Neue Fahrassistenzsystemen und höherer Insassenschutz

In Halle drei der Leipziger Messe geht es ziemlich düster zu: An speziell beleuchteten Stationen gibt Mercedes uns einen Ausblick auf die Neuerungen, die in der nächsten Generation der E-Klasse zum Einsatz kommen. Neben einem noch recht gut abgeklebten Erlkönig können wir zwei Rohbaukarosserien bewundern. Diese verraten bei genauem Hinsehen formale Details des neuen Modells.

Nur für ausgewählte Augen
Wir bekommen die für März 2009 angekündigte E-Klasse in einem 3D-Film sogar unverhüllt zu Gesicht. Doch Mercedes kennt die journalistische Neugierde nur zu gut und bittet vor dem Betreten des Kinosaals um die Abgabe von Fotoapparaten und –handys. So kann nur beschrieben werden, was der Allgemeinheit auf ersten offiziellen Fotos im Januar 2009 gezeigt wird. Optisch wirkt die neue E-Klasse wie eine Mischung aus C- und S-Klasse. Insgesamt ist der Neuling wesentlicher kantiger als sein Vorgänger gestaltet. Die seitlich nach oben gezogene Sicke in Höhe der Türgriffe kennt man von der C-Klasse, während die stärker betonten hinteren Radhäuser die S-Klasse zitieren.

Evolution der vier Augen
Das Vier-Augen-Gesicht führt auch der neue E weiter, allerdings sind die Scheinwerfer jetzt eckiger und stärker in die Seite gezogen. Im Stoßfänger befinden sich L-förmige Tagfahrleuchten mit LED-Technik. Bei den in die Flanken hineinreichenden Heckleuchten setzt Mercedes auf eine Mischung aus Trapez und Rechteck. Der Innenraum orientiert sich an der C-Klasse, auffallend ist auch hier die Verwendung der Trapezoptik, etwa bei den Lüftungsdüsen. Der große Navibildschirm erhält ähnlich wie in der S-Klasse eine feste Überdachung.

E-Klasse mit modernster Sicherheitstechnik
Mit der Markteinführung der neuen E-Klasse kommen eine Vielzahl weiter- und neu entwickelter Sicherheitssysteme zum Einsatz. Der Mercedes-Klassiker in Sachen Sicherheit ist seit 1959 die Knautschzone. Doch beim Insassenschutz und bei der Karosserie ist inzwischen fast ein Maximum erreicht. Rund 72 Prozent aller Bleche der Rohbaukarosserie der neuen E-Klasse bestehen aus hochfesten Stahllegierungen. So können sehr hohe Materialbelastungen aufgefangen werden. Gleichzeitig ist es dadurch möglich, das Fahrzeuggewicht zu reduzieren.

Aktive Motorhaube und neuer Airbag
Zur Serienausstattung der neuen E-Klasse gehören sieben Airbags. Optional wird ein so genannter ,Pelvisbag" zu haben sein, der beim Aufprall das Becken schützt. Ab Herbst 2009 kommen auf Wunsch im Fond adaptive Gurtkraftbegrenzer zum Einsatz. Serienmäßig ab Marktstart ist die aktive Motorhaube vorhanden. Bei einem Unfall mit Fußgängern hebt ein Federsystem die Haube im hinteren Bereich um 50 Millimeter an und vergrößert den Deformationsraum.

Der Mercedes als ,denkender Partner"
Im Brennpunkt der Ingenieure stehen mittlerweile die Vermeidung von Verkehrsunfällen und die Verringerung der Unfallschwere. Dabei spielen Fahrer-Assistenzsysteme eine wichtige Rolle. Im Blickpunkt stehen häufige Unfallursachen wie zu geringer Abstand, überhöhte Geschwindigkeit, Übermüdung, Dunkelheit und Abkommen von der Fahrbahn.

Ein Assistent fürs Fernlicht
Die neue E-Klasse wird nach Mercedes-Angaben das weltweit erste Automobil sein, dessen Fernscheinwerfer sich automatisch der jeweiligen Verkehrssituation anpassen. Der ,Adaptive Fernlicht-Assistent" unterscheidet sich von bisherigen Systemen, die nur automatisch zwischen Abblend- und Fernlicht umschalten. Eine hinter dem Innenspiegel angebrachte Kamera erkennt entgegenkommende oder vorausfahrende Fahrzeuge und steuert die Scheinwerfer kontinuierlich so, dass sie stets die größtmögliche Leichtweite bieten, ohne andere Autofahrer zu blenden. Auf diese Weise kann sich die Reichweite des Abblendlichts von derzeit 65 auf bis zu 300 Meter vergrößern. Der weiche Übergang zu Fernlicht soll zudem die Gefahr der Eigenblendung reduzieren. Der Assistent wird allerdings nur in Verbindung mit Bi-Xenon-Scheinwerfer erhältlich sein.

Das Infrarot-Auge
Ähnlich effektiv soll der ,Nachtsicht-Assistent Plus" sein. Das bereits in der S-Klasse erhältliche System wurde für die E-Klasse weiterentwickelt. Nach wie vor wird die Fahrbahn mit unsichtbarem Infrarotlicht ausgeleuchtet. Auf einem großen Monitor hinter dem Lenkrad wird das Bild angezeigt. Neu ist eine spezielle Fußgänger-Detektion: Sobald das System Fußgänger auf oder neben der Straße erkennt, werden sie in der Displayanzeige markiert.

