Erstmals gefahren: Prototypen BMW X1, X6 Hybrid und 7er Allrad

,Hundertvierzig, hundertsechszig, hundertachtzig" – wir jagen mit 180 Sachen im 407 PS starken BMW X6 über eine schnee- und eisbedeckte Piste am finnischen Polarkreis. Am Steuer: Rallye-Legende Rauno Aaltonen im Auftrag von BMW. Während Aaltonen 400 Meter vor der nächsten Kurve eine Vollbremsung einleitet, plaudert der ehemalige Rallye-Monte-Carlo-Sieger wie beiläufig von den Besonderheiten des Fahrzeugs, das er natürlich mit abgeschalteter Traktionskontrolle bewegt: ,Das geht schneller und ermöglicht schöne Drifts." Und der 70-jährige Altmeister lobt die Strecke, das Arctic Driving Center. Es gehört einem Bekannten von ihm und liegt wenige Kilometer von der finnischen Stadt Rovaniemi entfernt, der Heimat von Santa Claus. Der ist natürlich auch ein Bekannter von Aaltonen, wir werden ihn noch kennen lernen.

Alle wollen zu Santa Claus
Und so hat nicht nur BMW einige Ingenieure, Mitarbeiter der Presseabteilung, Helfer und uns Journalisten nach Rovaniemi eingeflogen. Unzählige vornehmlich britische und italienische Eltern sind mit Ihren Kleinkindern gekommen, die nicht nur den Frühstücksraum in unserem Hotel (,Santa Claus") unsicher machen, sondern die dem Weihnachtsmann allesamt auch noch in seiner bunt beleuchteten ,Arctic Station" auf die Pelle rücken werden.

Jubiläum: Zehn Jahre BMW X5
Zehn Jahre BMW X5, das ist der Anlass für unsere vorweihnachtliche Reise ins Land der Rentiere. Das muss gefeiert werden, schließlich hat das sportliche SUV eine neue Ära von Geländewagen eingeleitet und über den kleineren und ebenso erfolgreichen X3 auch Modellen wie dem derzeitigen Verkaufshit Tiguan von VW den Weg bereitet. Dem hat BMW noch nichts entgegenzusetzen. Doch nicht mehr lange: Im Herbst 2009 wird der X1 auf den Markt kommen, um in der kleinen SUV-Klasse wiederum Zeichen zu setzen.

Mit Folie getarnt: X1 Prototyp
Die Münchener haben ein noch getarntes X1-Erprobungsmodell mitgebracht, mit dem wir einige Runden auf dem abgesperrten Testgelände drehen dürfen. Auf dem Autotransporter waren weitere Highlights, die im Herbst 2009 auf den Markt kommen werden: die Luxuslimousine 7er mit Allradantrieb, das SUV-Coupé X6 Hybrid und der 320d Touring xDrive, der ab sofort bei den Händlern steht. Zum Vergleich sind außerdem einige X3-, X5- und X6-Modelle dabei.

Zur IAA 2009 ohne Tarnung
Spätestens Mitte September 2009 auf der Frankfurter Messe IAA wird der X1 ohne Tarnfolie zu sehen sein. Ab Oktober 2009 wird er bei den BMW-Händlern stehen. Wegen der Tarnung sind die Proportionen schlecht einzuschätzen. Der X1 ist vielleicht flach, aber trotzdem groß: Immerhin 4,46 Meter misst er in der Länge – das sind nur elf Zentimeter weniger, als der X3 lang ist. Der X1-Radstand ist gegenüber dem BMW 1er verlängert und wird mit 2,76 Meter auch den des Hauptkonkurrenten VW Tiguan (2,60 Meter) deutlich übertreffen.

Geräumiger Innenraum
Innen zeigt sich der X1 fast so geräumig wie der X3 – nur der Freiraum über dem Kopf ist nicht ganz so fürstlich. Die Armaturen und Türverkleidungen sind mit schwarzem Tuch abgedeckt. Wir dürfen aber drunter schauen und finden das gewohnte BMW-Ambiente – mit iDrive-Controller aus dem neuen 7er. Als Studie BMW Concept X1 wurde das Fahrzeug erstmals im Herbst 2008 auf dem Pariser Autosalon gezeigt und der fertige Wagen wird sich nur in kleinen Details von der Studie unterscheiden, was man auch in unserer Bildergalerie sieht. Der X1 wird also ausnehmend hübsch werden.

X1-Prototyp mit sechs Zylindern
Wir lassen den Motor des Erprobungsfahrzeugs an. Es ist mit dem bekannten Dreiliter-Sechszylinder von BMW ausgestattet – aus dem Auspuff kommt ein brabbelnder Sound, fast wie von einem Achtzylinder. Genaue Leistungsdaten wollten uns die BMW-Ingenieure noch nicht verraten: Doch egal, ob mit 265 PS wie im 1er oder 272 PS wie im X3, aber in beiden Fällen mit 315 Newtonmeter: Der kleine Geländewagen erweist sich als wahre Rakete. Das Allradsystem des X1 entstammt dem BMW 3er und ermöglicht auch auf Schnee und Eis ein sehr zügiges Fortkommen. Das System ist weitgehend fertig entwickelt, lediglich an der Feinabstimmung wird noch gearbeitet.

