Endlich Gewinn und endlich Lithium-Ionen-Akku bei Smart

,Die Zeit ist smartgemäß" sagt Daimler-Vorstand Dieter Zetsche zum zehnjährigen Jubiläum des urbanen Flitzers. Und er hat eine Weltpremiere im Gepäck: Den neuen Smart Electric Drive mit Lithium-Ionen-Batterie, der Ende 2009 als Kleinserie in den Markt geht. Die verstrichenen zehn Jahre reichten, um für das Micro-Auto eine wechselvolle Geschichte hinzulegen – jahrelang mit riesigen Verlusten am Abgrund balancierend ist es 2008 geschafft: Smart macht Gewinn. Aber der Reihe nach.

Aus der Flower-Power-Zeit
1997: Die New Yorker Twin Towers stehen noch, in Deutschland bezahlen wir mit der D-Mark und Umweltfreunde träumen von der Brennstoffzelle. Im französischen Kaff Hambach eröffnen Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac und Kanzler Helmut Kohl ein Werk für ein ungewöhnliches kleines Auto: den Smart Fortwo. Die beiden unterschreiben mit schwarzem Edding auf einem weißen Smart-Modell, was ein bisschen abgewetzt noch heute existiert. Aber alles begann natürlich viel eher. Bereits in den 70er Jahren beschäftigt sich Mercedes mit dem Verkehr des Jahres 2000. Der Designer Johann Tomforde legt einen radikalen Entwurf für ein 2,5 Meter langes Stadt-Auto des Jahres 2000 vor.

Neuer Schwung nach Ölkrise
Die Ölkrise trifft besonders die Automobilkonzerne und so holt Mercedes wieder das Kleinwagen-Konzept aus der Schublade. Das Nahverkehrs-Fahrzeug, kurz NAFA, wird zur fahrbaren Studie. Der Wagen ist 2,5 Meter lang und 1,5 Meter hoch – und wird 1988 mit einem Elektromotor ausgerüstet. Aber weder genügt der Wagen den mercedesinternen Sicherheitsstandards, noch ist die Kundschaft der Marke bereit für so ein winziges Auto. Außerdem hat der Elektro-NAFA das gleiche Problem wie heutige Strom-Fahrzeuge: Seine Reichweite ist ungenügend, dafür fällt er durch lange Ladezeiten auf.

Amerikanische Design-Ideen
Das Stadt-Konzept lässt Mercedes keine Ruhe. Chef-Designer Bruno Sacco bittet ein Team von Studenten des Art Center College of Design im kalifornischen Pasadena, vollkommen neue, ultrakompakte Fahrzeuge zu entwerfen. Die dabei herausgekommenen Entwürfe ähneln den späteren Smart-Modellen schon sehr stark. Parallel dazu entwickelt der Schweizer Swatch-Uhren-Erfinder Nicolas Haeyk seine eigenen Projekte für eine neue Form des Automobils. An seinen Ideen zeigt VW Interesse, aber Haeyk überwirft sich schnell mit VW-Boss Ferdinand Piëch. Da es zu den eigenen Überlegungen passt, nimmt sich Mercedes der Schweizer Entwürfe an. Auch Haeyk favorisiert einen Elektroantrieb, aber die Probleme Reichweite und Ladezeit sind nach wie vor ungelöst.

Klobiger Prototyp
Die ersten Vor-Smarts sind die Show-Cars Eco Speedster und Eco Sprinter. Auf deren Basis entsteht 1994 ein Prototyp, der grob zusammengebaut wirkt und von vorne ein ganz kleines bisschen an die Isetta erinnert. Auch ein Cabrio-Prototyp war von Anfang an dabei. Dann folgt 1994 ein Show-Car in Atlanta und im selben Jahr eine Studie in Paris, die bereits die typische Tridion-Sicherheitszelle zeigt. Um dieses Smart-Merkmal besonders gut herausstellen zu können, wurden Designer aus der Motorrad-Industrie abgeworben, die mit offenen Strukturen vertrauter waren als Auto-Designer. Und 1997 ist es soweit: Die bereits oben erwähnte Werks-Eröffnung wird gefeiert.

Harte Zeiten
Da war er nun, der extrem kompakte Zweisitzer, der als erstes Auto der Welt noch während der Serien-Produktionszeit seinen Platz im Museum of Modern Art (MoMA) in New York gefunden hat. Die Italiener liebten den Smart Fortwo sofort, in London wurde der Wagen schnell zum In-Gefährt. Auch in Deutschland liefen die Geschäfte ganz gut, aber so richtig Gewinn wollte der Kleine nicht einfahren. Seine Produktion war recht teuer – im Gegensatz zu den Benzinpreisen – die waren damals noch vergleichsweise günstig. Bei Smart reagierte man mit einer Modelloffensive: Der Roadster und das Roadster Coupé kommen. Beide haben einen um zehn Millimeter längeren Radstand als ein Porsche 911. Zudem fährt ein auf Mitsubishi-Colt-Basis stehender viertüriger Smart, der Forfour, auf den Markt. Die Autos sind nicht schlecht, reißen aber nur noch größere Löcher in die Kasse der Mercedes-Tochter.

