Der Pariser Auto-Salon steht vor der Tür und Audi plaudert über Design

Die bis aufs Mark durchgestylte Espresso-Maschine steht einen Schritt neben der Musikanlage. Diese Anlage sieht aus wie ein Ethno-Instrument und besteht wie alle Exponate hier aus irgendwelchen Kunststoffen, ist weit entfernt von jeglicher Einsatzfähigkeit. Wir sind in Audis Münchner Design-Studio und erfahren so einiges über den genetischen Code des Audi-Designs. Die neuen Lifestyle-Produkte sind da nur die Spitze einer langen Formen-Tradition.

Sport-Bolide von 1938
Da steht er vor uns: Der Auto Union Typ D. Der Rennwagen von 1938 wirkt auch heute noch extrem und radikal. Schmal und lang mit riesigen Rädern sieht das Fahrzeug beinahe gefährlich aus. Der Fahrer sitzt vorn, geschoben vom hinter ihm längs eingebauten V12 mit 500 PS. Dieses so genannte Cab-forward-Design findet sich heute im TT wieder, allerdings nur optisch – der Motor des TT verrichtet schließlich vorne seinen Dienst. Und obwohl es eher Zufall ist: Auch den inzwischen berühmten Audi-Single-Frame-Grill, der allen Audi-Modellen ein Gesicht gibt, gab es in kopfstehender Form schon bei dem alten Renner.

Optische Technik im Ro 80
Audi möchte fortschrittliche Technik auch im Fahrzeug-Design nach außen tragen. War der Auto Union Typ D schon eine ausgesuchte Form-follows-Function-Welt, so wird dieses Prinzip im legendären NSU Ro 80 von 1967 weitergezeichnet. Der schnörkellose Wagen ist noch heute ansehnlich, glatte Flächen und klare Linien waren für die damalige Zeit äußerst modern. NSU-Designer Claus Luthe verpasste dem Wankelmotor-Wagen auch die heute als Tornado-Linie bekannte Seitenlinie, die sich in Höhe der Türgriffe über die gesamte Seite des Autos zieht – bis heute ein Designmerkmal der Audi-Modelle. Der Ro 80 ließ seinerzeit mit 180 km/h Höchstgeschwindigkeit die meisten Wagen stehen, seine 115 PS kamen ausgesprochen vibrationsarm aus den beiden Wankel-Kammern. Vom anfangs mit enormen Qualitätsproblemen behafteten Technologie-Fahrzeug liefen bis 1977 – da gehörte NSU schon zu Audi – 37.000 Exemplare vom Band.

Ur-Quattro: Kantiger Charakter
Passenderweise zeigte er sich in einer Schweizer Eishalle zum ersten Mal: der Audi quattro von 1980. Der Wagen ist nicht wirklich schön, aber Auto-Fans haben ihn längst in ihr Herz geschlossen. Kantig, kubisch und gradlinig galt damals als aerodynamisch günstig. Allradantrieb wurde durch den quattro salonfähig und seine 200 PS aus dem Fünfzylinder-Turbo reichen für Drifts und Sprints. Besonders auffällig sind die kantig verbreiterten Kotflügel – Audi nennt diese Kästen ,Blister". Wiederentdeckt wurden diese Blister für die Performance-Modelle Audi RS 6 und RS 6 Avant.

TT kündigt sich an: quattro Spyder
1991 war er der Aufreger der IAA: Der erste reine Sportwagen von Audi, ein quattro Spyder. Wegen seiner Aluminium-Karosserie wiegt der Wagen gerade mal 1.100 Kilogramm. Aber hier hatten die Audi-Designer ein Problem: Der Wagen war in knalligem Orange lackiert und somit nicht als Aluminium-Renner zu erkennen. So mussten ein paar Alu-Applikationen für den Innenraum her, um das Leichtbau-Thema sichtbar zu machen. Auch die Leichtmetall-Felgen des Sportlers waren alles andere als unauffällig: 18-Zoll-Dimensionen fielen 1991 noch auf. Audi plante sogar eine Serienproduktion, aber die Planungen kamen in der Automobil-Flaute Anfang der 90er zum Erliegen. Später wurde der Audi TT aus diesem Konzept geschält.