Handlicher Fahrspaß
Und so zeigt sich der kompakte und recht leichte X1 äußerst handlich und bietet jede Menge Fahrspaß. Im direkten Vergleich mit dem auch schon sportlichen X3 ist der flachere X1 noch agiler zu bewegen. Auf dem Handlingparcours können wir es auch mit halb abgeschalteter Dynamischer Stabilitäts Control (DSC) richtig krachen lassen: Wir haben jetzt mehr Schlupf an den Rädern, da die Regelsysteme später einbremsen. Das bedeutet speziell bei Schnee, dass wir schnellere Kurvengeschwindigkeiten erreichen, aber auch besser aufpassen müssen, damit das Heck nicht herumkommt. Doch der X1 scheint jetzt schon recht perfekt abgestimmt und lässt sich sehr gutmütig bewegen.

Preise ab 27.000 Euro?
Zum Marktstart des X1 wird es bekannte BMW-Motorenkost geben: bei den Benzinern den 170 PS starken xDrive 20i und den von uns erprobten xDrive 30i. Die Vierzylinderdiesel xDrive 20d und 23d kommen wie gehabt mit 177 und 204 PS. Und wie üblich lassen die 143 PS starken preiswerten Einstiegsmodelle xDrive 18i und 18d zunächst noch auf sich warten. Zu den Preisen wollte man sich offiziell nicht äußern, aber wenn wir den Allradaufpreis vom 3er in Höhe von 2.600 Euro mit dem Preis des fünftürigen 118i kombinieren, landen wir bei knapp unter 27.000 Euro für den X1 xDrive 18i. Mit dem soeben vorgestellten Z4 hat BMW ja auch die Bezeichnung ,sDrive" für heckgetriebene Fahrzeuge eingeführt. Ob es den X1 auch als ,sDrive" geben wird, ist noch offen, aber angesichts der Konkurrenzangebote recht wahrscheinlich.

Starkes Stück: X6 xDrive 50i Hybrid
Wir wechseln das Fahrzeug und steigen in den X6 Hybrid ein. Allerdings müssen wir hier hinten Platz nehmen. Wir werden gefahren und können die Bildschirmanzeige des Messcomputers beobachten, der anstelle des Beifahrersitzes fest montiert ist und auch Überschläge überstehen muss, ohne den Passagieren um die Ohren zu fliegen. Obwohl das Basisauto, der X6 xDrive 50i, ganze 2,3 Tonnen wiegt, ist das SUV-Coupé handlich wie kein anderer Geländewagen. Der Grund ist die besondere Fahrwerkstechnik ,Dynamic Performance Control", bei der die Hinterräder einzeln abgebremst und sogar beschleunigt werden können. Unser X6-Prototyp verfügt zusätzlich zum 407-PS-V8 über zwei Elektromotoren, einen Batteriesatz, Kabel und ein Steuergerät.

Hybrid-Gemeinschaftsentwicklung
Das Ergebnis der Hybrid-Gemeinschaftsentwicklung mit Mercedes und General Motors wird von BMW zuerst in das Achtzylinder-Topmodell des X6 eingebaut. Das Serienmodell soll Ende 2009 vorgestellt werden. Ein 7er-Hybrid folgt. Unser Vorserienmodell ist noch mit matten Farbstreifen getarnt. Bleiben wird die Erhöhung in der Motorhaube – darunter steckt die Steuerungselektronik für den Hybridantrieb. Die E-Motoren arbeiten als ,Booster": Sie sollen den mit 600 Newtonmeter ohnehin schon superstarken X6 noch schneller von null auf 100 km/h bringen (normal sind 5,4 Sekunden). Aber auch eine Verbrauchseinsparung von bis zu 20 Prozent ist drin, schließlich muss der noch nicht bezifferte Mehrpreis ja an den Mann gebracht werden. Klasse: im Stadtverkehr – vermutlich bis 60 km/h – lässt sich der X6 rein elektrisch fahren. Wie hoch dabei die Reichweite ist, mochte uns BMW aber noch nicht verraten. Aber um mit gutem Gewissen zum Bäcker um die Ecke zu fahren, wird's schon reichen.

Schön wie in der Straßenbahn
Beim Anfahren ist lediglich ein dezentes Singen zu vernehmen – ähnlich wie bei einer modernen Straßenbahn. Bei stärkerem Beschleunigen schaltet sich der Achtzylinder unmerklich hinzu. Und beim Bremsen sorgt die Elektronik dafür, dass der Nickel-Metallhydrid-Akku im Kofferraumboden wieder aufgeladen wird. Dabei lässt sich das teure Vorserienauto ebenso leichtfüßig bewegen wie ein normaler X6 – das heißt auch auf Schnee und Eis: richtig schnell. Die Fahrwerksabstimmung scheint schon jetzt recht weit zu sein. Man liegt im Zeitplan, wird uns bestätigt.