Immer in der Spur bleiben
Der Spurhalte-Assistent wurde entwickelt, um ein Abkommen von der Fahrbahn zu verhindern. Hierbei beobachtet eine Kamera ab 60 km/h permanent den Spurverlauf des Autos und die Handlungen des Autofahrers. Wenn das System erkennt, dass der Wagen unbeabsichtigt die Fahrspur verlässt, vibriert das Lenkrad in kurzen Schüben. Wir konnten auf einer kurzen Probefahrt feststellen, dass die Vibrationen recht dezent ausfallen. Je nach Straßenbelag kann es sogar passieren, das man sie nicht wahrnimmt.

Keine Chance den Blitzern
Ein weiteres System erinnert den Autofahrer an das jeweilige Tempolimit. Eine Kamera an der Frontscheibe erfasst die Schilder für Geschwindigkeitsbegrenzungen und zeigt die km/h-Zahl auf einem Display in einer Verkehrszeichen-Optik dar. Bei Fällen wie Tempo 80/60 bei Nässe erscheinen beide Zeichen und der Zusatz ,eingeschränkt". Die Kamera erkennt auch eine Schilderbrücke oberhalb der Fahrbahn oder digitale Anzeigen. Allerdings wird der Autofahrer nicht automatisch von dem System auf das Limit eingebremst. Wird die Tempobegrenzung wieder aufgehoben, verschwindet die Displayanzeige. Zusätzlich wertet der Assistent die Daten der digitalen Straßenkarte des Navisystems aus und überprüft auf diese Weise die Plausibilität des Kamerabildes.

Das Hallo-Wach-System
Jeder von uns hat die Situation schon einmal erlebt: Man sitzt zu lange hinter dem Lenkrad und die Müdigkeit wird zum Sicherheitsrisiko. Laut Mercedes ereignen sich durch Übermüdung rund ein Viertel aller schweren Autobahnunfälle. Vermeiden möchte die Stern-Marke solche Katastrophen mit dem so genannten ,Attention Assist", auf deutsch ,Aufmerksamkeits-Assistent". Eine hochempfindliche Sensorik erfasst das Fahrverhalten des Autolenkers, die jeweilige Fahrsituation und über 70 andere Parameter. Besonderes Augenmerk liegt auf der Beobachtung der Lenkmanöver.

Lenkfehler durch Übermüdung
Praxistests haben gezeigt, dass übermüdete Autofahrer kleinere, kaum wahrnehmbare Lenkfehler machen, die oft sehr schnell und in charakteristischer Weise korrigiert werden. Stellt der ,Attention Assist" durch Vergleich dieser und anderer Daten typische Anzeichen für Übermüdung fest, ertönt ein akustisches Signal und es erscheint die Anzeige ,Attention Assist. Pause!". Zwar kann der Hinweis weggedrückt werden, erscheint aber bei gleichbleibendem Verhalten nach 15 Minuten wieder. Jedoch kann der Assistent auch vor Fahrtbeginn per Knopfdruck deaktiviert werden. Positiv: Während fast alle anderen Assistenzsysteme Aufpreis kosten, wird der ,Attention Assist" zur Serienausstattung der neuen E- und der S-Klasse des Modelljahrs 2009 gehören. Später soll er sukzessive in alle Baureihen der Schwaben Eingang finden.

Wenn das Auto selbständig bremst
Gegen Auffahrunfälle sollen die Assistenzsysteme ,Distronic Plus" und ,Bremsassistent Plus" helfen. Beide basieren auf Radartechnik. Sie wurde für die neue E-Klasse und die 2009er S-Klasse weiter verbessert. Unter anderem beträgt die Reichweite des Fernradarsensors künftig 200 statt bisher 150 Meter. Eine neue Mittelbereichserfassung überwacht den Bereich bis rund 60 Meter vor dem Auto bei einem Öffnungswinkel von 60 Grad. Der Bremsassistent berechnet bei Kollisionsgefahr automatisch den richtigen Bremsdruck. Etwa 1,6 Sekunden vor dem prognostizierten Unfall greift die Pre-Safe-Bremse ein und verzögert selbsttätig den Wagen mit rund 40 Prozent der maximalen Bremsleistung. 0,6 Sekunden vor dem Aufprall wird schließlich als neue Funktion zu 100 Prozent automatisch gebremst. Damit kann laut Mercedes der Aufprall nicht vermieden, aber abgemildert werden.

Kampf dem toten Winkel
Der Totwinkelassistent nutzt Nahbereichs-Radarsensoren, um den gefürchteten toten Winkel auszuschalten. Die Sensoren erkennen, wenn sich auf der Parallelspur ein anderes Fahrzeug nähert. Wird dadurch der Spurwechsel zu gefährlich, informiert ein rotes Warnsignal im Außenspiegel den Fahrer, betätigt dieser trotzdem den Blinker, ertönt zusätzlich ein Warnsignal.

Die Zukunft heißt Assistenz
Die Mercedes-Systeme zeigen, dass die Zukunft den elektronischen Helfern gehört. Noch sind sie aber meist nur gegen Aufpreis erhältlich. Im nächsten Jahrzehnt ist aber mit einer größeren Verbreitung der Technik zu rechnen, ähnlich wie bei ABS und Airbag wird sie dann auch Verbreitung in kleineren Fahrzeugklassen finden. Die Ängste einiger Autofahrer, durch die Technik unmündig gemacht zu werden, entkräftet Mercedes mit dem Argument, das fast alle Assistenzsysteme vom Fahrer ein- und ausgeschaltet werden können. Außerdem hätten derartige Systeme auch ihre Grenzen, der Fahrer bleibe daher stets in der Verantwortung.

Sicher: Die neue E-Klasse