Alu-Traum: AVUS quattro
Ebenfalls 1991, aber erst auf der Tokio Motor Show gleißt der Audi AVUS quattro vor dem Publikum. Hier ist die Alu-Karosserie präsent: Unlackiert und blankpoliert erinnert der Wagen an alte Flugzeuge, man spürt beinahe das Propeller-Dröhnen. 152 Kilogramm bringen Rahmen und Karosserie auf die Waage, zusammen mit dem 509-PS-W12-Triebwerk kommt die 340 km/h schnelle Flunder auf 1.250 Kilogramm. Lang, vorn angeordnete Fahrkanzel, 2,80 Meter Radstand und 20-Zoll-Räder – der AVUS quattro schlägt die Brücke zwischen dem Stromlinien-Rennwagen Auto Union Typ D aus den 30ern und dem mit V12-Diesel ausgerüsteten R8 TDI Le Mans von 2008.

Seiner Zeit voraus: Audi A2
1999 war es soweit: Audi will ein Auto bauen, das sich auch in einer Welt zurechtfindet, in welcher für einen Liter Benzin fünf Mark (2,50 Euro) aufgerufen werden. Der gerade mal 895 Kilogramm schwere A2 wird gezeichnet. Boxförmig und statisch im Auftritt, erreicht er einen rekordverdächtig guten cW-Wert von 0,25. Das Spritspar-Mobil A2 wurde kompromisslos und emotionsfrei gezeichnet. Zusammen mit dem hohen Preis des Wagens ergab dies ein baldiges Aus – damals glaubten die Strategen in Ingolstadt anscheinend nicht an die eigenen Spritkosten-Visionen. Mit dem A2 geht bei Audi eine Design-Ära zu Ende, ab sofort wird optische Dynamik ins Auto gepackt, was das Zeug hält. Einzig und allein der A8 zeigt noch ein paar der Block-Elemente aus dieser Zeit.

Schmal und hochkant bis breit und flach
Aktueller Chefdynamiker in der Audi-Riege: der R8 TDI Le Mans. Genauso wie der AVUS quattro trägt er eine flache Lufteinlass-Düse auf dem Dach. Dieser Lufteinlass wird im Rennsport verwendet und gilt als aerodynamisch gute Lösung. Und auch sonst riecht beim Zwölfzylinder-R8 schon optisch alles nach Hochleistung. Der Grill ist flach und breit – so flach, dass die vier Audi-Ringe auf die Motorhaube wandern mussten. Das LED-Tagfahrlicht-Leuchtband läuft an der unteren Scheinwerfer-Kante entlang und zieht den Wagen mit einem Schwung weiter nach unten. Der Grill des A4 hingegen ist schon etwas schmaler und höher, sein LED-Band muss ohne Zusatz-Schwung auskommen. Am auffälligsten ist der Unterschied zum dicken SUV Q7: Dort steht der Grill beinahe hochkant, das Tagfahrlicht zieht sich an der oberen Schweinwerfer-Kante entlang. Vom Grundkonzept her dekliniert der VW-Konzern dies durch alle Marken: Während Seat im Vergleich eher schmal und hoch wirkt, breitet sich ein Lamborghini am Boden aus – Audi sortiert sich dazwischen ein.

Aus der Nudel-Schmiede
Jetzt versuchen sich die Audi-Designer auch abseits ihrer vierrädrigen Schützlinge. Das Münchner Büro ist bewusst als Vor- und Querdenker-Hort gedacht und so sind jetzt Gegenstände des Alltags fällig. Das Audi-Küchenmesser sieht edel und sehr nach japanischer Klinge aus, die besagte manuelle Espresso-Maschine gefällt durch ihre Schlankheit. Ein Audi-Mountainbike könnte es wieder geben und Abfahrts-Ski aus Karbon und Alu wurden bereits von Skifahrern getestet. Auch ein aufwändiger Klapp-Kuli und eine Nudel-Dose als schlanker Edelstahl-Zylinder sind zu sehen. Die Nudeln in Form der Audi-Ringe wurden von Neapels ältester Nudel-Schmiede gefertigt – und sind laut Hersteller wegen ihrer Form ideal, um in den Hohlräumen Saucen aufzunehmen. Alle diese schönen Dinge dürfen wir nicht fotografieren, da noch nicht klar ist, ob sie jemals verwirklicht werden. Einzig der vor uns stehende Audi-Kicker steht kurz vor dem Eintritt ins Serien-Leben. Aber der Rest der Stil-Stücke wird es auch irgendwann schaffen – schließlich will Audi mal mit einem schicken Exponat im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) vertreten sein.

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