7er mit Allradantrieb
Und schon fährt die nächste BMW-Neuheit für 2009 ums Eck: der neue 7er mit Allradantrieb. Während wir im X6 Hybrid nur mitfahren durften und immer noch von der satten Leistungsabgabe beeindruckt sind, dürfen wir im 7er wieder selbst ans Steuer. Der neue Luxusliner steht seit November 2008 bei den BMW-Händlern. Die Allrad-Variante wird zirka ein Jahr später, ab Herbst 2009, verfügbar sein. Mit dem gleichen 407-PS-Achtzylinder, den wir schon aus dem X6 und X6 Hybrid kennen, ist auch das 7er-Erprobungsfahrzeug ausgerüstet. Auch hier sind noch Messcomputer eingebaut.

Fährt wie ein kleineres Auto
Obwohl die Entwicklungsarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, zeigt sich die 7er-Allrad-Vorserie als überaus handlich. Man meint, ein wesentlich kleineres Auto zu dirigieren, vielleicht einen 5er – dabei sitzen wir in der Langversion. Wir fahren ziemlich schnelle Kurven, schwingen elegant eine verschneite Serpentinenstrecke mit sehr engen Kurven hoch und wedeln bergab über eine Pylonenstrecke. Richtig gut macht er das, der lange, schwere Wagen. Erst mit ausgeschaltetem DSC kommen wir an die Grenze und müssen Gas und Bremse feinfühliger bedienen, um nicht im Graben zu landen – aber wir sind immer noch richtig schnell unterwegs. Gut gemacht: der Allradantrieb, der standardmäßig 70 Prozent Leistung an die Hinterachse schickt. Und auch gut für perfektes Handling: die Integral-Aktivlenkung an der Vorderachse und die Hinterachslenkung aus dem X6.

Reichen 4.000 Euro Mehrpreis?
Was wird der Allrad-7er kosten? Bei den 3er- und 5er-Modellen beträgt der Aufpreis für den Allradantrieb jeweils 2.600 Euro. Beim 7er ist wohl mehr anzusetzen, da die aufwendigere Technik des X6 im Einsatz kommen kann. Der Konkurrent Lexus LS kostet mit Allrad schon 4.000 Euro mehr als ohne. Immerhin soll das Allradsystem beim 7er sowohl für die Benzin- und Dieselmodelle als auch für die Normal- und die Langversionen zur Verfügung gestellt werden.

320d Touring xDrive
Bei unseren Erprobungen im Arctic Drive Center treffen wir zuletzt auf ein optisch weniger spektakuläres Automobil von BMW: den 320d Touring. Der 3er mit dem Zweiliter-Dieselmotor ist ein alter Bekannter, die Ausführung mit dem Allradsystem xDrive ist aber ganz neu im Angebot. Mit 177-Diesel-PS und dem gut abgestimmten Allradantrieb können wir auf den Schnee- und Eispisten auch sehr schön die Sau rauslassen. Der 320d Touring lässt sich wie alle anderen xDrive-Modelle, die wir auf dem finnischen Testgelände bewegen konnten, zum kontrollierten Drift bringen. Aufgrund des niedrigen Schwerpunkts und des vergleichsweise geringen Gewichts erweist sich der 320d xDrive ebenfalls als sehr handlich und spursicher. Mit Schaltgetriebe kostet der Spaß 37.650 Euro, für die Sechsgang-Automatik müssen 2.160 Euro draufgelegt werden.

Vorsicht vor Santa Claus
Zum Abschluss unserer Runden auf dem finnischen Testgelände steigen wir noch einmal zu Rallye-Profi Rauno Aaltonen in den 407 PS starken BMW X6 xDrive 50i, wir wollen ja noch etwas lernen. Aaltonen schaltet die Dynamische Stabilitäts Control DSC vollkommen aus – wir sollen einmal sehen, wie schwierig sich das Auto ohne die Regelsysteme bergab um die Pylonen bringen lässt. Er macht's vor, wir machen's dann nach. Aaltonen fährt nur 20, 30 km/h und schwuuupp: Schon ist's passiert – wir drehen uns um die eigene Achse und landen in einer Schneewehe. Da lassen wir das DSC doch lieber angeschaltet, zumindest in der ,Halb"-Stellung. Nicht umsonst führen schließlich die BMW-Entwickler ihr monatelanges Feintuning durch. Wir wollen ja schließlich weder Santa Claus noch seinen Schlitten oder gar die Rentiere zusammenfahren. Denn auch der Weihnachtsmann dreht im Arctic Driving Center seine Testrunden. Wir haben ihn getroffen. Ganz bestimmt!

Bildergalerie: BMW X: Vorerprobung