Audi Accident Research Unit (AARU) erforscht Verkehrsunfälle

Ein Horrorszenario: Auf einer Autobahn schert ein Fahrzeugtransporter auf die linke Spur aus, um einen Lkw zu überholen. Dabei übersieht der Fahrer den von hinten ankommenden Audi A6 Avant. Der prallt mit 140 km/h gegen den Auflieger. Wie durch ein Wunder erleiden die Insassen nur leichte Verletzungen. Der Crash ereignete sich tatsächlich im April 2008.

Auf der Spurensuche
Nach solchen Unfällen geht die so genannte Audi Accident Research Unit (AARU) auf Spurensuche. Der Automobilhersteller rief das interdisziplinäre Forschungsprojekt im Jahr 1998 ins Leben und finanziert es seither komplett. Wir waren in Ingolstadt und haben uns näher über die firmeneigene Unfallforschungs-Abteilung informiert. Ziele sind die Steigerung der allgemeinen Verkehrssicherheit, die Weiterentwicklung der Sicherheitsausstattung aktueller und zukünftiger Audi-Modelle sowie die Mitwirkung bei der Entwicklung effizienter Fahrerassistenzsysteme bis hin zum ,Unfallvermeidenden Automobil". Weitere AARU-Partner sind die Abteilung Unfallchirurgie des Klinikums der Universität Regensburg und die bayerische Polizei.

Verschiedene Auswahlkriterien
Die Unfallexperten treten immer dann in Erscheinung, wenn verschiedene Parameter zutreffen: Audi-Modelle, die nicht älter als zwei Jahre sind, waren an einem Verkehrsunfall beteiligt, außerdem wurden Personen verletzt, ein Airbag löste aus und/oder die beteiligten Fahrzeuge wurden stark deformiert. Dabei ist es unbedeutend, ob die in Mitleidenschaft gezogene Person ein Radfahrer oder ein Fußgänger ist. Die Unfallerhebung findet nahezu ausschließlich in Bayern mit den Schwerpunkten Ingolstadt und Regensburg statt.

Unfallprotokolle der Polizei
Ist also ein Audi-Modell bei einem Verkehrsunfall beteiligt, informiert die Polizei die medizinischen und wissenschaftlichen AARU-Teams. Zudem stellen die Ordnungshüter alle Unfallprotokolle und Bilder unter Berücksichtigung des Datenschutzes zur Verfügung. Die Regensburger Mediziner fahren dann in die jeweiligen Krankenhäuser oder zur Unfallstelle, um die Verletzten beziehungsweise die Beteiligten zu befragen und die Krankenblätter einzusehen.

Zirka 3.000 Einzeldaten pro Unfall
Das Audi-Team untersucht den Unfallort und das betroffene Fahrzeug. Bei der Analyse werden die Autos bis zu vier Stunden genauestens durchleuchtet, vermessen und dokumentiert. Nahezu gleich lang dauert die Begutachtung und Vermessung der Unfallstelle, so die AARU-Teamkoordinatorin Birgit Graab. Zur Dokumentation werden bis zu 400 Fotos gemacht. Anschließend wird der Unfallhergang mithilfe einer speziellen Software rekonstruiert und simuliert. Der Zeitaufwand für eine ganzheitliche Unfallanalyse beträgt ungefähr eine Woche. Am Ende werden pro Crash zirka 3.000 technische, psychologische und medizinische Einzeldaten in der AARU-Datenbank abgespeichert.

Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen
Die Hauptursache vieler Verkehrsunfälle ist menschliches Fehlverhalten. Wieso kam es zu dem Crash? War der Fahrer abgelenkt, stand er unter Stress? Was passierte unmittelbar vor einem Unfall? Diesen Fragen geht ein zusätzliches AARU-Team mit einem Diplom-Psychologen nach. So entsteht die Möglichkeit, anhand von realen Verkehrsunfällen aussagekräftige Erkenntnisse über das Verhalten und die Empfindungen der Fahrer in der Pre-Crash-Phase zu erhalten. Die Ergebnisse können dann in die Gestaltung von Fahrerassistenzsystemen einfließen. Denn eine optimale Anpassung der technischen Helferlein ist nur dann möglich, wenn das typische Verhalten des Fahrers in kritischen Situationen bekannt ist.

Virtuelle Crashs
Noch bevor es überhaupt Prototypen eines neuen Autos gibt, werden virtuelle Crashtests gestartet. Bei den Ingolstädtern übernimmt das ein Verband aus 608 Rechnern – es handelt sich laut Audi um den schnellsten Computer der Automobilindustrie. Während der 48-monatigen Entwicklungsphase durchläuft ein Modell über 1.000 Simulationen pro Woche. Bevor der erste Prototyp gebaut wird, hat das Auto also bereits über 100.000 Computer-Crashs hinter sich. Außerdem ermöglichen die Animationen, auf Kundenanforderungen und Erkenntnissen der AARU schnell zu reagieren. Wenn die Entwickler es dann zum ersten Mal bei einem realen Crash ordentlich krachen lassen, haben die Fahrzeuge schon einen relativ hohen Sicherheitsstandard erreicht.

Lauter Knall
In einer speziellen Test-Halle auf dem Audi-Firmengelände in Ingolstadt finden täglich reale Crashs statt. Anlässlich des AARU-Jubiläums waren wir bei einem Live-Crash dabei. Ein neues Audi A3 Cabrio wurde mittels Stahlseil gegen ein Hindernis gezogen. Die Aufprallgeschwindigkeit betrug 56 km/h. Mit einem unglaublich lauten Knall schlug der Wagen auf den blauen Klotz auf. Sehr beeindruckend war, wie weit der Pkw von der Aufprallwucht zurück gestoßen wurde. Bei dem Zusammenstoß deformierte sich die komplette Front – ein Versicherungs-Gutachter würde zu Recht behaupten, dass es sich hier um einen wirtschaftlichen Totalschaden handelt. Den Dummies ist dank Sicherheitsgurten, Airbags sowie sicherer Fahrgastzelle kaum etwas zugestoßen. Dieser Crash-Test liefert Daten für die so genannte ,Überprüfung der laufenden Serie". Während eines Modell-Zyklus werden die Fahrzeuge immer wieder getestet, ob die Werte noch stimmen. Die Wracks werden danach entweder eingelagert oder verschrottet.

Klimatisiertes Dummy-Labor
Seit kurzem verfügt Audi sogar über ein eigenes Dummy-Labor. Dort werden die Crash-Puppen vor jedem Versuch neu kalibriert und mit einer speziellen Kreidefarbe lackiert. Anhand der Bemalung kann nach den Tests untersucht werden, mit welchen Fahrzeug-Komponenten die jeweiligen Körperteile Kontakt hatten. Für die vielen unterschiedlichen Versuchsanforderungen gibt es spezielle Gummi-Attrappen: Front-, Seiten- und Heckcrash-Dummies. Die Dummies werden bei einer Temperatur zwischen 19 und 22 Grad gelagert. Die gleich bleibende Atmosphäre ist außerordentlich wichtig, weil sich sonst die Konsistenz der Gummi-Haut verändern könnte: Ist es wärmer als 22 Grad, wird der Gummi zu weich, ist es kühler als 19 Grad, wird das Material zu hart. Beide Gegebenheiten könnten die Testergebnisse verfälschen. Ein erwachsener Dummy kann übrigens bis zu 150.000 Euo kosten. Auf den ersten Blick ist das viel Geld, denkt man aber an die Menschenleben, die dank der Dummy-Ergebnisse gerettet werden, ist das eine vernachlässigbare Summe.

Bildergalerie: Audi lässt es krachen