Superkleiner Diesel
1999 macht dann der Smart einen auf Selbstzünder: der Cdi kommt. Der kleinste serienmäßige Automobil-Dieselmotor der Welt erregt wegen seines CO2-Ausstoßes von nur 88 Gramm pro Kilometer Aufmerksamkeit – und wegen seines offenen Partikelfilters die Gemüter. Der Kohlendioxid-Champ bei Verbrennungsmotoren bekommt auf Grund der nicht enden wollenden Kritik jetzt einen geschlossenen Filter. Einer bleibt aber offen: das Cabrio. Im Jahre 2000 wurde es als Studie auf dem Turiner Autosalon vorgestellt – mit intensiv gelben Scheiben rundum.

Seitenwege
Robbie Williams war einer der Ersten, der ihn bekam: den 2002 aufgelegten und limitierten Crossblade. Der Wagen hat wie die härtesten britischen Sportwagen weder Fenster noch Dach noch richtige Türen. Als wir den Wagen bei Regenwetter in Motorrad-Kluft durch die Stadt fahren, meldet Radio Energy im Verkehrsfunk, dass ein Irrer mit einem Crossblade durch den Regen fährt – so auffällig ist der Wagen auch heute noch. 2004 kommt dann die Studie Smart Crosstown, die einen Benzin-Hybridantrieb unterm Boden trägt und einen geländegängigen Eindruck macht. In Serie geht der Wagen nie, aber er wird der wichtigste Ideengeber für die zweite Generation des Smart. Auffällig sind bei ihm beispielsweise die nicht mehr bis zu den Rückleuchten durchgezogene Tridion-Zelle und das gerade Armaturenbrett.

Alles neu
Ende 2006 erlöst die zweite Generation des Smart die Firma. Von den Vorgängermodellen werden über 770.000 Fahrzeuge verkauft, aber hartnäckige Gerüchtemacher rechnen damit, dass Mercedes auf jeden Smart bis zu 5.000 Euro draufpacken musste. Der Neue ist nicht nur etwas moderner gestylt und außen sowie innen ein bisschen größer – er lässt sich auch deutlich günstiger herstellen. Außerdem wurden der Roadster und der Forfour eingestellt, nur das Cabrio gibt es noch als zusätzliche Modellvariante. Zetsche betont, dass man auf keinen Fall Smart-Modelle bauen wird, die in Konkurrenz zu anderen Fahrzeugen stehen. So lässt ein Ausbau der Modellpalette noch auf sich warten. Einer der Schlüssel zum Erfolg war vielmehr die Erschließung neuer Märkte. Und wer hätte gedacht, dass gerade die US-Amerikaner, die über 200 Monate lang den Pick-up Ford F150 zum bestverkauften Auto in Amerika machten, was mit dem kleinen Deutsch-Franzosen anfangen können?

FAQs hinterm Fenster
Seit 2007 wird der Smart Fortwo auch in Nordamerika feilgeboten – und die Amis schlagen kräftig zu. Die Nachfrage übertrifft Smart-Importeur Penskes kühnste Erwartungen. Angeblich legen amerikanische Smart-Fahrer bereits auf die am häufigsten gestellten Fragen bezogene Antwortbögen hinter die Frontscheibe ihres Winzlings. Die notwendige Produktionssteigerung stemmt laut Zetsche das Hambacher Werk locker. Die vorhandenen Reserven lassen keine Gedanken über neue Produktionsstandorte zu. 2009 soll der Fortwo dann den chinesischen Markt aufmischen, das Original kommt und muss sich gegen technisch äußerst fragwürdige Plagiate behaupten – die skurrilsten Nachbauten tragen eine kesse BMW-Niere als Grill. Laut Zetsche gibt es in China inzwischen eine Menge junger Menschen mit Geld, die großen Wert auf Image, Technologie, und inzwischen auch Umwelt legen – und die nie zu einem technisch unterbelichteten, bis zum Himmel nach Chemie stinkenden Plastik-Plagiat greifen würden. Der indische Markt ist dahingegen noch in weiter Ferne. Die dortigen Straßenbedingungen verlangen nach robusten Gelände-Fahrwerken, was nichts anderes heißt, als das ein Smart-SUV noch lange auf sich warten lässt, falls es denn überhaupt jemals kommt.

Die Konkurrenz erwacht
Dass 1997 bereits jemand an einen Smart mit Start-Stopp-System dachte, ist unwahrscheinlich. Jetzt wird diese Technik, mit deren Hilfe im Stillstand der Motor aus- und beim Gasgeben wieder eingeschaltet wird, Serie. Und als Quasi-Nachfolger der 100 bereits seit 2007 durch London fahrenden Elektro-Smarts auf Basis der alten Smart-Generation kommt 2009 der neue Smart Electric Drive. Dieter Zetsche persönlich fährt ihn zum zehnten Geburtstag der Marke vor. Der Wagen saugt seine Energie aus einer Lithium-Ionen-Batterie und kommt damit 100 Kilometer weit. Die Londoner sind mit ihrem Strom-Wagen sehr zufrieden und die Ingenieure konnten nochmals viel lernen. So mussten sie beispielsweise erfahren, dass viele Smart-ed-Fahrer sich nicht trauen, mehr als 50 Prozent der Akku-Kapazität anzuzapfen – aus Angst, einfach liegen zu bleiben. Diese Angst soll nun beim neuen Wagen auf bisher unbekannte Weise ausgelöscht worden sein. Smart tut gut daran, intensiv an der Zukunft zu arbeiten: Schließlich wird BMW noch dieses Jahr einen Elektro-Mini vorstellen und Toyota hat bald mit dem 3+1-Sitzer iQ einen ersten echten Smart-Konkurrenten am Start. Für Smart bleibt es auf jeden Fall spannend.

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