-Veranstalter Richard Schalber den Schaden mit den Worten: ,Der Wagen mit der Nummer neun ist heute abgebrannt. Das war's, ich hoffe wir sehen uns das nächste Mal wieder." Selbst die in britischem Humor und Selbstironie geübten Engländer gucken jetzt ziemlich fertig aus der Wäsche und müssen mit einem Gefühl der Hilflosigkeit die Besprechung für die nächste Etappe über sich ergehen lassen.

Der Tag hat 23 Stunden
Das Briefing ist kurz vor 00:00 Uhr zu Ende und morgens um halb sieben werden schon wieder die Autos beladen. Fünf Stunden Schlaf pro Nacht sind maximal für einen Transsyberia-Teilnehmer drin. Beinahe jeden Tag verlieren wir eine Stunde – die Zeitverschiebung ist einer unserer Feinde. Omsk liegt der deutschen Zeit beispielsweise fünf Stunden voraus. Trotzdem: Die Fahrer wirken fit und munter. Sie bepacken ihre Wagen und machen sich auf den Weg nach Sibiriens größter Stadt: Novosibirsk. Wer es sich leisten kann, hat die Service-Teams gebucht. Porsches, die abends noch arg mitgenommen von zu schnellen Wassereinfahrten und versteckten Pisten-Löchern aussehen, sind am nächsten Morgen wieder fit. Die Mechaniker arbeiten die ganze Nacht und wechseln sich am Tag während der Fahrt mit dem Schlafen ab. Trotzdem hat manch Fahrer in seinem übersteigerten Ehrgeiz Grund zum Meckern, was bei einem übernächtigten Mechaniker gar nicht gut ankommt. Die kleinen Teams, wie zum Beispiel das Poker-Team mit seinem kurzen Defender, müssen alles selber machen – und sind trotzdem gut aufgelegt.

Vorbei am Fisch zur Wertungsprüfung
Die Wertungsprüfung erreichen wir erst nach 600 Kilometer, kurz vor Novosibirsk. Bis dahin heißt es, heil und fix über die Landstraße zu kommen. 100 km/h sind erlaubt, aber hier rasen alle mindestens 150 km/h. Nur bei den regelmäßig auftauchenden Polizeistationen wird kurz abgebremst. Jeder Lada, Wolga oder Moskwitsch scheint bei einem einzigen Gasstoß mehr Ruß und Gift auszustoßen, als der gesamte Transsyberia-Troß in 14 Tagen. Ganz zu schweigen von den archaischen Lkws, die für die Versorgung der abgelegenen Siedlungen zuständig sind – deren Schornsteine bringen Vulkane zum Weinen. Gut, ein Liter Super kostet hier gerade mal 80 Cent. Die rissige Piste ist gesäumt von Sümpfen, Seen und Birkenwäldchen. Immer wieder starren uns tote Baumgruppen an, die gespenstisch-weißen Stämme ragen aus dem sattgrünen Gras wie gebleichte Knochen. Ab und zu stehen Straßenhändler am Rand, bieten gut riechenden Räucherfisch an, der in großen Stapeln auf Holztischen oder Motorhauben stundenlang in der Sonne liegt. Und plötzlich biegen wir ab, ein kaum wahrnehmbarer Feldweg führt uns in die Pampa, zum Start der Wertungsprüfung.

Navigieren bei 60 oder 180 km/h?
Es geht los. Das Gras auf den Wegen ist 1,20 Meter hoch, überall verstecken sich tiefe Rillen, große Löcher reißen ihren Schlund auf. Wer hier zu schnell reinfährt, wird entweder ordentlich durchgeschüttelt oder überschlägt sich. Dazu der Staub vom Vordermann, in den die Sonne reinprallt. Ein halber Meter Sicht ist nichts für uns, wir bremsen ab und warten, bis wir einen freien Blick haben. 60 km/h – schneller trauen wir uns nicht voran. Auf Ketten laufende Traktoren und alte Ladas nutzen die ehemaligen Kolchose-Wege auch, aber mit Schrittgeschwindigkeit. Ex-Rallye-Europameister und Porsche-Fahrer Armin Schwarz sagt uns beim Abendessen: ,Ich bin teilweise 180 gefahren". Er hat die mit Abstand beste Zeit hingelegt, für uns wird dieses Könnertum immer ein Rätsel bleiben. Zumal der Beifahrer bei diesen Geschwindigkeiten die versteckten Abbiegungen finden muss. Erfahrung und Überblick sind hier unverzichtbar.

Brutale Angriffe
Es ist nicht so, dass es in Sibirien abseits der Asphalt-Straße kein Leben mehr gibt. Bis 35 km/h halten sie mit, die Kolobri-großen Bremsen-Wesen, schweben arrogant vor unserer Frontscheibe, fliegen rückwärts und wetzen dabei ihre Beiß- und Stichwerkzeuge. Unser Cayenne ist mit einer zusammenhängenden Schicht Fliegenkadaver überzogen, was ihn für das geflügelte Insekten-Getier unwiderstehlich macht. Zum Fotografieren müssen wir austeigen, jede freie Stelle unserer Körper ist mit Insekten-Spray eingedieselt. Aber das hilft nur ganz kurz, nach 30 Sekunden sind wir Freiwild und flüchten vor den Angriffen der Übermacht zurück in die Fahrzeuge. Trotzdem erwischt mich so ein verdammtes Vieh an der rechten Wange – die Zwei-Euro-Stück-große Schwellung klingt in den folgenden Tagen nur langsam ab. So gewinnt jedes Bild, was wir von vorbeirasenden Wagen schießen, einen ganz besonderen Wert für uns.

