Wir fahren mit Audis Super-Sauber-Diesel durch die USA

Weiße Federn umschwirren auf der Strecke zwischen Chicago und Memphis unseren Audi Q5 3.0 TDI. Bei fröhlichem Sonnenschein überholen wir die Ursache des Feder-Regens: Ein 18-rädiger US-Truck ist vollgestopft mit Hühnern. Keines der armen Viecher kann sich auch nur einen Millimeter bewegen – die Amis haben eine robuste Einstellung zur Tierwelt. Das wird sich nicht so schnell ändern. Aber der Truck fährt mit Diesel – und die Kraftstoff-Frage ist in den USA in Bewegung geraten. Diesel-Saft ist drüben zurzeit aber ausschließlich bei Trucks verbreitet – als Alternative für private Pkws taucht er nur ganz langsam auf. Audi will nun beweisen, dass die Kombination von viel Leistung und Kraft mit geringem Verbrauch und extrem vermindertem Schadstoffausstoß möglich ist. Wir fahren von Chicago über Memphis, Dallas und Amarillo nach Denver und gucken mal, wie weit wir so mit einer Gallone (3,78 Liter) Diesel kommen.

Die Sprache des Geldes
Auch wenn der Amerikaner an sich auf uns Europäer vielleicht etwas oberflächlich und uneinsichtig wirkt, eins hat er schon immer ganz schnell verstanden: Die Sprache des Geldes. Und in den letzten Jahren musste die US-Bevölkerung mit ansehen, wie die Spritpreisexplosion locker ihr komplettes Vorstellungsvermögen sprengte. 61 Euro-Cent pro Liter sind für amerikanische Verhältnisse enorm viel. Da Pendelstrecken von über 100 Kilometer in den USA keine Seltenheit sind, wird es für Leute mit schmalem Budget schnell eng – und Menschen mit wenig Kohle gibt es in diesem reichen Land, wie wir noch sehen werden, ohne Ende. So hat sich ein ganz neuer Wert in den Köpfen der Amerikaner festgefressen: Miles per Gallon (mpg) – je mehr, je besser. Honda, Kia, Mazda: Alle werben an den Highways mit Fahrzeugen, die 30 bis 60 Meilen mit einer Gallone weit kommen sollen – vor zehn Jahren noch hätte hier kein Hahn danach gekräht.

Ab in den Knast
Wir zuckeln den Highway entlang – 65 Miles per Hour, umgerechnet 105 km/h. Auf dem Weg raus aus Chicago zeigt unser Bordcomputer 21,5 Miles per Gallon, was 10,9 Liter pro 100 Kilometer entspricht. Da muss noch mehr drin sein. Tempomat auf 70 Meilen gestellt und Strecke abspulen. Rasen wäre ohnehin gefährlich, schließlich darf man in den USA beinahe alles, außer schnell Autofahren: Für elf Meilen pro Stunde zu viel werden 400 Dollar Strafe fällig, für 21 sind 2.500 Dollar zu berappen und ein Gerichtsverfahren kommt hinzu. Ab 31 Meilen zu viel geht's direkt ins Kitchen, da hat auch der Sheriff keinen Spielraum mehr. Aber die 70 Meilen sind perfekt für uns, der Zeiger im Drehzahlmesser verharrt bei 1.800 U/min – die 500 Newtonmeter maximales Drehmoment unseres TDI liegen zwischen 1.500 und 3.000 U/min an, wir sind also im optimalen Bereich unterwegs. Auch den höchsten Gang hat unser Siebengang-DSG bereits eingelegt, das muss an Spritsparmaßnahmen erstmal reichen. Einige Kollegen wollen es richtig wissen, hängen sich in vier Meter Entfernung in den Windschatten eines Trucks – obwohl diese mit Schildern ,If you can't see my mirrors, I can't see you" warnen. Aber da wir a) realistisch unterwegs sein wollen und b) mit der Truck-Methode auch einen Golf II auf 4,8 Liter bekommen würden, lassen wir uns auf solche Spielchen nicht ein.

