Erstmals in der 30-jährigen Geschichte gewinnt ein Diesel die Auto-Wertung

,Verdammt, hätte ich doch bloß meinen Mund gehalten", schießt es mir durch den Kopf. Ich sitze auf dem Beifahrersitz eines BMW X3 CC vom deutschen X-Raid Rallye-Team. Der Mann am Steuer heißt Guerlain Chicherit. Ich war so clever und hatte ihm vor dem Start des Co-Drives gesagt, er solle doch bitte so fahren, als ob ich nicht dabei wäre. Sein müdes Lächeln hätte mich warnen können. Es schien zu sagen ,auch wenn ich nur 50 Prozent fahre, hast du gleich die Hosen gestrichen voll!" Ganz so schlimm ist es zwar um den Zustand meiner Unterbekleidung nicht bestellt. Aber der junge Franzose aus dem französischen Skiort Tignes sorgt durch das abartige Tempo, mit dem er seinen Rallye-Boliden über die staubige Schotterpiste pilotiert, für eine gehörige Portion Adrenalin. Bevorzugt sind wir quer zur Fahrtrichtung und in minimalem Abstand zu Felsen und Büschen am Wegesrand unterwegs.

Adrenalin als Hobby
Der Hang zur hohen Geschwindigkeit in unwegsamem Gelände ist ihm quasi angeboren. Seit Kindesbeinen steht der Franzose auf Skiern und brachte es unter den Freeride-Skifahrern bereits viermal zu Weltmeisterehren. Seine große Liebe ist jedoch schon immer der Motorsport gewesen. Alles Geld, das er sich mit seinen Skierfolgen verdiente, steckte er in seine Rallyekarriere. ,Mein größtes Ziel ist es, die Rallye Dakar irgendwann zu gewinnen", so der 30-jährige. Nach einem kleinen Defekt auf der Etappe von Valparaiso nach La Serena verloren der dreimalige Dakar-Teilnehmer und sein Beifahrer Matthieu Baumel allerdings wichtige Zeit. Im Endklassement landen sie dennoch auf Platz 9. Schlimmer kam es für Teamkollege Nasser al Attiyah. Als Führender der Gesamtwertung hatte das Mitglied des Königshauses von Qatar auf der sechsten Etappe von San Rafael nach Mendoza akute Probleme mit der Motortemperatur. Er stand vor der Entscheidung, weiterzufahren oder auf direktem Weg ins Biwak zurückzukehren, um das Problem zu lösen. Letztendlich entschied er sich gegen den Willen seiner schwedischen Beifahrerin Tina Thörner für die zweite Variante. Dadurch verpassten die beiden neun Kontrollpunkte, und damit fünf zuviel. Dieser Regelverstoß führte zur Disqualifikation. Der beste X3 erreichte das Ziel in Buenos Aires auf den 8. Platz. Die beiden Russen Leonid Novitskiy und Oleg Tyupenkin konnten vor allem in der zweiten Woche der diesjährigen Rallye Dakar wichtige Zeit gutmachen.

Kaum Serienteile trotz Serienoptik
Das deutsche X-Raid-Team unter Leitung des ehemaligen Rennfahrers Sven Quandt setzte bei der Dakar 2009 auf mehrere BMW X3 CC. Vom X3 wurden nur die Frontscheibe, die Scheinwerfer, die Türgriffe und der Motorblock aus der Serienproduktion übernommen. Alles andere wie Rahmen, Fahrwerk und Bremsen sind Spezialanfertigungen. Der Sechszylinder-Biturbo-Dieselmotor mit drei Liter Hubraum leistet 275 PS und bietet ein Drehmoment von 620 Newtonmeter. Einzelteile des Triebwerks befinden sich in der Erprobungsphase und sollen 2009 beziehungsweise 2010 in Serie gehen. Nicht ganz serienreif ist allerdings der Verbrauch des Renn-Aggregats. Auf Verbindungsstrecken nach den Wertungsprüfungen verbrennt der Sechszylinder elf bis 18 Liter, unter Volllast im Gelände ist es weit mehr als das Doppelte. Genaue Auskünfte wollte uns Teamchef Quandt aus Angst vor Rückschlüssen der Konkurrenz auf die Bauweise des X-Raid-Motors nicht geben. Die Außenhaut im X3-Look besteht komplett aus Karbon- und Kohlefaserteilen und lässt sich zu Reparaturzwecken vollständig abnehmen.

Härter als je zuvor
Nach der Absage der Rallye im Jahr 2008 wegen Terrorwarnungen gegenüber dem Veranstalter Amaury Sport Organisation war die Dakar heimatlos. In Argentinien und Chile fand man schließlich ein ähnlich anspruchsvolles Terrain wie in den Jahren zuvor in Afrika. Ein Großteil der Fahrer ist sich einig, dass die Wertungsprüfungen der 30. Auflage der Extrem-Rallye noch anspruchsvoller geworden sind. Die Gesamtstrecke betrug 9.574 Kilometer, 5.652 davon waren als Wertungsprüfungen angelegt. Der ständige Wechsel von schnellen Staubpisten, verzwickten Schlammpassagen und majestätischen Dünen verlangte den Fahrern alles ab. Auf ihrem Weg überquerten die Teilnehmer zweimal die Anden. Der Blick auf die höchsten Berge der westlichen Hemisphäre wie etwa den 6.962 Meter hohen Aconcagua ist inklusive.

Historischer Sieg für VW
Nach 13 Etappen konnten der Südafrikaner Giniel de Viliers und sein deutscher Beifahrer Dirk von Zitzewitz mit ihrem VW Race Touareg einen historischen Sieg verbuchen. Zum ersten Mal in der 30-jährigen Geschichte der Rallye Dakar gewann ein Fahrzeug mit Dieselantrieb die Auto-Wertung. Den VW-Doppelsieg machte der zweitplatzierte Race Touareg, pilotiert von Mark Miller und Ralph Pitchford, perfekt. Auf Platz drei kamen Publikumsliebling Robbie Gordon und sein Beifahrer Andy Grider in ihrem Hummer H3 ins Ziel. Die besten deutschen Fahrer sind Dieter Depping auf Platz sechs und Matthias Kahle in seinem Renn-Buggy auf Platz 15. Mit über 74 Stunden Rückstand erreichte Stephan Schott mit seinem Mitsubishi Pajero abgeschlagen als 76. das Ziel.

Dakar: Doppelsieg für VW