Suzuki super, Italien will zuviel
Die 78 Kilometer lange High-Speed-Prüfung kann Armin Schwarz für sich entscheiden. Aber ebenfalls supergut: Suzuki. Die beiden dreitürigen Grand Vitara mit Melina Frey und Alexandra Hahn sowie Andreas Kramer und Kurt Ettenberger fahren hintereinander ein großes Rennen, machen etliche Plätze gut. Ganz anders als die Italiener Antonio Tognana und Carlo Cassina. Mit ihrem Porsche Cayenne S Transsyberia rasen sie in die Staubwolke ihres Vordermanns, bemerken die Bodenwelle erst beim Abflug und legen eine unkontrollierte Landung hin. Der robuste Wagen bleibt weitestgehend intakt, aber Tognana bricht sich einen Wirbel. Er hat riesiges Glück, kann sich komplett bewegen und wird umgehend zu einer italienischen Spezialklinik ausgeflogen. Aus dem Sanitätsteam hören wir den Verdacht, dass sich Tagnana hätte fester anschnallen müssen, dann wäre er unverletzt geblieben. Vollprofi Armin Schwarz sagt uns: ,Ich ziehe während eines Rennens mehrfach meine Gurte nach."

Nix Kindergarten
Porsche hat die Transsyberia 2006 für sich entdeckt, als Cayenne-Entwicklungschef Rolf Kern privat an der Rallye teilnahm. Sofort war man sich in Zuffenhausen einig, dass dieses Härte-Rennen perfekt geeignet ist, um zu beweisen, dass ein Cayenne nicht nur zum Brötchenholen oder Kinder-am-Kindergarten-absetzen taugt. Und nicht nur die speziell für die Rallye modifizierten Transsyberia-Modelle nehmen teil. Auch ein polnisches Team hat einen Cayenne dabei – aufwendig umgebaut mit Karbon-Außenspiegeln und Alcantara-Innenbezug. Lukasz Komornicki und Rafal Marton liefern ein gutes Rennen ab und haben sogar ihren eigenen Service-Wagen dabei, der auch mal anderen Teams Zuhilfe eilt. Und zu diesen anderen kleinen Teams zählt auch das JoeVito-Team von Panos Meyer und Birger Veit, die nur auf Grund von doppeltem Poker-Glück mit von der Partie sind.

Die Kleinen sind die Großen
Meyer und Veit vertrauen auf ihren Land Rover Defender Baujahr 2001. Als Panos 2007 etwas über die Transsyberia liest, ist es um ihn geschehen: Er will mitfahren. Sofort fragt er seinen Kumpel Birger, ob er mitmacht. Der sagt ohne Umschweife ,ja". Die beiden haben weder Kohle, noch ein Auto noch jemals irgendeine Rallye gefahren. Birger kennt sich ein bisschen mit Pokern aus und versucht sein Glück. Auf einmal hat er die Chance, 10.000 Euro zu kassieren – alles oder nichts, er probiert es – und gewinnt. Dann sitzt er an der Bar und erzählt von seinem Vorhaben. Dies bekommt der Chef der Pokerrunde mit und ist umgehend bereit, das gerade entstandene Team zu sponsern. Mit einem Etat von 50.000 Euro wird einem Förster vom Starnberger See ein gut gepflegter Landy abgekauft und auf FIA-Standard gebracht. Jetzt wühlen sich die sympathischen Jungs durch den sibirischen Schlamm. ,Am Anfang waren wir verkrampft, und machten Fehler" sagt Meyer, ,Aber seit wir vollkommen locker an die Sache gehen, läuft alles wie geschmiert". Zwei Reservereifen müssen den beiden reichen, Reparaturen machen sie selbst. Für die Mongolei haben sie sich klugerweise vorsichtiges Fahren vorgenommen – wir wünschen viel Glück.

Immer bei Laune bleiben
Die Teams, die auf einen Porsche Cayenne vertrauen, fahren ausschließlich mit, um zu gewinnen. Der Wagen ist zäh, geländegängig und ausgesprochen schnell. Wird ein Reifen zerfetzt, stehen pro Team 30 Ersatzpneus bereit, nichts wird dem Zufall überlassen. So wundert es nicht, dass auf den Plätzen eins bis neun ausschließlich Porsche Cayenne S Transsyberia anzutreffen sind. Gute Autos und gute Fahrer, wobei Zweitere höchstens an sich selbst scheitern, wenn Ehrgeiz und Übermut die Oberhand gewinnen. Andi Schulz, einer der besten Beifahrer der Welt und Navigator von Armin Schwarz, sagt es so: ,Als wir uns 50 Kilometer verfahren hatten, haben wir uns davon nicht die Stimmung vermiesen lassen. Wir sprechen einfach nicht mehr darüber. So macht das Rennen immer noch Spaß."

Jetzt wird gecampt
Nowosibirsk ist der vorerst letzte Ort, an dem die Transsyberia-Fahrer ein festes Dach über dem Kopf haben. Die siebte Etappe nach Kosh Agash an der mongolischen Grenze bedeutet den Abschied von der Zivilisation. Und diese Etappe wird ohne Wertung gefahren, da wegen des Unfalls der Italiener nur ein Rettungswagen zur Verfügung steht – das Team des anderen Rot-Kreuz-Wagens begleitet den verletzten Tagnana. Sobald wieder um Sekunden gekämpft wird, halten wir Sie aktuell auf dem Laufenden.

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