Doppelt sauber
Unser Q5 ist bereits mit dem ab 2009 zur Verfügung stehenden Ultra Low Emission System ausgerüstet. Der bei Dieselmotoren problematische Stickoxid-Ausstoß soll sich per Ultra Low Emission System mithilfe einer Harnstoff-Zudosierung und einem Denox-Speicher-Katalysator um bis zu 90 Prozent reduzieren lassen. So wird mit dem 3.0 TDI bereits jetzt die erst ab 2014 geltende Euro-6-Norm erfüllt. Aber wo weniger reingeht, kommt auch weniger raus – deshalb wollen wir den Verbrauch drücken. Während an uns nicht enden wollende Maisfelder vorüberziehen, steigt der Milage-Wert langsam auf 28,5 (8,3 Liter pro 100 Kilometer) an. Auf dem Seitenstreifen liegen massenweise abgefetzte Reifendecken, ab und zu aufgelockert von einem platt gefahrenen Waschbären, seltener bläht ein aufgedunsener Reh-Kadaver vor sich hin. Dann biegen wir ab ins McCain-Land – anders kann man diesen Teil von Illinois kaum nennen.

Trucks
Die Gegend hier ist eher konservativ: Auf Trucks kleben ,McCain/Palin"-Wahlkampfaufkleber und in den Mais-Dörfern stecken verwirrend viele Wahlplakate in den sauber frisierten Vorgarten-Rasenflächen. Vote Rose for Sheriff, Vote DeVore for Sheriff und immer wieder McCain. Obama kommt hier genauso wenig vor wie ein moderner Pkw. SUVs soweit das Auge reicht: GMC Yukon, Mercury Mountaineer und runtergenudelte Lincoln Navigator touren durchs Land. Dazu reichlich Pick-ups – mit dabei Fords größte Sorge: der F150. Über 200 Monate war der Wagen Amerikas meist verkauftestes Auto und hielt Ford am Leben. Jetzt setzt die große Limousinisierung ein, SUVs und Pick-ups stapeln sich bei den Händlern bis zum Himmel. Wer in den USA automobilmäßig was bewegen will, muss es jetzt tun. Es ist zwar selten, aber tatsächlich sehen wir ab und zu einen Hybriden auf dem Highway – hier könnte ein Diesel seine Vorteile gegenüber dem auf Stadtverkehr ausgelegten Hybrid-System ausspielen. Aber ob Diesel oder Hybrid: Selbst Toyota macht in dieser Gegend vornehmlich Werbung für die Modelle Tundra, 4Runner, Sequoia, Highlander, FJ Crusier und Tacoma – fette SUVs und Pick-ups, die es in Deutschland nicht zu kaufen gibt.

Die Meilen steigen
Trotz unseres Abstechers runter vom Highway steigt unser Meilen-Wert: 31,5 Meilen pro Gallone, also 7,5 Liter pro 100 Kilometer. In der Mittagspause kommen wir mit einheimischen SUV-Fahrern in Gespräch. Als erstes wollen sie unsere Milage wissen. Wir erzählen was von etwas über 30 und ernten beinahe entsetzte Gesichter. Dann die schnelle Antwort: "Mein Wagen schafft so acht bis neun Meilen pro Gallone" – ein Verbrauch von über 23 Liter pro 100 Kilometer. Trotzdem bleibt der Ami skeptisch, schließlich muss er sich beim Umstieg auf Diesel für den mit Abstand teuersten Kraftstoff entscheiden – Diesel kostet in den USA bis zu 25 Prozent mehr als Benzin. Shell will beim Dieselangebot ganz groß rauskommen, wirbt damit, den besten Diesel anzubieten. Und wir können uns des Eindrucks nicht erwähren, dass der jeweilige Shell-Tankstellenpächter nochmal richtig einen schönen Preisaufschlag verlangt, wenn unser Test-Troß einen Boxenstopp einlegt – wie gesagt: Die Sprache des Geldes verstehen die Amis.

Unter dem Baumwollfaden
Zurück auf dem Highway ziehen sich tiefe Kratzer über unsere Motorhaube. Aber mit einem Wisch verschwinden die Riefen – bei genauerem Hingucken entpuppen sie sich als Baumwollfäden, die an unserem Q5 hängen bleiben. Die Mais-Ödnis wechselt zur Baumwoll-Tristesse. Vertrocknete Baumwollpflanzen mit gräulichen Stoff-Blüten werden unterbrochen von Ausfahrten die sich "Adult Exxxit" nennen: Hier werden in Erwachsenen-Superstore-Bretterbuden Pornos feilgeboten – den vollen Parkplätzen nach zu urteilen, eine gern angenommene Abwechslung in dieser tendenziell reizarmen Gegend. Über eine heftig illuminierte Brücke trudeln wir schließlich in Memphis ein – bei 32,9 Meilen, also 7,1 Liter pro hundert Kilometer, bleibt unser Durchfluss-Messgerät stehen. Die Sieger des heutigen Tages haben 38,5 Meilen pro Gallone, also einen Verbrauch von 6,1 Liter hingelegt – ein extremer Minimalwert, schwitzend errungen mit ausgeschalteter Klimaanlage und im Schlepptau eines Trucks. Unsere 7,1 Liter sind für einen beinahe zwei Tonnen schweren Wagen wie den Q5 ebenfalls nicht schlecht – und unter reellen amerikanischen Fahrbedingungen entstanden.

Gammliges Herz
Wir überholen Häuser. ,Moms Mobile Homes" plakatiert: "Own the house OR the ground". Häuser dürfen in Texas nur 50 mph fahren, weshalb wir ständig an diesen überbreiten Dingern vorbei müssen. Texas – der Staat, wo ein Mann noch ein Mann ist, oder? Wir sehen unter Funkmasten grasende Rinder von klappriger Statur. Auf den Weiden stehen rostige Pferdekopf-Pumpen. Sie stehen, haben nichts zu pumpen. Der Weg nach Amarillo führt durch komplett verdämmerte Städte, ehemalige Bahnstationen, wo die Bahn seit den 60er Jahren nicht mehr hält. White Trash Area: Hier gibt es nur verfallene Hütten, Schrottautos und ein gerüttelt Maß an Hoffnungslosigkeit. Die Erotik-Läden sind verschwunden, ersetzt durch Waffen-Shops. Selbst im Wal Mart holen sich die Leute nicht nur Hustensaft, Abflussreiniger und Camping-Benzin, um sich die Loser-Droge "Meth" zu kochen – nein, in der Outdoor-Abteilung drehen sich auch Pump Guns appetitlich auf einem Show-Karussel. Wir werden eindringlich gewarnt: Wer hier fremdes Land betritt, wird einfach erschossen. Und wer sich gesund ernähren will, muss auswandern. Überall Werbung für 72-Unzen-Steaks – das sind über zwei Kilogramm. Unfassbar, wie kaputt diese führende Wirtschaftsnation in ihrem Herzen ist.

We buy ugly houses
Desillusioniert verlassen wir Texas, winden uns über New Mexico nach Colorado. Unser mpg-Wert sinkt auf 31,2 also 7,6 Liter pro hundert Kilometer ab. Aber die Berge und die nicht mehr vorhandenen Müll-Städte stimmen uns froh. Verrückte Riesen-Plakate erleuchten uns: "Change your life: God is good – every time", "Jesus is the answer" und "I choose to wait – abstinence until marriage" mit einer lächelnden jungen Frau daneben. Ein paar hundert Meter weiter kehren die Amis in der Restaurant-Kette Hooters ein – beliebt wegen der blonden Bedienungen, deren pralle Oberweiten den Gästen aus weißen Blusen entgegenbersten. Die wahren Probleme liegen offen zutage: "We by ugly houses" wirbt eine Immobilienfirma. Wegen der Immobilienkrise sind viele Familien komplett verarmt. Trucker werden gesucht, für bis 42 US-Cent pro Meile, zirka 19 Euro-Cent pro Kilometer – nach 300 Jahren sind dann alle Schulden abbezahlt.

Vorsprung durch Technik
Zwischen den ganzen US-SUVs sehen wir unseren Audis den Vorsprung durch Technik an. Der Fahrer eines abgeranzten Lexus RX300 springt aus seinem Wagen und betet zu uns, meint, der Q5 sei sein Traumauto. Lexus selbst macht Werbung mit dem IS F, der 170 mph schaffen würde. Am erloschenen Capulin Vulkan passt uns wieder ein Amerikaner ab. Auch er ist begeistert von unseren Verbrauchswerten, auch sein SUV kommt pro Gallone nur acht Meilen weit. Aber er ist mit einem bei uns nahezu unverkäuflichen Chrysler PT Cruiser da und der Meinung, dieses Auto käme aus Deutschland. Dann guckt er auf die vier Ringe in unserem Grill und fragt: "Ist das ein Mercedes?" Die Frage meint er ernst. Kann das Thema "Diesel" die amerikanische Oberflächlichkeit jemals durchdringen? Nur wenn der Preis stimmt.

Für eine Hand voll Tropfen